Über Tavi Gevinson, die heute 15-jährige Autorin des Modeblogs „Style Rookie", wurde schon sehr viel gemunkelt und gelästert. Als sie mit gerade einmal 13 Jahren aufgrund ihres eigensinnigen Blicks auf Mode von großen Designern in die Front Rows der weltweit wichtigsten Fashion Shows geladen wurde, sagten ihr viele den baldigen Absturz eines viel zu frühen Höhenflugs voraus. Andere gingen noch weiter und zweifelten ihre komplette Person an: War dieses merkwürdig selbstbewusste und emanzipierte Mädchen wirklich echt? Es kursierte das Gerücht, sie sei lediglich eine ausgefeilte Geschäftsidee ihrer Eltern, die unter ihrem Namen als Ghostwriter schrieben. Mittlerweile ist klar, dass Tavi einfach nur ein sehr toughes, reflektiertes Mädchen ist.

2010 fasste sie den Entschluss, gemeinsam mit Jane Pratt, der ehemaligen Chefredakteurin des 1996 eingestampften Magazins „Sassy" ein ähnliches Magazin für junge Mädchen zu gründen. Die Haltung dieses Magazins stimmen mit Tavis Interessen überein. Es vertritt einen gewissen Indie-Ethos gepaart mit einer gesunden Portion Feminismus und macht es sich zur Aufgabe, Themen wie Sex, Freundschaft, Familie, Mode und Popkultur auf intelligente und reflektiere Art und Weise zu behandeln– ganz ohne den konsumorientierten Tussikram, wie ihn Frauen- und Mädchenmagazine sonst gern propagieren. Doch trotz ihrer anfänglichen Begeisterung trennte Tavi sich von Pratt. Ihr war schnell klar, dass sie kein Ableger eines großen Verlagshauses werden wollte, sondern zu jeder Zeit unabhängig und selbständig bleiben wollte.

In Eigenregie ist das Rookie Mag entstanden, das seit dem 5. September diesen Jahres online ist. Tavi stellte ein großes Team vieler Teenage-Autoren plus einiger Erwachsene auf, einschließlich großer Namen wie Dan Savage, Miranda July oder Cindy Gallop. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, das "Sassy" ein Vorbild geblieben ist: Die Seite kommt daher wie eine 90er Jahre Collage aus dem Tagebuch eines Indiemädchens, der Rrriot Girl-Bewegung und Serien wie "Twin Peaks" und Sofia Coppolas Film "Virgin Suicides". Trotzdem ist das ganze Magazin in seiner Themenauswahl keineswegs rückwärts gewandt oder zu retroromantisch aufgezogen.

Dreimal am Tag gibt es auf Rookiemag.com neue Posts: Nach der Schule, zum Abendessen und vor dem Zubettgehen – zu genau den Zeiten, an denen man als Schülerin eben meistens noch mal eben vorm Laptop hängt und sich so durch durchs Netz klickt.

In einer Rubrik namens „You asked this" stellen Leser Fragen, die von RookieMag Autoren ehrlich beantwortet werden. Auf die Frage „Does sex really sell and why?" antwortet die Autorin Lesley Arfin: „In the end, corporations make a lot of money while the rest of us are stuck with a bunch of unrealistic ideals. Romance is not (usually) silk sheets and fine wine, and it normally doesn't happen on the beach (rolling around in the sand is not ideal for sex) (...)The good news is that even though "sex sells," the real life, non-fantastical version of it is better. Yes, it makes us nervous, awkward, wear the wrong things, sweat too much. That's the real feeling of something that no one can buy or sell."

Es sind keine neuen Wahrheiten, die im Rookie Mag auftauchen. Aber es ist ein ganz bestimmter, ehrlicher, anrührender Ton, der daraus spricht, der einem irgendwie direkt ins Herz geht und den man selbst als 13-jährige gern gelesen hätte. Weil er auf glaubhafte Art und Weise eine Botschaft vermittelt, die zu den am schwer vermittelbarsten überhaupt gehört: dass man so, wie man ist, völlig in Ordnung ist - egal, wie man ist.

In einem anderen Artikel namens „Getting over girl hate" in der Rubrik "Live Through This" geht es um den Neid und die Missgunst unter Mädchen. Tavi schreibt diesen Artikel selbst und sie stellt eine im ersten Moment abstrus wirkende und im zweiten Moment einleuchtende Theorie auf, wieso „Girl Hate" nichts mit wahrem Hass, sondern mit einem Gesellschaftsbild zu tun hat. Sie schreibt: „ You're not a sexist pig, you've just been raised around a bunch of them in the form of some awful magazines and movies and stuff, where women are always competing for the same man, the same title, where the main character looks over at the other girl with her shiny hair, socializing smilingly with a boy, and feels nothing but resentment. Now that you know that, you can understand how stupid it all is, and differentiate between the girls you hate because you're told to be jealous and the girls who might actually just not be nice people."

Die Leserinnen sind davon begeistert. Eine Kommentatorin schreibt: „I think I laughed and nodded my head like 12 times while reading this. I feel like this is going to be the best school year ever thanks to all of the advice I am getting from Rookie. You rule!"

Auf Augenhöhe neben ernsten Texten wie diesen finden sich Fotostrecken, die beispielsweise den kurzen Karorock der Schuluniform und Kniestrümpfe preisen – und genau diese Koexistenz von Feminismus und Mode beschreibt die Großartigkeit vom RookieMag am Anschaulichsten: Es gibt keine Prüderie vor, sondern ist ein großzügiger, lustvoller Lobgesang auf das Mädchen als starkes, vielseitiges, gleichermaßen unterhaltsames, sensibles und intelligentes Wesen. Die Themen beziehen ihre Kraft nicht aus beleidigtem Stolz oder stumpfer Rachgelüste am männlichen Geschlecht. Sondern lediglich aus dem Willen, groß und stark zu werden und mit allem weiblichen Stolz in ein selbstbestimmtes Leben zu schreiten.

Tatsächlich ist das RookieMag keineswegs männerfreie Zone – zum Autorenteam gehören immerhin Jungs und Männer. In einem kürzlich erschienen Artikel namens „Joe loves girls", schreibt ein 23-jähriger Junge einen langen Text darüber, wieso er sich für sogenannte Mädchensachen oft mehr interessiert, als für sogenannte Jungssachen - obwohl er ausdrücklich heterosexuell ist. Er sagt „ I am enamored with adolescent self-discovery in pop culture, specifically what's often called girl power. Boy stuff usually bores me." – eine Haltung, die sich viele Jungs aus Angst „unmännlich" zu wirken, vermutlich nie eingestehen würden. Sein Text ist mutig - und cool. Für die lesenden Mädchen ist er ein tolles Kompliment und für die mitlesenden Jungs ein Schritt in Richtung Befreiung der vermeintlich an sie gestellten Erwartungen, wie ein Mann zu sein hat.

Jeder RookieMag-Monat steht unter einem besonderen Thema. Der September steht unter dem Begriff „Beginnings", was daher rührt, dass es der Monat ist, in dem für viele amerikanische Mädchen das erste Jahr auf der High School beginnt. Außerdem ist es natürlich der Monat, in dem das RookieMag geboren wurde. Am schönsten aber klingt „Beginnings" eigentlich deshalb, weil es ahnen lässt, dass es vielleicht der Anfang einer neuen Mädchenmagazinkultur ist, die ein unaufgeregtes Selbstverständnis junger, starker Mädchen fernab von oberflächlichem Hochglanzkitsch etabliert. Tavi hat es tatsächlich geschafft ein emanzipiertes Jugendmagazin auf die Beine zu stellen, das dem Wort „Feminismus" einen zeitgemäßen, coolen Anstrich verleiht.