"Aber hier leben, nein danke!"

"Sudern" bedeutet auf Österreichisch "jammern". Eigentlich will unsere Autorin das nicht, vieles ist in Österreich auf einem guten Weg. Aber das Ergebnis der Nationalratswahl lässt ihr dann doch keine Alternative, als einmal ordentlich zu sudern.
simone-groessing

“Aber hier leben, nein danke” ist nicht nur ein Song von Tocotronic, sondern ein Zitat, das in Österreich seit 2005 so etwas wie Kultstatus innehält. Die österreichische Sängerin Gustav bedankte sich mit diesen Worten damals vor laufenden Kameras für die höchste österreichische Popauszeichnung: den „Amadeus“. Gemeint war das Statement vermutlich als Absage an die damalige rechte Politik der schwarz-blauen Regierung unter dem Konservativen Wolfgang Schüssel und dem Rechtspopulisten Jörg Haider.  

Diese fünf Wörter drangen mir am Sonntag wieder ins Gedächtnis, als ich die erste Hochrechnung der österreichischen Nationalratswahlen sah. Ähnliche Bestürzung über das Wahlergebnis war auch in meinen Social Media Kanälen zu lesen. Der Grund: Das Abschneiden der rechtspopulistischen „Freiheitlichen Partei Österreich“ – kurz FPÖ. Sie konnte stark zulegen und die christlich-konservative Volkspartei (ÖVP) fast von ihrem zweiten Platz verdrängen. Die Sozialdemokraten (SPÖ) haben die Wahl zwar knapp gewonnen, jedoch mit dem schlechtesten Wert aller Zeiten. Eine Weiterführung der schwarz-roten Koalition ist wahrscheinlich, rein rechnerisch könnte sich aber auch wieder ein rechtes Bündnis ergeben.  

Ich erinnere mich als, Anfang der Nuller-Jahre mein Geschichtslehrer uns Pubertierenden kopfschüttelnd erklärte, dass Kanzler Schüssel die Rechten zähmen will, indem er ihnen Verantwortung gibt und sie in die Regierung holt. Heute brauchen die Rechten jedoch diese Hilfestellung nicht mehr, um in die Bundesregierung zu kommen. Sie werden es wohl bei den nächsten Wahlen von alleine schaffen.  

Die fünf Wörter von Tocotronic fielen mir auch deswegen wieder ein, weil sie das widerspiegeln was viele junge Leute hierzulande denken: Wir mögen es eigentlich in Österreich, es könnte sich hier schön und gut leben lassen. Nur gibt es da leider auch ein sehr großes „aber“: dieses Land ist keinster Weise fortschrittlich. Das macht es schwer, hier sein zukünftiges Leben verbringen zu wollen. Sei es, weil mit der FPÖ eine Partei der Gewinner der Wahlen ist, die gegen die Europäische Union wettert und den Schilling wieder einführen möchte. Eine Partei, bei deren Parteiveranstaltungenund auf deren Facebook-Seite es nur so von Nazi-Gesten wimmelte und deren Mitglieder wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung verurteilt wurden. Oder sei es, weil sich plötzlich auch niemand mehr an die Korruptionsskandale der schwarz-blauen Regierung erinnern kann, unter denen die Republik noch heute wirtschaftlich leidet wie etwa der Wirtschaftskriminalfall der Hypo-Alpe-Adria. Oder, dass ein 80-jähriger, oftmals schon als „senil“ oder „dement“ bezeichneter Industrieller namens Frank Stronach uns im Wahlkampf immer wieder daran zweifeln lies, ob wir es nicht doch mit einem Satireprojekt zu tun haben”, es ernsthaft zu einem Mandat brachte.  


Ich wärme nur ungern Altes auf, aber in Österreich muss man das tun, denn die österreichischen Syndrome sind Stillstand und Alzheimer. Die österreichische Gesellschaft will nicht aus ihren Fehlern lernen. Wer jung ist und etwas bewegen will, wird das nicht in Österreich tun, er geht weg. Zahlen zeigen, dass die junge Bildungselite ins Ausland flüchtet. Ich kenne dieses Phänomen auch aus dem eigenen Bekanntenkreis und von mir selbst, lieber woandershin zu gehen, wo man nicht nur mit „Freunderlwirtschaft“ erfolgreich ist, sondern noch mit Können und Innovation. Eines steht fest: Österreich ist für junge Menschen die etwas verändern wollen kein sonderlich attraktives Land.  

Dabei lässt sich aus dem Verhalten der Jungwähler eindeutig erkennen, dass viele Veränderung wollen, aber dafür unterschiedliche Mittel wählen. Laut einer Umfrage des Österreichischen Rundfunks hat die meisten Stimmen von Jungwählern die FPÖ bekommen, dicht gefolgt von den Grünen. Im Gegensatz zu den Grünen, gehen die Jungwähler der FPÖ aber nicht auf die Uni und denken über das Auswandern nach. Sie haben diese Perspektive nicht, sei es aus finanziellen oder intellektuellen Gründen. Stattdessen haben sie grundlegendere, existenziellere Sorgen, um die sich die Regierung zu wenig bemüht hat. Diese Sorgen machen sie anfällig für die höchst emotionale Rhetorik des FPÖ-Anführers Heinz-Christian Strache. Viele sehen ihn als einen, der simple Antworten bietet und zuhören kann. Die rechten Jungwähler sind zum größten Teil „unideologisch“, das heißt, ihnen ist es egal ob Unterstützung nun von rechts oder links kommt – hauptsache sie kommt. Sie sind die Verlierer des Bildungssystems, das selbe, das wiederum andere aus diesem Land flüchten lässt. Natürlich gibt es andere, die die rassistische Hetze gutheißen. Vielen ist es allerdings unangenehm die FPÖ gewählt zu haben und sie wollen es deswegen auch nicht zugeben.  

Österreich ist für seine „suder“-Mentalität bekannt. Sudern bedeutet hier jammern. Und ich weiß ich sudere gerade ganz übel, es ist mir selbst unangenehm, denn es ist etwas sehr Österreichisches, also Rückschrittliches. Ich wäre gerne positiver.  

Ein Grund dafür wäre zumindest, dass man noch nie so viele neue junge Gesichter im Parlament finden wird wie nach dieser Wahl. Noch nie gab es in der österreichischen Bundespolitik so viele unter 30-Jährige. Darunter sind auch ein paar, die dieses Land unbedingt zu einem besseren machen wollen und denen man es zutrauen kann, dass sie ihren Idealismus wohl nicht so schnell ablegen werden. Hoffentlich gibt es dann bald mehr gute Gründe um hier zu leben, als die Berge und der gute Kaffee. Dann könnten wir hier vielleicht sogar bleiben.

Text: simone-groessing - Bild: photocase.com / b-fruchten

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