Aufstand der Eulen - mit Aktualisierung

Das Berliner John-Lennon-Gymnasium hat darüber abgestimmt, den Unterricht erst um 9 Uhr beginnen zu lassen. Schlafforscher fordern schon seit Jahren, die Schulzeiten dem biologischen Rhythmus der Jugendlichen anzupassen.
marie-piltz

„1.Berliner Langschläfer-Schule geplant!“ posaunte die Bildzeitung am Montag. Von einer Berliner „Schulrevolte“ war an anderer Stelle zu lesen und mancher suchte gar die Parallele zum berühmten Friedens-Sit-In von Yoko Ono und John Lennon, die vor 40 Jahren im Bett öffentlich für eine bessere Welt demonstrierten. Denn die Schule, die sich dieser Tage öffentlichkeitswirksam für einen späteren morgendlichen Schulbeginn einsetzt, hat den Ex-Beatle zum Namenspaten: Am John-Lennon-Gymnasium in Berlin-Mitte wird darüber abgestimmt, ob der Unterricht zukünftig im Winterhalbjahr erst um 9 Uhr beginnen soll. Grund dafür ist nicht etwa das ausgiebige Berliner Nachtleben der Schüler, wie manches Blatt behauptete, erklärt Hanna Harnisch: „Das stimmt so nicht. Es geht uns vorrangig um das wissenschaftliche Argument – etliche Studien belegen, dass Schüler in unserem Alter erst ab 9 Uhr voll konzentrationsfähig sind“, sagt die Schülersprecherin des Lennon-Gymnasiums. Das liege am Schlafhormon Melatonin, das bei pubertierenden Teenagern abends gegen 23 Uhr im Körper ausgeschüttet wird. „Das merke ich auch persönlich“, sagt die 18-Jährige. „Vor 11 kann ich nicht einschlafen und weil Melatonin erst ab 8 Uhr morgens wieder abgebaut wird, ist man erst gegen 9 Uhr richtig wach und kann sich voll konzentrieren.“ In Ländern wie Kanada, Großbritannien oder Frankreich sei der spätere Schulstart schon lange etabliert. „Bei uns ist das einfach diese deutsche Mentalität, dass man um 8 Uhr anfängt, weil es schon immer so war – obwohl belegt ist, dass das eigentlich sinnlos ist.“ Deshalb brachten sie und die anderen Schülersprecher die Idee ihres Mitschülers Simon Braucks zunächst in der Gesamtschülervertretung zur Diskussion und ließen nun die komplette Schülerschaft über den Vorschlag abstimmen. 60 Prozent der Oberstufenschüler sprachen sich für den späteren Schulanfang aus, die Mittelstufenschüler indes stimmten mit einer einfachen Mehrheit von 56 Prozent dagegen. Damit ist der Ausgang der endgültigen Abstimmung am Abend in der Schulkonferenz noch völlig offen - auch im Lehrerkollegium zeichnet sich eine geteilte Meinung ab, die Eltern hatten im Vorfeld versprochen die Mehrheitsmeinung der Schüler zu unterstützen. Sollten die Oberstufenschüler mit ihrem Votum durchkommen, dann würden die Stundenpläne zum Oktober 2009 umgestellt werden. Neu sind die Diskussionen um die wertvollen frühen Morgenstunden nicht. Alle Jahre wieder entflammt der Grundsatzstreit, in dem die eine Seite für mehr Rücksichtnahme auf den Bio-Rhythmus plädiert und die andere bemängelt, dass veränderte Unterrichtszeiten Familienleben und Freizeitgestaltung ins Ungleichgewicht bringen würden. Schlafforscher sprechen in Vogelmetaphorik von nachtaktiven „Eulen“ und früh aufstehenden „Lerchen“, die in jeder Altersgruppe zu je einem Fünftel vertreten sind. Eine besonders langschlafende „Eule“, der Kommunikationsdesigner Günter Woog, gründete gar vor rund 15 Jahren den Verein „Delta t für eine Zweitnormalität“. Mit diesem setzt er sich für Menschen ein, die wie er eine "tempus-Einheit" später aufstehen wollen und deshalb flexiblere Arbeitszeiten benötigen - eine "Zweitnormalität". In der Debatte um den späteren Schulstart wird indes immer wieder der Wert eines gemeinsamen Familienfrühstücks zur Sprache gebracht – sowohl von Befürwortern, als auch von Gegnern des späteren Schulbeginns. So forderte Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger bereits im Jahr 2006, die Schule eine halbe bis volle Stunde später anfangen zu lassen, damit die Schüler länger mit ihren Eltern am Frühstückstisch sitzen können. Umgekehrt kritisieren einige Eltern das aktuelle Vorhaben des John-Lennon-Gymnasiums mit dem Argument, ein späteres Frühstück sei mit ihren Arbeitszeiten nicht vereinbar. Hanna Harnisch und die anderen Schülervertreter des John-Lennon-Gymnasiums hoffen derweil, bald länger schlafen zu können und damit eine Vorreiterrolle in Deutschland einzunehmen. Sie selbst könnte jedoch von einer Änderung nur noch ein Winterhalbjahr profitieren, bevor sie die Schule im nächsten Jahr beendet. „Das sollte beweisen, dass unser Vorhaben nicht eigennützig ist“, sagt sie. „Wir wollen damit auch einen Denkanstoß für andere Schulen geben.“ [b]Nachtrag vom Donnerstag, 26.März, 10.30 Uhr:[/b] Nachdem die Mittelstufenschüler des John-Lennon-Gymnasiums bereits am Nachmittag mehrheitlich gegen einen früheren Schulbeginn gestimmt hatten, schloss sich die Schulkonferenz am Mittwoch Abend dem Schülervotum an. Zwar hatten die Oberstufenschüler sich am Dienstag für den Unterricht ab 9 Uhr ausgesprochen, in der Gesamtschülerschaft sah das Ergebnis jedoch anders aus: Von 676 anwesenden Schülern waren 264 dafür, 397 dagegen und es gab 22 Stimmenthaltungen. Wie Schuldirektor Jochen Pfeifer mitteilte, stimmte das Gremium aus Lehrer-, Eltern- und Schülervertretern am Abend bei einer Enthaltung und einer Nein-Stimme mit elf Stimmen für die Beibehaltung des Schulbeginns um acht. Eltern und Lehrer seien "sehr überrascht" gewesen vom Schülervotum, so Pfeifer. Dennoch zollt seine Schule der Initiative der Schülersprecher hohen Respekt und lobt das demokratische Vorgehen in einer auf der Schulhomepage veröffentlichten Pressemitteilung. Vielleicht komme die Entscheidung zu früh für eine große Veränderung in der Gesamtgesellschaft, heißt es darin. Unabhängig vom Ausgang des Votums hätten die Schüler aber eine wichtige Diskussion angestoßen.

Text: marie-piltz - Illustration: Dominik Pain

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