Angry Birds vs. Tiny Wings

Auf dem iPhone wird massiv gevögelt. Wir haben uns mit den Charakteren der beiden Topseller-Spiele beschäftigt - denn "Angry Birds gegen Tiny Wings" ist das neue "Lamy gegen Geha"
fabian-fuchs

Es gibt Klassiker unter den Entscheidungen: McDonald’s oder Burger King? Geha oder Pelikan? Roger Moore oder Sean Connery? Öfter als um die, geht es beim Warten auf die S-Bahn heute allerdings um Angry Birds oder Tiny Wings. Das sind zwei Spiele fürs iPhone, die sich in den AppStore-Weltcharts seit einiger Zeit unter den ersten Zehn festgesetzt haben. Nicht nur deswegen sind sie vergleichbar, sondern vor allem weil ihre Protagonisten jeweils kleine Vögel sind. Auch in Sachen Suchtfaktor, grundlegender Harmlosigkeit, bonbonfarbener Ausstattung und in ihrem Charakter als perfektes Zwischendurch-Spiel sind sie sich ähnlich. So seltsam der Zufall ist, dass zweimal putzige Vögel die Hauptrolle bei App-Topseller spielen, so unterschiedlich aber ist doch das Wesen dieser Spiele. Zumindest so unterschiedlich wie Roger Moore oder Sean Connery. Beide dienen dem gleichen Unterhaltungsformat, beides sind Spiele für Menschen, die sich eigentlich nicht für Computerspiele interessieren, und beide sind perfekt für die kleine Ablenkung zwischendurch. Um die Welten zu verstehen, die dazwischen liegen, haben wir die Spiele mal charakterisiert.

  Tiny Wings



Eine ganz simple Idee: Der Vogel fliegt über eine Berg-und Tal-Strecke und der Spieler kann per Fingerdruck die Täler so ansteuern, dass sie entweder zu wunderbaren Sprungschanzen werden oder aber zu bremsenden Hindernissen. Klingt doof, aber nach fünf Versuchen legt man das iPhone nur noch ungern aus der Hand. Entwickelt wurde das kleine Spiel von einem Deutschen und es bedient die klassische Jagd nach dem Highscore wie weiland Tetris – je weiter die Strecke ist, die man vor Einbruch der Nacht zurücklegen kann, desto mehr Punkte hat man. Es wird nicht schwieriger und es fängt immer wieder von vorne an. Wie komisch man bei so einer schlichten Highscorejagd wird, merkt man erst, wenn man irgendwann den Drang verspürt das Fenster zu öffnen und die neu erkämpfte Punktezahl auf die Straße zu brüllen. Zum Glück gibt es YouTube,
http://www.youtube.com/watch?v=DZtaxru80gk&feature=related
das diese Funktion übernimmt oder eben Foren, in denen die Bestleistungen ausgetauscht werden. Tiny Wings kann man auch beim Kaffeekränzchen herumreichen, denn das dabei entwickelte Aggressionslevel bleibt sehr gering, allenfalls fühlt man eine leichte Ohnmacht gegenüber der unerbittlichen Nacht, die das Ende des Spiels darstellt. Aber diesen Reflex kennt man ja schon aus jener Zeit, in der man ins Bett geschickt wurde, wenn es dunkel war. Da man auch keine komplexeren Bewegungen ausführen muss, als mit dem stumpfen Finger stumpf auf den Toucscreen zu tippen, kann man Tiny Wings auch morgens im Bett mit halbwachen Augen oder abends betrunken im Nachtbus spielen. Manchmal geht es so sogar am besten. 

 Angry Birds



Hier sind die Anforderungen etwas komplexer, die drollig „Huuui!“rufenden Vögel dienen als Munition, mit der man Hindernissen und Grinsegesichter zerballern muss. Diese Hindernisse werden von Level zu Level kniffliger, genau wie die zerstörerischen Fähigkeiten der unterschiedlichen Vögel, die dem Spieler zu Verfügung stehen. Bei Angry Birds mit seinen immer neuen Aufgaben sind die Punkte erstmal egal, die weltweit grassierende Spielsucht (allein 24.000 Top-Bewertungen im App-Stroe) resultiert eher aus der Neugier auf das nächste Rätsel, das man mit den gefiederten Bomben knacken muss und aus der Schmach, wenn man zum fünfzehnten Mal an einem der kunstvollen Ziele gescheitert ist. Betrunken kann man Angry Birds gar nicht spielen, man übersteuert ständig und feuert irgendwann das Telefon in die Ecke. Denn das Aggressionspotenzial ist hoch und zwar nur, weil die blöden Zielscheiben am Schluss gemein vor sich hin wiehern, wenn man sie nicht getroffen hat. Dafür treibt einen hier die ewige Spannung auf das Ungewisse an und das Wissen, dass man mit nur einem einzigen Glücksschuss das bisher unbezwingbare Level überwinden kann und es dann für immer hinter sich hat. 

Tiny Wings steht also für das tägliche Absolvieren einer immergleichen Aufgabe, ist wie Arbeit, Abwaschen, Prüfungen schreiben. Arbeitsam und fleißig muss man hier sein, immer vorne anfangen und hoffen, dabei nach und nach besser zu werden, weiter zu kommen, schneller zu sein. Wenn nicht, gibt es eben einen neuen Versuch.

Angry Birds steht eher für die großen einmaligen Hürden, die das Leben so bietet: Abi geschafft, Weisheitszähne raus, daheim ausgezogen. Es gibt wie bei diesen Ereignissen zum Glück kein Zurück auf Null, dafür die ist die Schwierigkeit jeweils ungleich höher - schließlich steht man vor Problemen, die man noch nie zuvor hatte.

Angry-Birds-Fans sind die Abenteuerlustigen, Tiny-Wings-Enthusiasten die soliden Charaktere. Süchtig sind beide.

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