Arschgeweih contra Deutschbuch: Schüler sollen Bücher selbst kaufen

Die Diskussion um die Lernmittelfreiheit schwelt schon länger, in 11 von 16 Bundesländern müssen Eltern ganz oder zum Teil für die Schulbücher ihrer Kinder Euro entrichten. Die Länder kaufen also weniger Bücher, was die Schulbuchverlage gar nicht gut finden. Mit provokanten Plakaten werben sie nun bei Eltern dafür, Schulbücher selbst zu kaufen - sie sind im Anschluss an diesen Redaktionsblog zu sehen.
christian-helten

„Gute Bildung ist bezahlbar“, lautet der Slogan der Kampagne, von dem viele Bundesländer in den vergangenen Jahren mehr und mehr Abstand genommen haben. Zwischen 1991 und 2003 sind die staatlichen Ausgaben für Schulbücher von 400 Millionen Euro auf 250 Millionen gesunken. Die geringeren Investitionen sollen vielerorts durch eine vermehrte Beteiligung der Eltern an der Lernmittelbeschaffung kompensiert werden: Derzeit bekommen nur noch die Schüler in Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Bremen ihre Schulbücher umsonst. Im Rest der Republik zahlen die Eltern mit und schaffen die Bücher komplett selbst an, zahlen ein pauschales Büchergeld oder entrichten einen nach Einkommen und Kinderzahl gestaffelten Betrag an die Schule. Die Schulbuchverlage sind nicht gerade glücklich ob dieser Veränderungen. Die Zahlungen der Eltern reichen nicht, um den Investitionsschwund auf Seiten des Staates auszugleichen. Seit wenigen Tagen zieren daher in Hamburg und Niedersachsen Plakate des Verbands deutscher Schulbuchverlage die Bushaltestellen und Plakatwände. Gestylte Haare, Tattoos, Markenturnschuhe und weitere beliebte Investitionsgründe von Schülern werden in Beziehung zum Preis eines neuen Schulbuchs gesetzt. Beispiel: Im Angesicht eines Arschgeweihs heißt es: "Ein halbes Geweih kostet soviel wie fünf neue Schulbücher." Die Botschaft dahinter: Schüler geben viel Geld für viel Unsinn aus. Dabei könnte man das Geld in eigene Schulbücher investieren.

Auf der Kampagnenseite www.eigenes-schulbuch.de sind neben den Motiven die Argumente der Schulbuchverlage verzeichnet, die vor allem darauf zielen, den Schulbuchkauf als vertretbare Investition zu sehen. Ausleihbücher seien oft veraltet, man könne in ihnen nichts anstreichen. Schulbücher, heißt es weiter, seien weit günstiger als Spielekonsolen oder Handys. Einen Klick weiter steht eine Grafik zur Einsicht, die fast vorwurfsvoll wirkt: mehr als vier Milliarden Euro geben Kinder und Jugendliche je Jahr für Klamotten aus, fast 2,7 Milliarden Euro kostet die Handy-Kommunikation. Abgeschlagen am Ende der Grafik: magere 171 Millionen Euro, die in Schulsachen investiert werden. Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält man die Kampagne für fragwürdig. Marianne Demmer ist die stellvertretende Bundesvorsitzende der GEW und wundert sich über den Vergleich von Lernmitteln und Konsumgütern. Mehr noch: Sie stellt den Sinn eigener Schulbücher komplett in Frage, die GEW hat sich seit langem den Kampf für Lernmittelfreiheit auf die Fahnen geschrieben. Für Demmer bedeutet der Trend zum eigenen Schulbuch ein Wandel im Verständnis von Bildung. Die war früher allen zugänglich, steuerfinanziert, alle hatten die gleichen Chancen. „Heute erhalten sozial Schwächere Unterstützung nur nach demütigenden Exkursionen durch verschiedene Behörden“, so Demmer. Vielerorts bekommen finanzschwache Haushalte Zuschüsse zur privaten Schulbuchkasse, müssen die Förderung aber beantragen. Entsteht so eine Zweiklassengesellschaft in der Schulklasse? Beim Verband der Schulbuchverlage bittet man um Differenzierung. Bildung habe eine hohe Rendite und sei eine gesellschaftliche Aufgabe. Deshalb sei es nur legitim, von Normal- und Besserverdienern - "und nur um die geht es" - den Kauf der Schulbücher zu verlangen. Die Motive der Kampagne des Verbandes der Schulbuchverlage - auf den folgenden Seiten.






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