Sie hängen an Berliner Straßenlaternen und Masten, kleben an U-Bahnstationen und Stromkästen: die schwarzgelben Piktogramme des Street-Art-Künstlers El Bocho. Auf Stickern und 40 mal 50 Zentimeter großen Schildern lässt er Gewaltdelikte wieder aufleben. Es werden Zähne ausgeschlagen, Messer gewetzt und maskierte Gestalten gezeigt, Menschen niedergetreten und währenddessen gefilmt. Dabei ähneln die Bilder seiner Aktion „Gewalt“, für die er seit einigen Wochen die Großstadt plakatiert, eher nüchternen Infografiken: „Meine Bilder sind bewusst nicht wertend, sondern machen im alltäglichen Umfeld auf eine Realität aufmerksam, die gerne verdrängt wird“, stellt El Bocho klar.

Die Idee für sein Gewaltprojekt kam El Bocho, als er in den vergangenen Monaten immer mehr über brutale Ausschreitungen in Berlin gelesen hat: „Mir ist dabei vor allem die einseitige Berichterstattung in den Medien aufgefallen. Ich habe nach einer Alternative gesucht, das Thema ganz sachlich anzugehen und unabhängig vom Zeitungsformat einen Denkanstoß zu geben.“ Wichtig sei ihm, dass seine Piktogramme keinen Lösungsvorschlag bieten: „Ich möchte niemanden belehren. Idealerweise wirken die Piktogramme präventiv, weil man sich mit dem Thema auseinandersetzt, sich austauscht. Aber die Lösung muss schon jeder selbst finden."

„Keiner soll sich den Piktogrammen entziehen können.“

Mittlerweile hat El Bocho knapp 80 Schilder und mehrere Hundert Sticker in Berlin verteilt. In den kommenden Wochen möchte der Street-Art Künstler, der tagsüber als Illustrator und Typograf arbeitet, rund 200 weitere Schilder in der Hauptstadt verteilen. Dafür eigne sich die Straße besonders gut, erklärt er: „Von der Bundeskanzlerin über den Durchschnittsbürger bis zum Täter - keiner soll sich den Piktogrammen entziehen können.“ Auf seiner Website kann man die Sticker deshalb bestellen und selbst zum Teil der Aktion werden. "Je mehr Menschen mitmachen, desto besser", fasst der Berliner zusammen. Gerade war er auf „Gewaltmission“ in Hamburg und hat dort die Stadt mit seinen Piktogrammen versehen. „Gewalt“, sagt El Bocho, „ist nicht nur in Berlin ein Thema, sondern in Großstädten auf der ganzen Welt.“ Deswegen sei die klare Bildsprache seiner Motive besonders wichtig: „Meine Piktogramme müssen überall verständlich sein“, erklärt der Berliner.

Auch auf dem Berliner Alexanderplatz hat El Bocho ein Schild angebracht. Hier wurde vor acht Wochen der 20-Jährige Jonny K. von einer Gruppe junger Männer zu Tode geprügelt, als er seinem Freund zu Hilfe eilen wollte. Sie traten immer wieder auf Jonnys Schädel ein, während dieser schon am Boden lag. Er starb ein paar Stunden später im Krankenhaus. Solche Taten sind in der Großstadt kein Einzelfall. Auch wenn die Zahl der Gewaltdelikte in Berlin in den letzten Jahren zurückgegangen ist, sinkt die Hemmschwelle für Brutalität. So schätzt auch El Bocho, der selbst in der Frankfurter Vorstadt aufgewachsen ist, die Situation ein: „Auf jemanden einzuschlagen, der schon am Boden liegt und dann das Ganze noch zu filmen, das gab es früher nicht. Diese Entwicklung schockiert mich.“

Aber nicht nur auf öffentliche Gewalttaten will El Bocho mit seiner Aktion hinweisen: „Vor Gewalt ist man in Problemvierteln genau so wenig sicher wie in einer Villengegend. Auch häusliche oder psychische Gewalt ist ein Thema, das häufig totgeschwiegen wird. Solche Themen werde ich in Zukunft mehr behandeln.“ Ob er selbst auch schon einmal Gewalt erlebt hat? "Ja. Aber damals gab es noch klare Grenzen,“ antwortet El Bocho und macht zum ersten Mal während unseres Gesprächs eine lange Pause am Satzende. 

El Bocho wird in den nächsten Jahren viel reisen – mit seinen schwarzgelben Warnschildern im Gepäck. „Vor Gewalt sollte niemand die Augen verschließen, egal wo sie auftritt“, sagt er. Wenn man ihm zuhört, versteht man den Begriff „Gewaltmission“.  Das Thema ist ihm ein persönliches Anliegen: „Junge Menschen sollten in einem guten Umfeld aufwachsen, niemand sollte Angst haben, vor die Tür zu gehen“, stellt er fest. Was man dagegen tun könne? „Überwachungskameras helfen dabei wahrscheinlich wenig. Ich versuche mit meinen Bildern das Bewusstsein zu stärken. Selbst wer die Piktogramme nicht gut findet, setzt sich damit auseinander. Das ist schon mal ein erster Schritt.“ Und der führt in die richtige Richtung. Text: sina-pousset - Bilder: Agata Szymanska

Aus einem Schlachthaus wird ein Raum für Kunst: