Am Starkbleiben

Illustration: dirk-schmidt Versuchungen sind ja wohl dazu da, versucht zu werden, da braucht mir keiner das Gegenteil erzählen.
susanne-klingner
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Illustration: Julia Schubert

Illustration: dirk-schmidt Versuchungen sind ja wohl dazu da, versucht zu werden, da braucht mir keiner das Gegenteil erzählen. Typen wie "Fitnesspapst" Dr. Strunz versuchen das zwar und nerven, ich müsse nur täglich joggen gehen, mich praktisch fettfrei ernähren und immer auffallend glücklich lächeln. Ich müsse eben stark bleiben gegenüber den Verführungen dieser Welt - dann werde mein Leben prächtig. Ich glaube dem Lauergrinser nicht. Der ist doch nur deshalb glücklich, weil Leute, die mehr an Selbstkasteiung als an Genuss glauben, ihm ihr Geld geben. Wenn den niemand beachten würde, würde der nicht mehr lachen, sondern bitterlich weinen, weil er ganz umsonst täglich läuft und ins Solarium geht und sich an seine 1000-Kalorien-Diät hält. Ich dagegen bin ein guter Mensch, weil ich freundlich zu Plätzchen und Oblaten bin. Ich respektiere ihren Wunsch, von mir sofort gegessen zu werden. Es ist zwar sehr modern, sich auf seinen starken Willen zu berufen und so den anderen zu demonstrieren, wer der Loser ist. Aber wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder verweigern würde? Immer nur standhaft bleiben würde unsere Industrie zusammenbrechen lassen, vor allem jetzt, zum so genannten Weihnachtsgeschäft. Weihnachten ist das Fest der Liebe – das steht überall. Und Liebe ist ja wohl tausendmal schöner, wenn man sich gegenseitig die Plautze reiben kann. Auf meinem runden Bauch kann ich schon Beatmusik machen und singe dazu einen Song von all den leckeren Sachen, die in ihn hineingewandert sind. Dann denke ich glückserfüllt an Pasta, gebackenen Käse und gegrilltes Gemüse. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste beim Anblick einen Waschbrettbauches immer nur an Müsli und trockene Stullen und Wasser denken, dann grüßen meine Mundwinkel den Fußboden. Nicht standhalten können, macht außerdem viel Spaß. Gott oder einer von den anderen Bestimmern kann nicht das Gegenteil für uns vorgesehen haben. Ich glaube, ich komme in den Himmel, ich bin nämlich ihr Lieblingskind. Weil ich jeder Versuchung nachgebe. Und nicht nur dem Essen, auch all die anderen Dinge brauchen sich nur ein Schild umzuhängen "Ich bin verboten" oder "Das solltest du besser nicht tun" und schon haben sie mich. Wenn das Schwimmbad im Winter viel zu traurig, weil leer und allein, ist: Wieso nicht reinklettern? Wenn der Eintritt in einen bescheuert coolen Club horrend teuer ist und der Stempel der Freundin noch nass: Warum ihr nicht mal kräftig die Hand drücken? Wenn gerade keiner hinguckt: Weshalb nicht Obst beim Nachbarn mopsen? Widerstand ist zwecklos. Nachgeben macht Spaß und Freunden rede ich das schlechte Gewissen aus, wenn sie erzählen, dass sie sich zurzeit nur bewegen, um den Lautstärkeregler des Fernsehers zu drehen. Es lebe der Schlendrian! sage ich dann, ziehe mir meinen Pullover über, auf dem steht: Bauch is the new taille! Und dann gehe ich bei ihnen vorbei auf Kaffee und Kuchen und noch mehr Fernsehen.

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