Auf dem Weg zum Universalgelehrten - Studieren am St. John's College

Felicitas hat ihren Abschluß an einer ungewöhnlichen Uni gemacht: Am St. John's College in den USA gibt es keine Vorlesungen, sondern Universal-Wissen.
sascha-chaimowicz

Erklär mir doch bitte das Prinzip des St. John’s College. Diese Schule fällt ganz gewaltig aus dem Rahmen. Hier werden die "Freien Künste" im ganz klassischem Sinne interpretiert und alle werden unterrichtet: Theologie, Kunst, Literatur, Sprachen, Philosophie, Geschichte, Mathe und Naturwissenschaften. Es gibt keine Wahlfächer. Der Unterricht ist chronologisch angeordnet. Was heißt das? Man fängt bei den alten Griechen an. Das bedeutet, wir mussten Altgriechisch lernen, um Platon zu übersetzen und um Euklids Geometrie ganz von vorn aufrollen zu können. Ich hätte nie geahnt, dass es sich bei a²+b²=c² tatsächlich um Quadrate handelt, die auf den Außenseiten eines Dreiecks mit den Seiten a, b, c, aufgezeichnet werden! Wir mussten Einsteins Relativitätstheorie an der Tafel nachrechnen können. Und wir mussten in der Lage sein, über den modernen Roman in der Form von Woolfs "Mrs. Dalloway" oder eine neuen Form der epischen Sage zu diskutieren. Nach vier Jahren gibt es dann den Bachelor of Liberal Arts, nach zwei weiteren Jahren das Master's degree, wie bei allen anderen US Unis auch.

Es gibt auf dem College weder Vorlesungen noch Sekundärliteratur. Wie läuft der Unterricht ab? Alles, was studiert wird, sind die Original-Texte, die "Great Books". Die Hausaufgaben: lesen, lesen, lesen, oft bis zu 800 Seiten die Woche: Naturwissenschaftliche Texte, französische Gedichte, Beethoven's Dritte, Spinoza. Die Texte werden im Unterricht mit den Professoren und den Mitschülern diskutiert. Die Rolle der Professoren beschränkt sich darauf, eine Eröffnungsfrage zu stellen. Mehr nicht? Die Professoren sind keine Egomanen, die sich schon seit 20 Jahren in ihrer Fachrichtung auf Lorbeeren ausruhen und nur noch predigen. Jeder Professor muss, um sich den festen Lehrstuhl zu sichern, jedes einzelne Fach in jedem Jahrgang einmal unterrichtet haben. Dass sich der hartgesottene Sprachwissenschaftler dann plötzlich mit Heisenberg auseinandersetzen muss, oder den Schülern zuschaut, wie sie im ersten Semester nach Galens Studien eine Katze sezieren, dient durchaus einem guten Zweck: Jeder Einzelne ist im Unterricht gleichmäßig herausgefordert, sich etwas Neuem zu stellen. Das Gelingen hängt von der Vorbereitung und der Motivation jedes Teilnehmers ab. Da kann es schon mal passieren, dass man sich in etwas verbeißt, weil es persönlich unheimlich wichtig wird, schließlich geht es, und das wird immer in den Vordergrund gestellt, um philosophische Fragen, und darum, was sich die schlauesten Menschen in den verschieden Bereichen darüber gedacht haben. Wie meinst du das? Du lernst Physik und Anatomie, um philosophischen Fragen auf den Grund zu gehen? Das mag zwar sehr abgehoben klingen, aber man kann es auch anders betrachten: Was können diese Leute mir erzählen, das mir hilft, zu entscheiden, was für mich persönlich wichtig ist? Was ist Moral? Was ist Tugend? Wie ist ein Held? Wie sieht der perfekte Staat aus? Was ist Schönheit? Liebe? Wo ist Wahrheit? In der Wissenschaft? In Gott? Gibt es denn überhaupt eine Wahrheit? Der allererste Unterricht wird immer über Platons 'Meno' gehalten. Das ist Tradition. Da geht's gleich ans Eingemachte: "Erzähl mir, Sokrates, was ist Tugend und kann man sie lehren?" Bei all den Diskussionen, ob im Unterricht, in der Mensa, beim Kartenspielen, oder sogar auf Parties, ist man mit diesen Fragen zwar nie allein, dennoch muss man sie im Endeffekt für sich selbst beantworten. Dafür sind die Aufsätze als Reflektionsmöglichkeit absolut unersetzlich. Der Höhepunkt der persönlichen Entwicklung ist die Abschlussthese, die man über ein frei gewähltes Thema schreibt. Und was war Dein Thema? Meine Abschlussthese habe ich über "Understanding of Human Nature" von David Hume geschrieben. Ich fand, dass seine Moralphilosophie unterbewertet wird, obwohl sie sich vielmehr an pragmatischen Umständen und an der Natur der menschlichen Wahrnehmung orientiert als Kants kategorischer Imperativ. Auf der nächsten Seite: Was Jonnies auf dem Arbeitsmarkt blüht, wie sie benotet werden und was ein ordentliches Studium ist.


Wie werden die Studenten bewertet? Gibt es Noten? Als Examina fungieren Aufsätze, die von den jeweiligen Professoren nach einer individuellen Unterhaltung bewertet werden. Noten kann man sich auf Anfrage im Büro abholen, muss man aber nicht. Wie würdest du die Atmosphäre auf dem Campus beschreiben? Seid ihr intellektuelle Elite, Hippies? Es wird gemunkelt, dass das St. John's College das intellektuell anspruchsvollste College in den USA ist. Natürlich ist der Zusammenhalt auf dem kleinen 500 Leutchen Campus auch ganz gewaltig. Denn da es keine Wahlfächer gibt und alle über vier Jahre hinweg das gleiche Programm durchlaufen, wenden sich Erstsemester oft an den Abschlussjahrgang, wenn es irgendwo mit der generellen Arbeitsmoral hapert. Die brechen dann wiederum in nostalgische Glückseufzer aus, wenn sie noch mal die ersten paar Zeilen aus Homers "Illias" aus dem Gedächtnis auf Altgriechisch rezitieren dürfen. Wie sieht es mit Berufschancen aus? Ob man mit einem St. John’s Abschluss in einer hoch spezialisierten Berufswelt überhaupt eine Chance hat, weiß ich nicht, gerade, was den deutschen Arbeitsmarkt angeht. Im internationalen Arbeitsmarkt jedoch allemal. "Jonnies" haben eine ungewöhnlich hohe Quote, wenn es darum geht, auf weiterführenden Colleges angenommen zu werden. Außerdem gibt es wegen des ungewöhnlichen Programms ein sehr engagiertes Altschüler- Netzwerk, welches sich ausgesprochen stark darum bemüht, dem Abschlussjahrgang unter die Arme zu greifen. Also wünschst du dir jetzt nicht, etwas „Ordentliches“ studiert zu haben? Im Endeffekt ist das Studium so vielseitig und komplex, dass man hinterher alles mit Zuversicht und Mut anpacken kann. Selbstverständlich hat man nicht das gleiche Fachwissen wie ein Biochemie Student nach vier Jahren, aber die Grundlagen sind unwahrscheinlich solide und man hat sich so daran gewöhnt, sich etwas ganz Neues anzueignen, dass sich der „Durchschnitts-Jonnie“ nicht vom Nachholen oder von einem Intensivkurs abschrecken lassen würde. Und wie gehts jetzt bei dir weiter? Ich werde hoffentlich im Herbst mein Studium in Internationalen Beziehungen und Diplomatie in Marokko fortsetzen.

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