Armes Deutschland

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Bis vor wenigen Stunden hatte sie noch Hoffnung. Hoffnung auf eine Chance. Jetzt, am Nachmittag, ist da nur noch die Enttäuschung. Und ein bisschen Frust. "Ich habe einen Unterschied gespürt", sagt Andina-Eliza Mitroi (23). Sie meint: einen Unterschied in der Behandlung zwischen deutschen Bewerbern und ihr. Sie, die erst im Oktober aus Rumänien nach Deutschland kam, die als Akademikerin hochqualifiziert ist, deren Deutsch aber noch Lücken hat. Sie, die von einem dualen Pflege-Studium träumt, aber bisher nicht mal einen Praktikumsplatz findet.

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Illustration: Julia Schubert

Andina hat in Rumänien einen BWL-Bachelor abgeschlossen, möchte in München aber ein duales Pflege-Studium absolvieren. Allein: Sie findet nicht einmal einen Praktikumsplatz.

Der "Monitor Jugendarmut in Deutschland 2014", den die Bundesarbeitsgemeinschaft katholische Jugendsozialarbeit (BAK KJS ) heute beim Katholikentag in Regensburg vorstellt, meint auch Andina, wenn er von einem gestiegenen Armutsrisiko bei Jugendlichen spricht. Gut 20 Prozent der Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren – also jeder Fünfte – sind in Deutschland armutsgefährdet. In der Gesamtbevölkerung ist es jeder Sechste. Das heißt: Sie können unerwartete Ausgaben nicht bestreiten, haben zum Teil kein Geld für vollwertige Mahlzeiten oder die Miete. Wer als alleinlebende Person weniger als 980 Euro monatlich zur Verfügung hat, ist armutsgefährdet. Unter jungen Migranten sind sogar mehr als 30 Prozent von diesem Risiko betroffen. 

Nadezhda Krainenko nennt verschiedenen Gründe, warum die Chancen so ungleich sind. Sie ist Beraterin beim Münchner Jugendmigrationsdienst "In Via" und betreut auch Andina. "Ein großer Faktor sind mangelnde Deutschkenntnisse", sagt Krainenko. Zwar hätten die Migranten oft einen Schulabschluss und wollten gerne arbeiten, ihr Deutsch sei für die Berufswelt aber noch nicht gut genug. Der erste Schritt müsse dann ein Intensivkurs sein. 

Bestes Beispiel: Andina. Sie schließt ihr Abitur in Rumänien mit der Durchschnittsnote 1,7 ab, absolviert direkt im Anschluss ihren Bachelor in Betriebswissenschaften. Arbeiten möchte sie jedoch immer schon als Kinderkrankenschwester – in Rumänien hat sie diese Möglichkeit nicht. Stattdessen hält sie sich mit mehreren Jobs über Wasser, ist Friseurin und Buchhalterin. "Von einer einzigen Tätigkeit kann man in Rumänien nicht leben. Junge Menschen haben dort keine Chance." Es gibt nur wenige Arbeitsplätze, der Lohn ist gering. " Deshalb arbeiten viele schwarz", sagt Andina. Weil ihr Freund Sergio als Ingenieur viel im Süden Deutschlands unterwegs ist, träumen sie oft von einem besseren Leben. Deutschland gleicht einer Verheißung: Löhne, die zum Leben reichen. Geschäfte, in denen man freundlich bedient wird.  

Jetzt leben sie in  Obergiesing – nachdem dutzende Vermieter allein bei ihrem rumänischen Nachnamen abwinken. Sergio wurde versetzt, Andina begleitete ihn, ließ Eltern und Freunde zurück. "Für ein besseres Leben musst du alles machen", sagt sie. Besser ist es hier allerdings nur dank Sergio. "Ohne ihn ginge es nicht. Ich habe Glück, dass er mich versteht."

Der Monitor des BAK KJS gibt einen Überblick über elf Quellen: Datenreporte, Statistiken und Studien. Er zeigt wenig überraschend, dass die Chancengerechtigkeit in Deutschland noch immer unterdurchschnittlich ist, dass Erwerbstätige und Hochgebildete weniger armutsgefährdet sind und dass die Zahl derer, die weiterhin eine Ausbildungsstelle suchen, drastisch steigt – 2012 waren  es 76.000, 2013 schon 83.600 Jugendliche. 

Der Monitor zeigt aber auch, wie viel schlechter die Chancen für Migranten sind. Die Zahl derer, die eine Ausbildung beginnen, liegt 2012 bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund bei 44 Prozent. Bei Migranten liegt sie bei nur 29 Prozent. 

Und noch etwas wird deutlich: Jugendliche mit Migrationshintergrund sind nur zu 66 Prozent mit ihrer Ausbildungsstelle zufrieden, bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund liegt die Zahl zehn Prozentpunkte höher. Migranten werden oft unter ihren Möglichkeiten angestellt – 20 Prozent von ihnen sehen ihren Ausbildungsplatz als Notlösung oder berufliche Sackgasse. 

Andina wurde nach ihrem Vorstellungsgespräch zum dualen Pflegestudium übrigens eine Alternativmöglichkeit angeboten: eine einjährige Ausbildung zur Pflegefachhilfe. Ein Job, den laut Krainenko häufig Absolventen einer Mittelschule machen.

Text: michel-winde - Foto: Michel Winde

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