Auf der dunklen Seite der Chickennuggets!

Wer Ernährungs- oder Agrarwissenschaften studiert, macht nicht automatisch einen Bio-Bauernhof auf. Drei junge Menschen haben uns erzählt, warum sie lieber zu einem Großkonzern wollen - vom Formfleisch-Fabrikant bis zum Milchpulver-Hersteller.
charlotte-haunhorst

Auf sueddeutsche.de läuft diese Woche die Recherche über #FressenundMoral. Auf Wunsch der Leser werden dabei Fragen wie "Ist Bio wirklich besser?" oder "Was genau bedeutet Massentierhaltung?" beantwortet. Auch jetzt.de hat sich an der Recherche beteiligt.

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Illustration: Julia Schubert


"Es ist für mich ein Dilemma"

Moritz, 33, arbeitet in der Qualitätssicherung für ein mittelständisches Familienunternehmen, das Formfleischprodukte wie Hähnchennuggets oder Schinken und Fertiggerichte herstellt. Er hat Lebensmitteltechnologie studiert und war an der Uni im Ethikverein engagiert.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann einmal Geflügel-Formfleischprodukte herstellen werde. Über die Arbeitssuche bin ich da so hineingerutscht. Ursprünglich wollte ich in der Lebensmittelentwicklung arbeiten. Aber in diesem Bereich gibt es nur wenige Jobs. Ich zwar auch nie aktiv darauf aus, in einem Bioladen zu arbeiten, so weltverbesserisch war ich nicht. Aber ich habe schon versucht nachhaltigere Lebensmittel zu kaufen. Im Studium fehlte mir allerdings oft das Geld dafür.

Jetzt arbeite ich in einem Betrieb, der alles vom Billig- bis zum Bioschnitzel herstellt. Das ist auch interessant. Man erhält Einblick in viele verschiedene Bereiche und Produktionen. Es ist für mich aber auch ein kleines Dilemma.

Im Studium war ich im Ethikverein engagiert. Dort haben wir über Gentechnik, Bioprodukte, den Wandel im Fleischkonsum geredet. Mein jetziger Job wäre dort mit Sicherheit auch diskutiert worden, mit der Nachhaltigkeit in meiner Branche befinde ich mich auch immer noch in einem Dilemma. Wir beziehen unser Hühnerfleisch hauptsächlich aus Brasilien. Diese Branche ist sehr abhängig vom Sojaanbau, hinzu kommen der weite Transport und die Art der Tierhaltung dort. Außerdem zieht der Verpackungswahnsinn die Energie-Bilanzen stark nach unten. Alles muss in Folie verpackt werden, dann kommt noch ein Karton rum, der wird mit Druckerfarbe getränkt, durch die Welt verschifft – das macht es schwierig, nachhaltig zu produzieren. Die Lebensmittelindustrie braucht natürlich diese Standards an Masse, anders wären die Menschen auch nicht zu ernähren.

Andererseits kann man natürlich auch nur etwas bewegen, wenn man sich selber einbringt. Nur zu sagen, die Lebensmittelindustrie wäre so furchtbar schlimm, reicht nicht. Man kann nur mitreden, wenn man weiß, wie die Systeme aufgebaut sind. Wie die Kunden Preisdruck ausüben, weil dem Endkonsumenten der Urlaub, das Auto oder ein neuer Fernseher wichtiger sind als ihre Ernährung. Am Ende liegt vieles in der Hand des Konsumenten.  

Ich esse zwar die Produkte aus anderen Abteilungen meines Unternehmens, allerdings nicht die, die ich den ganzen Tag schon sehe. Da brauche ich abends zum Ausgleich etwas anderes und koche meistens selber. Trotzdem würde ich auch nicht von dem Kauf unserer Produkte abraten. Allein mit mehr Informationen für die Konsumenten könnte man etwas verändern. Ich sehe gerade mit Sorge, dass die Menschheit sich da ins Verderben reitet. Sie ist nicht bereit, für vernünftige nachhaltige Produkte Geld auszugeben. Regionale Produkte wurden bei uns schon eingestellt, weil sie doppelt so teuer sind wie die aus Brasilien. Der Supermarkt listet diese Dinge dann irgendwann aus, weil sie einfach nicht verkauft werden. Da kann man ihm gar keinen Vorwurf machen, dass er irgendwann nur noch Billigprodukte vertreibt. Würden die Kunden nur noch Bio kaufen, würden wir es auch nur noch herstellen. Diese Nachfrage gibt es aber nicht.    

Ich selbst kaufe eigentlich immer unsere Bioschiene und habe auch ein besseres Gewissen, weil wir diese Dinge zumindest anbieten. Das ist natürlich auch eine Konsequenz daraus, dass ich mittlerweile mehr Geld verdiene und es mir leisten kann. Aber am Ende wäre mir das immer wichtiger, als noch ein Fernseher oder ein Porsche vor der Tür. Nur wenn mehr Leute so denken, wird sich auch langfristig etwas ändern." 



"Ich habe noch nicht die Freiheit darauf zu achten, ob mir die Firmenpolitik auch zusagt"


Finja, 24, schreibt seit kurzem ihre Masterarbeit im Bereich Qualitätsmanagement bei einem der größten Lebensmittelkonzerne der Welt. Sie studiert Ökotrophologie und hat vorher für einen Fertigprodukte-Hersteller gearbeitet. 

„Meine ersten Praktika habe ich noch in kleineren Unternehmen gemacht. Das habe ich auch immer als sehr positiv empfunden, dort herrschte eine sehr familiäre Atmosphäre vor. Für meine Masterarbeit war das allerdings problematisch, weil das betreuende Unternehmen von Seiten der Uni aus bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss. Kleine  Betriebe können das oft nicht leisten. Ich habe mich zum Beispiel auch in Österreich bei einer Molkerei für eine Masterarbeit beworben. Die zuständige Frau vom Qualitätsmanagement hat mir dann aber gesagt, dass sie mir zeitnah kein Masterarbeitsthema anbieten könnten, weil ihre Abläufe alle standardisiert sind und sich daran auch nicht so schnell etwas ändert. Großunternehmen investieren hingegen viel in technische Innovationen. Dort wird laufend etwas verändert oder ausprobiert, so dass sich Themen wie meines ergeben. Bei größeren, internationalen Unternehmen ist außerdem die Chance höher, danach auch im Ausland zu arbeiten. Ich habe bis vor kurzem im Ausland studiert und es ist mir wichtig, meine neuen Sprachkenntnisse weiterhin pflegen zu können und weitere Erfahrungen im Ausland zu machen.  

Von meinen Kommilitonen gehen viele in andere Richtungen als ich, zum Beispiel in die Ernährungstherapie. Allerdings habe ich auch eine Freundin, die bei Nestlé arbeitet. Das ist oft natürlich finanziell reizvoller. In unserem Studiengang kommt dann schon manchmal Kritik an solchen Konzernen und ihren Praktiken auf. Andererseits ist uns aber auch allen bewusst, dass nun einmal viele große Konzerne gerne den günstigsten Weg gehen. Das gilt für andere Branchen genau so, wie für die Ernährungsindustrie, da ist Nestlé nicht das einzige schwarze Schaf. Das wird den Kommilitonen, die dort arbeiten, aber nicht vorgeworfen. Es ist eher so, dass der Erfolg, sich bei so einem großen Konzern in den Bewerbungsverfahren durchgesetzt zu haben, von anderen auch anerkannt wird.

Ich selbst esse eigentlich nicht gerne Fertigprodukte. Trotzdem habe ich vor meinem jetzigen Arbeitgeber für einen Fertigprodukte-Hersteller gearbeitet. Denn ob ich selber das Produkt in meinem Alltag konsumiere, ist für meine Arbeit in der Qualitätssicherung nicht wichtig.

Ich habe damals auch meine Kollegen gefragt, ob sie die Sachen selber zu Hause essen. Sie haben fast alle verneint. Die Kollegin von der Kundenreklamation hat mir allerdings erzählt, dass auch die Leute, die bei ihr anrufen, sich immer zuerst rechtfertigen. Sie sagen dann, dass sie sonst immer frisch kochen würden und ausgerechnet jetzt bei dieser einen Ausnahme sei ihnen direkt etwas aufgefallen. Fertigprodukte zu essen hat also schon einen schlechten Ruf. Wer gesund leben will, kauft so etwas wohl eher nicht. Trotzdem denke ich, dass das deutsche Lebensmittelrecht so hohe Standards vorgibt, dass bei allem, was für den Markt zugelassen wurde, keine gesundheitliche Bedenklichkeit besteht.

Bisher lag mein Fokus immer darauf, ein gutes Masterarbeitsthema zu finden. Da war es mir wichtig, themenspezifisch das Beste zu nehmen, das ich kriegen konnte, weil man sich darauf natürlich auch in Hinblick auf den späteren Berufsweg spezialisiert. Ich habe noch nicht die Freiheit, parallel dazu darauf zu achten, ob mir die Firmenpolitik auch zusagt. Bei der Bewerbung für meinen späteren, festen Arbeitsplatz wäre mir dieses Kriterium allerdings wichtiger."


"Ich könnte nicht Marketing für ein Produkt betreiben, das ich verwerflich finde."

Angela, 26, studiert Ernährungswissenschaften. Sie hat ein halbjähriges Praktikum bei einem Milchpulver-Hersteller absolviert, bei dem sie sich später auch vorstellen könnte, zu arbeiten.  

„Auf Milchpulver kam ich eigentlich wegen meiner Cousine, die selbst nicht stillen konnte. So habe ich gemerkt, dass es auch Sparten in der Industrie gibt, die für die Arbeit als Ernährungswissenschaftlerin vertretbar sind. In diesem Fall also lebensnotwendige Babynahrung.  

Als Ernährungswissenschaftlerin steht man natürlich vor allem für gesunde und abwechslungsreiche Ernährung ein. Das ist bei einigen industriell gefertigten Lebensmitteln allerdings nicht gegeben. Es gibt viel Junkfood, andere verkaufen Nahrungsergänzungsmittel, die man als Normalverbraucher überhaupt nicht benötigt. Daher werden viele Firmen im Lebensmittelbereich von Ernährungswissenschaftlern als Arbeitgeber kritisch betrachtet. Bei meinem Praktikum bei dem Milchpulver-Hersteller hat sich allerdings niemand bedenklich geäußert. Das liegt vielleicht auch an der Situation auf dem Arbeitsmarkt: Viele meiner Kommilitonen haben schon das Studium mit dem Vorsatz begonnen, den Menschen gesündere Ernährung näher zu bringen. Sie wollten in der Ernährungsberatung, insbesondere in Kliniken, arbeiten. Andere wollten wiederum in die Forschung. Jetzt, wo das Studium fast vorbei ist, promovieren tatsächlich viele. Allerdings wissen nur wenige so richtig, wie es weitergehen soll. Die Arbeit in Kliniken wird meistens nicht besonders gut bezahlt, oft gibt es dort nur Teilzeitjobs. In der Industrie ist das anders. Deshalb wird sie mittlerweile auch stärker als potenzieller Arbeitgeber wahrgenommen.  

Außerdem habe ich das Gefühl, dass viele Unternehmen mögliche Fehler aus der Vergangenheit reflektiert und behoben haben. Als beispielsweise viele Kinder von zu süßen Produkten Karies bekommen haben, wurden danach bestimmte Tees vom Markt genommen. Das ist begrüßenswert.

Vor meinem Praktikum beim Großkonzern war ich bei vielem sehr skeptisch. Ich dachte, bei so einer großen Firma muss sich hauptsächlich alles um Profit drehen. Umso überraschter war ich, dass es bei meinem Arbeitgeber tatsächlich sehr viel um Qualität ging. Ich hatte das Gefühl, die Firma will wirklich, dass es den Menschen besser geht. Ich wurde zu keinem Zeitpunkt als Praktikantin behandelt, viel mehr als vollwertige Ernährungswissenschaftlerin. Ich hatte auch das Gefühl, sie fragen nicht aus Pflichtgefühl nach meiner Meinung, sondern weil sie das wirklich interessiert. Das hatte ich so nicht erwartet.  

Ob ich hinter dem verkauften Produkt auch selbst stehe, hängt für mich vor allem von der Sparte ab, in der man arbeitet. Ich könnte zum Beispiel nicht Marketing für ein Produkt betreiben, das ich verwerflich finde. Das würde dann ja auf mein Anraten gekauft werden. In der Qualitätssicherung sehe ich das etwas anders. Dort könnte ein Produkt schon viel Zucker und Fett haben und ich würde trotzdem dort arbeiten. Denn dann wäre es ja meine Aufgabe, darauf zu achten, dass das Produkt trotzdem die bestmögliche Qualität hat und für die Verbraucher sicher ist. Und wenn man in so einem Unternehmen arbeitet, sollte man aus dem eigenen Bereich auch das Beste rausholen. Man kann nicht immer nur meckern, man muss auch etwas tun."

Text: charlotte-haunhorst - Illustration: Katharina Bitzl

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