A Bus Zett

Erst die deinbus.de-Geschichte, dann Ramsauers Gesetzesentwurf zu einem besseren Fernbusnetz für Deutschland: Das Verkehrsmittel ist hoch im Trend. Zeit, es einmal von A bis Z zu durchleuchten
christian-helten



A wie die Alten
Der Bus ist – abgesehen von Klassenfahrten – hauptsächlich Reiseverkehrsmittel älterer Menschen, die einen Kurztrip zur Tulpenblüte in Amsterdam unternehmen oder einer Einladung zur Kaffeefahrt folgen. Einfach bei der nächsten Autobahnfahrt mal folgendes Spiel spielen: Wer zuerst einen Reisebus sieht, aus dem einen keine müden Rentner anschauen, hat gewonnen.

B wie Backpacker
Als junger Mensch reist man meistens nur beim Südamerika- oder Asientrip im Bus. Es ist am billigsten, und bei einem dreimonatigen Trip ist es ja nicht so schlimm, wenn die Fahrt zur Inka-Ruine 23 Stunden dauert. Vom Chaos am Busbahnhof kann man tolle Fotos machen und der Motorschaden in Panama gibt eine tolle Anekdote für den Diavortrag her.

C wie Citaro
So heißt das Busmodell von Mercedes, das Berliner Buspassagieren ein bisschen Nervenkitzel auf ihrem Weg zur Arbeit verschafft. In den vergangenen zwei Jahren sind sechs der gelben Berliner Busse ausgebrannt. Ursache unklar, aber jedenfalls keine Fremdeinwirkung von Brandstiftern. Die Berliner Verkehrsbetriebe hat die 91 Busse zu Untersuchungen zwischenzeitlich aus dem Verkehr gezogen.

D wie Deinbus.de
Ein paar Studenten sind mit einer schlauen Idee zu Geschäftsmännern geworden. Im Urlaub waren sie mit Bussen gut gefahren und merkten, dass es in Deutschland ein wesentlich schlechteres überregionales Busnetz gibt, weil die Bahn eine Art Fernreisemonopol besitzt (siehe Weimarer Republik). Sie fanden eine Lücke in den gesetzlichen Bestimmungen und bieten deshalb Busreisen als eine Art Fahrgemeinschaft an: Reisewillige können sich zusammenschließen und Mitfahrer für eine Busfahrt suchen. Die Bahn witterte Konkurrenz und klagte. Am vergangenen Mittwoch lehnte das Landgericht Frankfurt die Klage ab.

E wie Enge
Wohin mit den Beinen? Das fragt sich bei einer Busreise, die länger als vier Stunden dauert, jeder.Der Abstand zwischen zwei Sitzen beträgt bei einem durchschnittlichen Reisbus etwa 65 Zentimeter.

F wie Fahrer
Die meisten Busfahrer herrschen wie Tyrannen über die 50 Sitzplätze hinter ihnen. Das ist ihr Reich, hier gelten ihre Regeln. Ihre Überlegenheit zeigen sie durch herablassende Blicke von ihrem gefederten Fahrerthron, dem Schweigen, mit dem sie auf das Schild „Nicht mit dem Fahrer sprechen“ deuten, wenn man es doch einmal wagt, sie irgendetwas zu fragen, und dem Ignorieren von Fahrgästen, die den Linienbus im Sprint noch zu erreichen versuchen: Tür zu, Abfahrt. Die nettesten Fahrer in Reisebussen verkaufen wenigstens noch Getränke zu vollkommen überteuerten Preisen.

G wie Grüppchenbildung
Dass es auch in Reisebussen eine Anschnallpflicht gibt, vergessen die meisten – sofern sie es überhaupt jemals wussten. Das erleichtert die Grüppchenbildung bei der Klassenfahrt, weil man sich im Sitz bequem nach hinten umdrehen und über die Lehne nach hinten Karten spielen oder über den Rücklehnen-Konferenztisch hinweg schon die Zimmerverteilung in der Jugendherberge planen kann.

H wie Hinterste Reihe
Die begehrtesten Plätze im Bus sind die in der hintersten Sitzreihe. Da sitzen im Schulbus die  die coolen Jungs und blicken von hinten auf die Plebs. Im Rücken der anderen lästern sie oder bereiten Angriffe der Papierkügelchen-Artillerie vor. Bei Fernreisen wichtig: Der Mittelplatz der hintersten Reihe ist der einzige mit Beinfreiheitsgarantie.

I wie Intimitäten
Schwierig, wegen Mitreisenden.

J wie Jalousienkampf
Das Seitenfenster eines Busses erstreckt sich über mehrere Sitzreihen. Deshalb hat man anders als im Flugzeug nicht die Alleinherrschaft über Licht und Schatten. Wenn die Sonne blendet und die Busfahrt zur Saunakur werden lässt, sitzt vor einem hin und wieder ein hitzeresistenter Mensch, der die Aussicht genießen will und sich gegen die Verdunklung sträubt.    

K wie Klo-Atrappe In den meisten Bussen gibt es an der hinteren Einstiegstreppe zwar eine Türe mit der Aufschrift WC. Es ist aber nicht überliefert, ob diese Türe auch jemals zum Zwecke der Erleichterung durchschritten wurde. Meistens ist sie defekt oder verschlossen, Letzteres wird mit dem Gerücht begründet, die Toilette dürfe während der Fahrt aus Sicherheitsgründen nicht benutzt werden. Die wahren Gründe haben wohl eher mit Busfahrern zu tun, die auch für die Reinigung der Toilette verantwortlich sind. Nebeneffekt: Häufige Pinkelpausen.  



L Lloret de Mar
Party, Party! Nichts wie hin, und die Party kann gerockt werden! Jedes Jahr lassen sich Tausende von trink- und feierwütigen Jugendlichen von solchen Sprüchen an den Mittelmeer-Jugend-Ballermann in Lloret de Mar locken. Wie sie da hinkommen? Mit dem Bus, der dadurch nicht nur Transportmittel ist, sondern auch erste Party-Location.



M wie Magenprobleme
Treten häufiger auf südamerikanischen Passstraßen auf. Und natürlich auf dem Weg nach Lloret de Mar, hier liegt die Ursache jedoch nicht in Kurven und Schlaglöchern begründet.

N wie Nachbar
Im Linienbus egal. Bei der Fernreise im Prinzip auch, solange er nicht unangenehm durch Geruch, nervige Geschwätzigkeit oder übermäßigen Platzbedarf auffällt. Auf der Klassenfahrt ist der Nachbar aber von großer Bedeutung, ist er doch Ausdruck des sozialen Status in der Klasse. Im Schulbus besteht die Kunst darin, möglichst oft neben dem tollen Mädchen zu sitzen. Natürlich muss das Timing stimmen, damit es das Zustandekommen der Nachbarschaft möglichst zufällig erscheint.

O wie Otto
Busfahrer der Simpsons, und damit der berühmteste der Welt. Markenzeichen: Kopfhörer, unverantwortliches Fahrverhalten und Weigerung erwachsen zu werden. Ist aber immerhin der einzige, der zu Bart Bartimaus sagen darf.

P wie Pumuckl
Streitpunkt bei Bus-Ausflügen mit Publikum verschiedenen Alters ist die Musik- bzw. Hörspiel-Auswahl. Die Skikurs-Zwergengruppe will den rothaarigen Klabauter und Meister Eder hören, der Snowboard-Anfängerkurs die Guano Apes mit Lord of the Boards und die Kegelgruppe aus Etterschlag gibt dem Busfahrer die Schlager-CD.

Q wie Qual
Wird jede Busreise, die länger als sechs Stunden dauert. Wichtigste Maßnahme, um ein Mindestmaß an Erträglichkeit für den Körper aufrechtzuerhalten, ist das aufblasbare Nackenkissen. Das hält den Kopf auch beim Wegnicken in einer einigermaßen anständigen Position und ist weicher als die Schulter des Sitznachbarn.

R wie Rausschmiss
Brutalste Maßnahme des Tyrannen-Schulbusfahrers, der sich der Meute schulschlusstrunkener Pubertierender nicht mehr anders zu erwehren weiß. Häufig auftretende Variante: wenn an der Tür zu sehr gedrängelt wird, wird sie einfach geschlossen.

S wie Schienenersatzverkehr
Leider gehen Bahnen manchmal (in Berlin: oft) kaputt, oder es müssen Gleise oder Weichen ein halbes Jahr lang repariert werden. Dann wird ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Aus irgendeinem Grund gibt es aber immer weniger Busse als man für die Menschen bräuchte, die in der U-Bahn zuvor relativ gemütlich Platz gefunden haben.

T wie Tiere
In Bussen hierzulande eher selten zu sehen. Bei Busreisen in abgelegenen Urlaubsregionen sind Hühner als Sitznachbar und Ziegen auf dem Dach aber durchaus möglich. Brennende Frage: Gelten die Tiere als Gepäckstücke oder als Passagiere?

U wie Unterhaltung
Ohne Klassenfahrten in Bussen hätten der Gameboy und anderer portabler Schnickschnack der Unterhaltungsindustrie nie eine solche Erfolgsgeschichte schreiben können. Der Bus ist für die meisten normalen Spiele nicht wirklich geeignet: Kein Platz für das Schachspiel, in den Kurven fallen die Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Figuren um, fürs Kartenspielen fehlt ein anständiger Tisch. Also muss man Tetris gegeneinander spielen. Oder Musikhören mit Ohrstöpsel-Teilen. Am besten natürlich mit der Klassenhübschesten.

V wie Videos
DVDs schauen im Bus, voll super, das mag jeder! Denken die meisten Busfahrer in Südamerika. Besonders nachts lassen sie es sich nicht nehmen, den Fahrgästen ihre gesamte Vietnam-Kriegsfilm-Kollektion zu zeigen. Das Gute an dieser Filmauswahl: Wer die Filme sehen will, muss die Sprache nicht verstehen. Die Handlung von Rambo-Filmen erschließt sich auch mit schlechtem Spanisch. Das Schlechte: Schlafen kann man in so einer Schützengraben-Akustik vergessen.

W wie Weimarer Republik
Der Grund für die geringe Zahl Fernbuslinien ist ein Gesetz aus der Weimarer Republik. Das Personenbeförderungsgesetz von 1931 behält Linienverkehr zwischen Städten der Bahn vor. Neue Buslinien erlaubt es nur, wenn sie „deutliche Verbesserung des Angebots“ mit sich bringen. Ein Gesetzesentwurf aus dem Verkehrsministerium könnte das bald ändern.

Z wie ZOB
Die Abkürzung steht für „Zentraler Omnibusbahnhof.“ Eigentlich blöd, das als Bahnhof zu bezeichnen, wenn doch nur Busse fahren. Da könnte der mal jemand einen Wettbewerb für eine neue Wortschöpfung ausrufen.



Text: christian-helten - Illustration: Katharina Bitzl

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