Auf zum letzten Gefecht

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Zwei für den Palast: Bruder und Kronstädta Was bleibt, wenn man alles versucht hat, an allen Rädern nach Kräften gedreht und tatsächlich einiges bewegt hat – aber vielleicht eben nicht genug? Vermutlich erst einmal eine Baustelle, auf der nicht gebaut, sondern abgerissen wird. „Rückbau“ nennen es die Experten. Dann über Jahre eine Grünfläche, also eigentlich: nichts. Dort, wo in Berlin heute noch die Ruine des Palast der Republik steht, zwischen Humboldtuniversität und Rotem Rathaus, Alexanderplatz und Unter den Linden, rücken vielleicht schon bald die Bagger an, um das Ergebnis eines Kampfes zu manifestieren, der dann insgesamt über 50 Jahre gedauert haben wird. Vom Abriss der Reste des Berliner Stadtschlosses in den Nachkriegsjahren, über den Bau des „Palastes der Republik“ in den 70er Jahren, dessen Schließung wegen Asbestverseuchung Anfang der 90er bis zu den Plänen, das Stadtschloss an alter Stelle wieder aufzubauen: Am Freitag wird der Deutsche Bundestag möglicherweise einen Schlussstrich unter die Debatte um einen der zentralen Plätze der Hauptstadt und der deutschen Geschichte ziehen. Und damit, so empfinden es viele, auch einen Schlussstrich unter das ungenehme Kapitel „DDR“. Aber noch, sagt Sebastian Mordmüller vom Palastbündnis, das den Abriss verhindern will, ist das letzte Wort nicht gesprochen. Noch hat der Protest seinen Sinn. Noch kann man versuchen, den Abriss zu verhindern. Und es wurde wirklich alles versucht, im letzten Moment allerdings. Der Protest gegen den Abriss, wie er in den letzten Monaten im Berliner Alltag und in bundesdeutschen Zeitungen wahrzunehmen war, er hat sich spät auf den Weg gemacht. Lange wurde das Thema Palast der Republik der PDS überlassen. Zur Wahl standen der Ruf nach der guten, alten Zeit in Form des Palastes und der Ruf nach der ebenso guten, aber noch älteren Zeit in Form des Schlosses. Eine schlechte Wahl, fand einige junge Architekten: eine Wahl, die nur nach hinten blickt und mit dem heutigen Berlin wenig zu tun hat. Sebastian Mordmüller ist einer dieser Architekten. Als „Palastretter“ begannen sie erste Aktionen für den Palast in seiner heutigen Form umzusetzen, etwa als sie zum sommerlichen Palast-Watching aufriefen und dabei den Bau betrachteten. Um die „Palastretter“ formierte sich das heutige „Palastbündnis“, das im Sommer 2005 nicht nur an die Öffentlichkeit trat. Bündnisse schlossen sich, prominente Stimmen – etwa von Tim Renner, Daniel Brühl oder Mias Mieze – meldeten sich zu Wort, an so genannten „Stoptagen“ demonstrierte man und spielte Konzerte. Für die Berliner Rapper Bruder & Kronstädta war die Teilnahme am Protest Ehrensache. Wann immer es um Freiräume für gesellschaftliche Gegenentwürfe geht, sind Bruder & Kronstädta – links, engagiert, nonkonform und damit das Gegenteil des Berliner Mainstreamrap – nicht weit. „Der Palast ist in der Geschichte dieses Landes wieder mal eine große Chance, wie die Regierung große Kunst am Objekt zulassen könnte. Das soll nicht sein, weil ein großes Hotel oder eine Unterkunft für Messen wichtiger ist,“ sagt Bruder. Und Kronstädta ergänzt: „Ich finde es komplett lächerlich, zu meinen, man müsste an dieser Stelle, die natürlich historisch wichtig ist, etwas wiederherstellen, das gar keinen Gegenwartsbezug hat. Was politisch dahinter steht ist dies: man will etwas ungeschehen machen und nicht mehr daran erinnert werden - an eine Zeit, die nicht wegzuwischen ist.“ So trostlos und eindeutig beschreibt Sebastian Mordmüller die Zustände nicht. Er skizziert die Möglichkeiten, die der Erhalt der Palastruine bieten würde, noch überwiegt die Hoffnung: „Es gibt in Berlin keine Halle, in der junge Künstler aus aller Welt ausstellen. Der Palast wäre ein super Ort dafür. Man schaut sich in Paris das Centre Pompidou an, so könnte das in Berlin auch funktionieren.“ Der Kostenaufwand wäre vergleichsweise gering, sagt das Palastbündnis: Eine Fassade müsste gebaut werden, eigentlich nur das. Der Innenraums, so stellt sich Mordmüller das vor, könnte je nach Veranstaltung verändert werden. Auf der Homepage ruft das Palastbündnis dazu auf, noch bis Freitag bei Abgeordneten des Bundestages anzurufen und persönlich Überzeugungsarbeit zu leisten. Viele Parlamentarier, so das Palastbündnis, wüssten zu wenig über die Optionen und vor allem über die immensen Folgekosten, die durch den Abriss und den noch nicht finanzierten Schlossbau, der 2012 beginnen soll, entstehen würden. „Der Palast“, sagt Bruder, „ist ein extrem ästhetisches Gebäude und nun ein absolut abgedrehter Rohbau und selbst schon ein Kunstobjekt. Und dass das jetzt abgerissen wird, ist so arm. Statt jetzt ein visionäre Konzept umzusetzen, kommt man wieder mit den Geschichten von vorgestern um die Ecke.“ Doch noch steht der Palast der Republik auf dem Berliner Schlossplatz, noch gibt es eine letzte Anhörung im Abgeordnetenhaus, noch gibt es für die Gegner des Abrisses einen letzten Rest an Hoffnung. Am Freitag entscheidet der Bundestag.

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