A wie Am Arsch der Welt

Eine Jugend auf dem Land ist ganz und gar nicht romantisch, sondern oft grausam. Deshalb: Ein A bis Z zum Aufwachsen in der Provinz. Plus: Die Übersicht zum großen jetzt.de-Landmagazin.
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Am Arsch der Welt Gefühlte Ortsbezeichnung, die sich bei Jugendlichen auf dem Land im Alter von 13 bis 18 einstellt, die weder im Fußballverein, noch im Burschenverein, noch in der Kolpingjugend Mitglied sind. Erst nach erfolgreicher Landflucht relativiert sich dieses Empfinden. Wirklich am Arsch der Welt sind nämlich nur Orte wie Franz-Joseph-Land, Tristan da Cunha und Kamtschatka.

Bauern Sammelbegriff für Menschen, deretwegen man seine Jugend auf dem Land hasst – es geht nicht um die Diskriminierung eines Berufsstands. Die Bauern sind die anderen: Sie sprechen meistens kein Hochdeutsch, sind in -> Vereinen organisiert, und außerdem groß, brutal und am Wochenende betrunken. Cover-Bands Treten auf Weinfesten und ähnlichen Festivitäten auf. Coverbands Setzen sich aus vier bis sechs männlichen Mittdreißigern (oft mit Lederwesten) zusammen und spielen ausschließlich blechern klingende Coverversionen für eine alkoholisierte Menge: „Sweet Home Alabama“, „I wui nur z’ruck zu Dir“ oder irgendwas von Bon Jovi. Dorfdisko Tragen Namen wie „Twilight“, „Nightflight“ oder „Out of Munich“. Draußen vor der Tür prügeln sich dann der Deininger Rudi und der Stattler Schorschi mit Özcan und Hassan, weil der Rudi nach fünf Wodka Bull „blöd die Sandy angeschaut hat“. Die Sandy war mal die Freundin vom Schorschi, ist aber jetzt mit dem Cousin vom Özcan zusammen, der wiederum leicht „austickt, wenn ihn einer krass langweilt“. Nach der Prügelei steigen beide Parteien jeweils in einen getunten Golf GTI mit Extra-Subwoover und rasen über Landstraßen und Feldwege nach Hause (siehe -> Unfall) Wer glaubt, auf dem Land passiere nachts weniger, irrt gewaltig. Drogen, Sex und Schlägereien kommen in Dorfdissen mindestens genauso häufig vor wie in Szene-Clubs von Großstädten. Nur die Musik ist schlechter. Esel Klingt unglaublich, ist aber wahr: In abgelegenen Dörfern in Kolumbien sammelt die männliche Dorfjugend ihre ersten amourösen Erfahrungen mit Eseln. Wer das nicht glaubt, schaut das hier Führerschein Das Versprechen der großen Freiheit, die Erlösung, die Eintrittskarte in ein menschenwürdiges Leben – mag übertrieben klingen, wird von Landjugendlichen aber nicht selten genauso empfunden. Jungs ohne Führerschein haben nur in seltenen Fällen Aussicht auf eine Freundin. Auf der anderen Seite genießen Menschen mit Fahrerlaubnis eine fast unterwürfige Beliebtheit, die nur mit der von Drogenbossen, Top-Managern und Staatspräsidenten zu vergleichen ist.

Gülle Macht den Landgeruch, riecht nach Scheiße, ist Scheiße. Heimat Inniges Gefühl von Ortsverbundenheit, das sich aber immer erst nach dem Wegzug einstellt, und zwar dann, wenn man Sonntags die Eltern besucht und mit Marmeladengläsern bepackt, den Ort seiner Kindheit wieder verlässt (Siehe auch Wir Kinder aus Ing) Ing Beliebte Endung der Dörfer im Speckgürtel Münchens. Laut des „Heimat- und Sachkundeunterrichts“ in der Grundschule bedeutet das altgermanische Suffix eine Zugehörigkeit zu einem Menschen oder Ort. Jauche Siehe -> Gülle


Kühe umschmeißen Nachts schleicht man sich zu zweit oder zu dritt auf eine Weide und sucht sich eine Kuh aus. Dann Anlauf nehmen und auf das im Stehen schlafende Tier zu rennen. Da Kühe starken Druck schnell nachgeben, lässt sich das Viech zur Seite fallen. Jetzt schnell wegrennen, da die Kuh nach dem unsanften Aufwecken wie wild zu galoppieren beginnt. Klingt so fies wie plausibel, ist aber aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mythos. Ausführlich damit beschäftigt sich der Artikel Cow Tipping – Myth or Reality? Letzte S-Bahn Wer sie verpasst, muss das Loch zwischen 2 Uhr und 5 Uhr nachts entweder verfeiern oder auf einer Parkbank mit Bier, Döner und Zigaretten überbrücken. Bei der darauffolgenden S-Bahnfahrt macht dann der Organismus schlapp, was im Extremfall zu einem mehrstündigen schläfrigen Pendeln zwischen zwei S-Bahnendhaltestationen führen kann. Mofagang Auf dem Sportplatz eines „–ing-Dorfs“ im Speckgürtel Münchens Mitte der Neunziger. Es treten auf Mofagangmitglied 1, Mofagangmitglied 2, beide sitzend auf ihren Mofas, frustrierter Landjugendliche. MogaMi 1: „Wollt der Luki nicht schon längst da sein?“ MogaMi 2: „Was?“ MogaMi 1: „Der Luki“ MogaMi 2 macht den Motor seines Mofas aus. MogaMi 1: „Der Luki wollt auch noch kommen.“ MogaMi 2: „Wart' ma halt. Der wird schon kommen“. MogaMi 2 schaltet den Motor seines Mofas wieder an und spielt mit dem Gas. MogaMi 1: „Der Luki wollt die „Poison“ von Alice Cooper mitbringen.“ MoGaMi 2: „Was?“ MogaMi 2 macht den Motor seines Mofas wieder aus. MogaMi 2: „Der Luki wird schon kommen, wenn er g’sagt hat, dass er kommt.“ Beide blicken auf die Hochsprungmatte, erkennen den frustrierten Landjugendlichen mit Skateboard. MoGaMi 1: „Scheiß Rapper“ MoGaMi 2: „Wenn den der Luki sieht, gibt’s Ärger.“ Beide machen den Motor ihres Mofas an und spielen mit dem Gas. Benzindampf. Nach einigen Minuten erscheint der Wirt der Sportgaststätte und fordert die beiden auf, die Motoren auszumachen.


Nachtbus Im 0.05-Uhr-Nachtbus trafen sich jedes Wochenende die Coolen des Dorfs. Die, die noch keinen -> Führerschein besaßen, aber trotzdem raus wollten. Der Bus der Linie 598 beförderte die Verdammten des Landes vom einzigen S-Bahnhof ins fünf Kilometer entfernte Dorf. Da die Insassen meistens noch alkoholisiert waren, kam es hier häufig zu pubertären Exzessen: Andi erweiterte die Sammlung seiner Nothammer. Melanie rauchte im Bus. Frank kokelte die Sitze an und irgendjemand verdrosch immer den dicken Mario. Im Nachhinein bewundernswert: Die Ruhe des Busfahrers. Ordnung Der Garten, die Höhe des Gartenzauns, die Farbe des Dachs, der Balkon, die Farbe des Balkons und die der Fensterläden, die Höhe der Bäume. Strenge Bauvorschriften sollen verhindern, dass Dörfer ihren Charakter verlieren, führen aber letztlich nur einer Monotonie der Gebäude.

Per Anhalter Einzige Möglichkeit auf dem Land unabhängig von den Eltern unterwegs zu sein, weshalb auch Wartezeiten von einenhalb Stunden in Kauf genommen werden. Ruf, guter Dorfschlampe, siehe Interview Saufen Freizeitbeschäftigung sowohl von Mitgliedern des Burschen->vereins als auch der restlichen Landjugend. Saufen wird auf dem Land tendenziell exzessiver betrieben, was an Reizarmut und kultureller Verbundenheit liegt. Tiere Stadtkinder beneiden Landkinder ja um deren angeblich so intensiven Kontakt zu Tieren. De facto gibt es auf dem Land aber kaum mehr Tiere als in der Stadt, nämliche sind: Hund, Katze, Kuh, Schwein, Zwergkaninchen. Mag sein, dass ab und zu auch mal ein Schaf oder eine Ziege auftaucht. Wer aber glaubt, Jugend auf dem Land bedeute Leben im Streichelzoo, der hat noch nie die flurbereinigte, auf Agrarprodukte fixierte Ödnis Mitteleuropas gesehen. Unfall Laut Statistik sind in ländlichen Gebieten besonders viele 18- bis 24-Jährige an Verkehrsunfällen beteiligt; Mehr dazu : "Und dann haut das mit dem Bremsen nicht mehr hin" V wie Verein Wer nicht Mitglied im Schützenverein, Burschenverein, Tennisverein, Fußballverein, Tischtennisverein, Männergesangverein, Schäferhundverein, Kegelverein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr ist, hat auf dem Land ein Problem. Er ist vom sozialen Leben weitgehend ausgeschlossen. Wiedenborstel Ist mit fünf Einwohnern die kleinste Gemeinde Deutschlands. Alle fünf Einwohner gehören zu einer Familie, die einen Gutshof umrandet von Waldstücken bewohnt. Wiedenborstel liegt in Schleswig-Holstein. Xenophobie „Kenn ich nicht, mag ich nicht“ – auch wenn dieses Vorurteil manchmal zutreffen mag, sind ländliche Jugendliche nicht per se fremdenfeindlich. Die Voreingenommenheit gegenüber Fremden rührt eher daher, dass die sozialen Strukturen auf dem Land fester sind. Der Kontaktbedarf ist daher geringer.

Zurückgebliebene Ziehen nach dem Abitur nicht in die Stadt, weil „die Mieten ja da viel höher sind“. Sie haben einen soliden Job, heiraten Anfang 20 und bauen dann am Haus der Eltern an. Andere werden Nazis.

Text: philipp-mattheis - Illustration: Judith Urban

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