Aufbruch in die Peinlichkeit

"Aufbruch Bayern" heißt das Online-Spiel zur Zukunftskampagne der Bayerischen Staatsregierung. Damit sollen spielerisch die Kernwerte Familie, Bildung und Forschung vermittelt werden. Bisher klappt das nicht so ganz.
kathrin-hollmer

Wie kann man junge Mensche erreichen, wenn nicht mit einem Computerspiel? So was in der Art muss man sich in der Bayerischen Staatskanzlei gedacht haben. Ähnlich klischeebefleckt ist der Inhalt von "Aufbruch Bayern", dem Online-Spiel zur gleichnamigen Zukunftsinitiative der Bayerischen Staatsregierung.

Das mit der Zukunft hat sich gleich erledigt, wenn man die Website aufruft. Hat man die minutenlange Wartezeit hinter sich, kommen schon die ersten Special Effects: Vogelstimmen. Man wählt zwischen einem weiblichen und einem männlichen Spieler und landet auf einem Steg vor einem kleinen See. Dort wartet die bayerische Schutzpatronin Bavaria - mit hochgesteckten blonden Locken und schulterfreiem Kleid - auf einem Ruderboot und bietet ihre Hilfe an. Denn: "Bayern sucht Heldinnen und Helden, die mutig in die Zukunft aufbrechen."

Ähnlich durchschaubar geht das Spiel weiter. Ziel des Ganzen ist es, Bavaria die Gipfelfahne zu bringen. Bevor es losgeht, muss man auswählen, wofür man sich auf seiner Reise besonders einsetzen will, für die Familie, für "beste Bildung" oder doch für Ideen und Erfindungen. Bevor es richtig losgeht, muss man noch eine Frage beantworten. Welcher See als "Bayerisches Meer" bezeichnet wird oder wie viele Löwen auf dem bayerischen Wappen sind.

Verpackt ist diese Überdosis Patriotismus in eine kitschige, voralpine Spielewelt, durch die man umständlich und schwerfällig navigiert. Das kann nicht ernst gemeint sein, sagt man sich immer wieder, und fragt sich, ob das Ganze nicht vielleicht doch eine Parodie auf den Erfolg von Spielen wie "Landwirtschaftssimulator" und "Farm Ville" ist. Ist es nicht.

Die Entwicklerfirma takomat aus Köln, die in einem öffentlichen Vergabeverfahren den Zuschlag bekommen hat, ist bekannt für ihre Serious Games und, zumindest im Promo-Video, sehr stolz auf ihr Werk:

Von dieser stolzen Haltung ist beim Telefongespräch nicht mehr viel zu hören, wohl auch, weil die Reaktionen im Internet nicht wie gewünscht ausfallen. "Vice Magazin" auf seiner Website: "Abschließend lässt sich nur sagen, dass sich die Bayerische Staatsregierung bei diesem Spiel für ziemlich dumm verkaufen hat lassen." Auf Youtube, wo das Promo-Video zu sehen ist, kommentiert der User Philijam: "Oh Gott, ich dachte, das ist eine Parodie... das ist ja echt :O." MajorKoenig156 schreibt "Ich schäme mich so für Bayern" und Hrrhrst fragt sich: "Die Firma bekommt doch nie wieder nen Auftrag. Wer liefert denn so was ab, ohne sich in Grund und Boden zu schämen?"

 

Viele Kommentare drehen sich um das Gerücht, das Spiel habe 100.000 Euro gekostet. "Wir sind so reich, wir werfen unser Geld für so einen Mist zum Fenster raus, denn wir habens ja", schreibt der User tiR1871. Es stimmt, nach dem "Trailer" hat man mehr erwartet. Es gibt – und soll natürlich Spiele jenseits von AAA-Blockbustern geben, aber: Wo sind zum Beispiel die besagten Levels? Es gibt nur eines - und das ist nicht besonders aufwändig. "Wir haben damit nicht Levels im herkömmlichen Sinn gemeint, sondern die Stufen der Heldenreise", sagt Daniel Schwarz am Telefon. Mehr will man bei takomat zu "Aufbruch Bavaria" nicht sagen.

 

In der Bayerischen Staatskanzlei tut man gelassen. Der Pressesprecher Thomas Glossner fasst zusammen: "Das Spiel ist seit 14. August online, bisher hatten wir mehr als 12.500 Spielaufrufe und waren damit auf zwei Messen, bei denen das Feedback sehr gut war. Die Kritik im Internet ist einerseits, dass das Spiel technisch banal ist. Das sehen wir gelassen, weil wir keine technische Revolution beabsichtigt haben. Andererseits werden die inhaltlichen Aussagen kritisiert, wie in dem "Spiegel Online"-Artikel, dass nicht für alle das dritte Kindergartenjahr beitragsfrei wird. Das haben wir aber auch gar nicht geschrieben, sondern nur, dass es in den meisten Fällen beitragsfrei wird. Da verlassen wir uns auf unsere Statistiken und stehen auch dazu." Zu den Gerüchten um die Kosten sagt Thomas Glossner: "Das Gesamtbudget für die Präsentation der Staatsregierung liegt bei zwei Millionen. Mehr können wir dazu nicht sagen."

 

Auch zum Spiel selbst gibt es nicht mehr viel zu sagen, nach nicht einmal fünf Minuten ist es zu Ende. Als "Belohnung", wenn man große Diamanten sammelt, bekommt man noch wertvolle Informationen, wie, dass Bayern von 2008 bis 2014 8.209 zusätzliche Lehrerstellen schafft und 100 Millionen Euro in Elektromobilität investiert. Mit den Diamanten kann man dann eine Umweltbildungsstation oder ein Pumpspeicherkraftwerk bauen. Und, noch wichtiger, sich mit seinen Punkten in die "ewige Liste der Heldinnen und Helden Bayerns" eintragen.

 

Guido Doublet sagt in dem Promo-Video noch, sie wollten "kein plattes Bierdosen-Tetris" entwickeln. Warum eigentlich nicht? Hätten sie das mal lieber gemacht - es wäre mit Sicherheit spannender gewesen.

 
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