Ashraf sucht einen Rhythmus für seine Heimat

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Laute arabische Musik plärrt aus den Boxen im Auto. Ashraf El-Chouli klatscht und singt laut „Habibi“, es sind Liebesbekundungen aus dem Pop-Song. An der Straße tauchen zwei Schranken und ein Häuschen auf. Drei Soldaten mit Maschinengewehren stehen gelangweilt vor dem Grenzposten nach Rashidieh, einem palästinensischen Flüchtlingslager in Tyros, im Süden des Libanon. Ashraf hört auf zu singen, die Musik macht er aus, er will keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er fährt auf die Schranke zu. Dahinter, im Flüchtlingslager, liegt das Haus seiner Eltern. Erst nachdem die Grenze passiert ist, dreht Ashraf den Lautstärkeknopf wieder auf. Der 28-Jährige gehört zur zweiten Generation der Flüchtlinge in Rashidie, die Familie seines Vaters ist 1948 aus Palästina geflohen. Ashraf ist hier geboren, in der Heimat seiner Eltern, Palästina, war er noch nie. Etwa 250.000 palästinensische Flüchtlinge leben im Libanon, die meisten in den zwölf Flüchtlingslagern, die über das Land am Mittelmeer verteilt sind. Ashraf zeigt mit dem Finger gen Süden: „Da drüben ungefähr, da ist Palästina. Nah und doch fern“. Für dieses Land mit Waffen zu kämpfen, eine militante Widerstandsbewegung zu unterstützen, ist gegen seine Überzeugung. „Der bewaffnete Kampf gegen Israel bringt nichts. Das ist als ob eine Ameise gegen einen Elefanten kämpfen möchte. Die Ameise, das sind wir, die Palästinenser.“ Musik verbindet alle Menschen Seine Arbeit in dem Lager nennt er „einen Widerstand der Kultur“. Er will Kindern vermitteln, dass sie auch als Flüchtling stolz und selbstbewusst sein können, indem er seine Passion für Musik weitergibt. Singen, Gitarre spielen, Trommeln – Musik ist für Ashraf vor allem das, was Menschen jeglicher Herkunft verbindet. Auch mit Israel? Ashraf überlegt lange. „Naja, ich habe erst einmal zwei Israelis getroffen. Aber die beiden Mädchen waren so schön und haben toll gesungen, da passte das Feindbild nicht so recht.“ Er sieht seine Workshops vor allem als eine Möglichkeit, die Kinder zu erreichen. Sie sollen Spaß haben, etwas lernen und Stolz empfinden, wenn sie ihr Instrument beherrschen. Vor zwei Jahren hat Ashraf damit angefangen, Musikunterricht für Kinder und Jugendliche aus den Lagern zu organisieren. Am Anfang sei das gar nicht so einfach gewesen: "Ich habe Kinder aus meiner Nachbarschaft gefragt, ob sie nicht auch ein Instrument lernen wollten. Das kam bei den konservativen Muslimen im Lager nicht gut an." Ashraf zieht an seiner Zigarette, hustet und lacht: „Aber sie haben sich an mich gewöhnt.“ Eindrücke aus Ashrafs Projekt:

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Der zweijährige Hassan, Ashrafs Sohn, und zwei Nachbarsjungen laufen mit Trommeln durch den Raum, die drei klopfen noch unrhythmisch auf die gespannte Haut des Instruments. „Hauptsache, sie haben Spaß“, meint Ashraf. Eigentlich wollte er auf das Konservatorium in Beirut gehen. „Aber es war zu teuer und meine Eltern meinten, dass Musiker kein Beruf sei.“ Die nächsten Schwierigkeiten für sein Projekt waren: woher die Instrumente nehmen, die Musiklehrer und die Räumlichkeiten? In Rashidieh wird in den Gebäuden von Nichtregierungsorganisationen geübt oder im Jugendzentrum der PLO, der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Diese hat auch Instrumente wie Trommeln, Saxophone und arabische Lauten, die Oudes, gespendet. Inzwischen haben sich die drei kleinen Jungen beruhigt, sie rutschen auf Plastikstühlen herum, einer klemmt sich konzentriert die Zunge zwischen die Zähne, während er versucht, mit der Handtrommel den Rhythmus zu halten, den Ashraf auf der Oude zupft. 80 Kinder in drei palästinensischen Lagern lernen bei Ashrafs Projekt, in Rashidieh sind es 20. Doch das Geld ist im Moment knapp, die Lehrer können nicht bezahlt werden. „Manche Lehrer haben sich bereit erklärt, in ihrer freien Zeit umsonst zu arbeiten – eine richtige Lösung für die Zukunft muss sich aber erst noch finden“, erklärt Ashraf. Die Entdeckung der Außenwelt Laut Ashraf ist der Konflikt zwischen Israel und Palästina kein Thema in seinen Workshops, trotzdem ist es jederzeit präsent. So antwortet sein zweijähriger Sohn Hassan automatisch auf die Frage, was die Hauptstadt von Israel sei: „Israel gibt es nicht“. Stolz wuschelt Ashraf durch Hassans Locken. Auch wenn Hassan noch zu klein ist und die beiden Nachbarn noch nie außerhalb des Camps waren: Für Ashraf ist es wichtig, dass die Jugendlichen ihre Rechte kennen und sich nicht nur über den Flüchtlingsstatus identifizieren. Die palästinensischen Flüchtlinge haben keinen Pass, nur ein Reisedokument. Das verwehrt es ihnen, außerhalb der Flüchtlingslager Arbeit zu finden und Häuser zu mieten. Studieren ist möglich, wenn sie die Studiengebühren bezahlen – die die Wenigsten aufbringen können. Aber viele palästinensische Flüchtlinge würden auch gar nicht Libanesen auf dem Papier werden wollen. So bedeutet für Ashraf der Wechsel seiner Staatsangehörigkeit die Beugung seines Schicksals. „Mir geht es dabei ums Prinzip. Warum habe ich als Palästinenser so viel weniger Rechte als ein Libanese? Wir sind alle Menschen und verdienen auch so behandelt zu werden.“ Ashraf nimmt sich selbst als Beispiel, dass man sich nicht nur innerhalb der Lagerabsperrung bewegen muss: „Ich will, dass die Kinder auch aus den Camps gehen, sehen, was es sonst noch auf der Welt gibt, sich bilden und selbstbewusst sind. Da kann Musik helfen. Sich als Flüchtling zu fühlen - dieses Gefühl kommt nicht nur von Außen, sondern auch ein wenig von Innen. Und wenn ich das ablegen kann, können andere das auch.“ Nach dem Trommeln und dem Herumtollen mit den Nachbarkindern verlässt Ashraf um sechs Uhr abends das Flüchtlingscamp und fährt nach Hause. Seit einem Jahr wohnt er in Beirut - über einen Bekannten hat er eine Wohnung gemietet. Dort arbeitet er bei der Nichtregierungsorganisation "Permanent Peace Movement", die sich für unbewaffnete Konfliktlösungen engagiert. Kurz hinter der Grenze auf der holprigen Landstraße dreht er die Musik wieder auf.

Text: fiona-webersteinhaus - Fotos: privat

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