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Astrid Lindgrens 100. Geburtstag: Komm, wir fahrn nach Büllerbü!

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Karlsson vom Dach ist vier Jahre alt, sitzt auf dem Marktplatz von Vimmerby - und futtert. Fleischklößchen wahrscheinlich. Oder Currywurst – ganz genau lässt sich das von weitem nicht sagen. Dass es aber Karlsson ist, der da sitzt und mit vollen Backen kaut, der Karlsson, Karlsson vom Dach aus den Büchern von Astrid Lindgren und aus dem Fernsehen, der allerbeste Karlsson auf der Welt – daran besteht nicht der leiseste Zweifel. Topffrisur, Locken, Kappe, Latzhose, mürrischer Blick, voller Mund. Eindeutig. Möglich, dass er auf jedem anderen Marktplatz unerkannt geblieben wäre. Aber nicht hier, nicht in Vimmerby, dem Nest in der südschwedischen Provinz Smaland, in dem am 14. November vor hundert Jahren Astrid Lindgren geboren wurde. Astrid Lindgren, die Astrid Lindgren, die Schöpferin von Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und unter anderem Karlsson vom Dach. Also bitte: Wenn Karlsson nicht hier sitzen und futtern würde – wo sonst?

Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraims Tochter Langstrumpf. Bild: dpa Nicht zuletzt wegen Karlsson sind wir, zwei Jungs Anfang 20, ja überhaupt nach Schweden gekommen. Wegen Pippi, Michel, Kalle Blomqvist und Tomte Tummetott natürlich auch. Denn: Wir wollten nach Bullerbü. Unbedingt. In den Sommerferien. Und ganz ernsthaft - egal, dass jeder, dem wir davon erzählten, immer nur grinste. Bullerbü liegt keineswegs hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, sondern im realen Südschweden. Auch wenn die Anreise anderes vermuten lässt: Sie dauert einen ganzen Tag – per Auto, Billigflieger, Zug und zuletzt einem klapprigen roten Kombi. An dessen Steuer sitzt ein 51-jähriger Schwede, der bis zu seinem 50. Geburtstag als IT-Spezialist international gut im Geschäft stand. Dann, erzählt er, habe er genug vom Leben als Jetsetter gehabt – und seither betreibt er eine Pension für wanderfreudige Senioren und Jungs, die auf dem Weg sind nach Bullerbü. Tja. Wir wohnen irgendwo im Nirgendwo; fünfeinhalb Kilometer sind es bis zum nächsten Dorf. Das, übrigens, heißt Mariannelund – dorthin fährt Michel aus Lönneberga, als er mit dem Kopf in der Suppenschüssel steckt. Klar, dass beide - Michel und Suppenschüssel - hier auf jedem Ortsschild prangt. Sonst aber deutet nichts darauf hin, dass in der Gegend die Handlungen einiger der berühmtesten Kinderbücher überhaupt spielen. Bullerbü liegt einen halben Tagesmarsch entfernt: vorbei an unzähligen rot-weiß gestrichenen Holzhäusern und dutzenden Bauernhöfen, entlang schier endloser Wälder auf genauso endlosen schwedischen Landstraßen, darauf unzählige Holztransporter – und plötzlich sind wir da. In Bullerbü, dort, wo vor gut drei Jahrzehnten jene Filme gedreht wurden, die wir als Kind fast auswendig konnten, und heute, ehrlich gesagt, immer noch. Und jetzt stehen wir zwischen Nordhof, Mittelhof und Südhof und müssen beide grinsen: Alles ist genau so, wie es sein muss. Von den anderen Touristen mal abgesehen. Klar, eigentlich heißt der Flecken Sevedstorp, und die drei Höfe unterscheiden sich von denen auf dem Weg hierher kaum. Dass Astrid Lindgrens Vater Samuel August Ericsson hier geboren ist, mag vielleicht ungewöhnlich sein – aber auch er war ein Bauer, wie es tausende gab im Schweden des 19. Jahrhunderts. Grinsen müssen wir trotzdem. Wir sind in Bullerbü. Bu.ller.bü. Hehe. Ich esse eine Zimtschnecke, die aussieht wie bei Kalle Blomqvist, dann laufe ich durch den Souvenirshop, esse noch eine Zimtschecke – und dann machen wir uns auf den Heimweg. Zu unserem Herbergsvater, der mit dem Abendessen wartet. Mehr ist nicht, hier, in Bullerbü.

Das Stadtschild von Astrid Lindgrens Geburtsstadt Vimmerby Bild: dpa Das nächste Tagesziel heißt Katthult – der Hof, auf dem Michel aus Lönneberga wohnt. Lönneberga selbst liegt auf der entgegengesetzten Seite von Smaland und ist nicht der Rede wert. Auch Katthult, das eigentlich Gibberyd heißt, war einst ein echter, völlig normaler Landwirtschaftsbetrieb – bis im Jahr 1970 das Filmteam um Regisseur Lasse Hallström hierher kam. Und begeistert war, weil alles schon genau so aussah, wie Astrid Lindgren es sich ausgedacht hatte: die Vorratsbude, in dem Michels Mutter ihre selbstgemachte Wurst lagert, die Michel einmal heimlich ratzeputz wegputzt. Die Fahnenstange, an der Michel seine Schwester Ida hisst, weil die herausfinden will, ob man Stockholm sehen kann von da oben. Der Schweinekoben, worin Michel sein Knirpsschweinchen verhätschelt und einmal versehentlich mit vergorenen Kirchen besoffen macht, woraufhin er vor der Abstinenzler-Vereinigung Enthaltsamkeit geloben muss. Und auch die Trissebude, der Lokus, worin Michel seinen Vater an einem regnerischen Novembertag einsperrt. Nur der Tischlerschuppen, worin Michel seine berühmten Holzmännchen schnitzt, musste noch gebaut werden. Ein weiterer Pluspunkt: Der Hof liegt mitten im Nichts; Autos kamen in den 70ern nur äußerst selten vorbei – was perfekt ist für einen Film, der um 1900 spielt. Heute kommen die Leute dafür in Massen. Schweden, Engländer, Franzosen, Deutsche, Fotoapparate, Kinderwagen, Mütter, Väter, Lärm und Trubel. Jeder will sehen, wo die Filme gedreht wurden, mit denen er aufgewachsen ist, will sich ein bisschen so fühlen wie früher, als alles noch ein bisschen einfacher war. Und: Jeder will Michels Holzmännchen sehen, die zu hunderten auf Regalbrettern im Tischlerschuppen stehen. Als der vor zwei Jahren abbrannte – die Polizei vermutet Brandstiftung -, wurden die Holzfiguren einzeln nachgefertigt. Gewissermaßen originalgetreu. Mitten unter den Touristen stehen wir. Wieder schnell eine Kalle-Blomqvist-Zimtschnecke, und dann wieder ab auf den Nachhauseweg, diesmal im Auto von zwei freundlichen deutschen Rentnern. Denn: Mehr ist auch hier nicht zu sehen. Nett hier in Schweden, denke ich auf der Fahrt nach Mariannelund, sicher, aber trotzdem ist da ein komisches Gefühl im Bauch. Vielleicht, weil wir der Werbung für Schweden auf den Leim gegangen sind, die in jeder Geschichte Astrid Lindgrens steckt, viel subtiler als in jedem IKEA-Katalog. Vielleicht auch wegen der Zimtschnecken. Aber vor allem, weil mir erst hier und jetzt so richtig klar wird, dass die Helden meiner Kindheit auch Helden in Millionen anderen Kindheiten waren. Nicht schlimm, klar, aber merkwürdig doch. Am schlimmsten, übrigens, ist der Rummel am Stadtrand von Vimmerby: Hier wurde der Vergnügungspark „Astrid Lindgrens Värld“ aus dem Boden gestampft – ein Disneyland mit Pippi statt Micky, laut, schräg und künstlich, voll mit HotDogs, klebrigem Softeis und einer Villa Kunterbunt neben der nächsten. Wer Pippi sehen will und Michel, der kommt hierher, zahlt Eintritt und guckt in die Röhre, wo – natürlich – Astrid-Lindgren-Filme laufen. Fürchterlich. Zwischen all den aufgekratzten Kindern und ihren geduldigen Eltern springt eine erwachsene Schwedin herum, die Werbezettel verteilt. Mit roter Perücke auf dem Kopf, links und rechts ein abstehender Zopf, auf Nase und Wangen aufgemalte Sommersprossen, auf ihrer Schulter ein ausgestopfter Herr Nilsson. Himmel, denke ich mir, eine Erwachsene, die tut, als sei sie ein Kind, noch dazu das aufmüpfigste der Welt. Nichts wie weg – hier gäbe es zwar noch mehr zu sehen. Aber sehen wollen wir hier beide nichts mehr. Auf dem Rückweg erörtern wir, dass eine erwachsene Pippi ja gar nicht geht, Schimpf und Schande, weil dies ja sämtliche Werte verrät, die Astrid Lindgren in Pippi Langstrumpf hineingedacht hatte. Dass wir hier und jetzt genauso Erwachsene sind, die tun, als seien sie Kinder - warum hätten wir sonst nach Bullerbü fahren wollen – das merken wir nicht. Noch sind wir vollauf beschäftigt, all die anderen Realitätsschocks zu verkraften. Wir sitzen auf dem Marktplatz von Vimmerby, hätten beide irgendwie gerne ein Bier, sehen ein paar Meter entfernt Karlsson vom Dach und sagen beide unabhängig voneinander den gleichen Satz: Alter Schwede.

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