Ausflug in den Konflikt

Israel ist ein beliebtes Reiseziel. Viele junge Urlauber schaffen dabei einen neuen Trend: Besatzungstourismus im Westjordanland. Wir waren auf einer Tour dabei.
steffi-hentschke

Melissa versteht den ganzen Trubel nicht. Gerade eben ist sie an der ersten Station ihres Tagesauflugs ankommen, ein palästinensisches Dorf, wie ihr der Tourguide erklärt. Aber Melissa sieht nur provisorische Zelte und Männer, die diskutieren. Ein israelisches Militärfahrzeug ist auch da, die Soldaten bilden den Mittelpunkt der aufgebrachten Menschenmenge. Sie sind mit Maschinengewehren bewaffnet. Die Situation wirkt brenzlig, aber Melissa gibt sich gelassen. „Keine Ahnung, was da abgeht“, sagt sie. „Aber uns Touris werden die Israelis schon nix tun.“ Das weiße Tanktop leuchtet auf ihrer sonnengebräunten Haut.  

Melissa ist 20 Jahre alt, kommt aus dem Zillertal und kennt den Nahost-Konflikt nur aus dem Fernsehen. Die letzten zwei Tage war sie couchsurfen in Jerusalem, jetzt will sie „die andere Seite kennenlernen“. Deshalb hat sie sich für eine Tour ins Westjordanland angemeldet. Das Gebiet wird überwiegend von Palästinensern bewohnt und hat eine eigene Regierung, ist jedoch von Israel besetzt. Für Melissa ein spannendes Ausflugsziel – genau wie für knapp 40 andere an diesem Tag. Amerikaner, Engländer, Schweden und Deutschen, die meisten sind in Melissas Alter, müde von der Hitze sitzen sie nach dem ersten Halt im klimatisierten Bus. Die Fahrten sind begehrt, bis zu 100 Leute stehen regelmäßig auf der Warteliste. Auch Melissa hat erst einen Tag zuvor eine Zusage bekommen.  

Insgesamt sechs Stunden dauert die Tour, bei der es neben viel Wüste nur ein paar versprengte Zeltdörfer und militärisch bewachte Siedlungen zu sehen gibt. Das Ganze nennt sich „Occupation Tourism“ und hat sich zu einem echten Trend entwickelt: Taxifahrer bieten Touren an die Mauer an, die Israel um das Westjordanland gezogen hat. Dort hat sich vor Jahren der Streetart-Gott Banksy verewigt, seitdem wollen alle hin und ein Foto schießen. Und sogar die israelischen Siedlungen, die teilweise illegal in den besetzen Gebieten gebaut wurden, werden als Touristenziel vermarktet.  

Melissas Tour hat die NGO Breaking the Silence organisiert, bei der israelische Ex-Soldaten offen über ihre Erfahrungen im Westjordanland berichten. Sie wollen kein Geld verdienen, sondern kritisch über die Situation aufklären.  

„Welcome to Area C“  
Tourguide Avner Gvaryahu steht vorne im Bus und gibt den Teilnehmern einen Crashkurs im Nahost-Konflikt. Der 28-Jährige hat wie viele der rund 900 Mitglieder von „Breaking the Silence“ den in Israel obligatorischen Wehrdienst im Westjordanland verbracht. „Diese Zeit hat mir die Augen geöffnet“, erzählt er. „Wir sollten die Palästinenser schikanieren und einschüchtern – und nicht Israels Sicherheit verteidigen.“ Avner erklärt, worum es dem Streit in dem Dorf eben ging: Die israelischen Behörden wollen das örtliche Wasserspeichersystem abreißen, das die EU finanziert hat. Die Soldaten waren gekommen, um die entsprechende Anordnung zu überbringen. „Schon fünf Mal wurde das Dorf zerstört, kein Haus steht mehr. Und jetzt das“, sagt er ins Mikro. „Welcome to Area C.“ Besagtes C-Gebiet umfasst rund 60 Prozent des Westjordanlands und wird komplett von Israel verwaltet.  

Area C, Osloer Verträge, zweite Intifada – Avner verwendet viele Begriffe, mit denen Melissa nichts anfangen kann. „Ich wusste vorher so gut wie gar nix über den Krieg“, sagt sie. Sie spricht immer von Krieg und meint damit den Nahost-Konflikt.  


Besatzungstourismus in den Hebron Hills

Die Tour steht schon im Lonely Planet
Die Hälfte der Tour ist geschafft und Melissa kann die Informationen, die Tourguide Avner gibt, kaum noch aufnehmen. „Und dort leben jetzt die Juden?“, fragt sie. Der Bus hat wieder gehalten, direkt vor einer gut bewachten israelischen Siedlung. Alle steigen aus, zücken ihre Kameras. Sie wollen den Widerspruch einfangen, der sich ihnen zeigt: Dort die sauber umzäunte Siedlung, in der Blumen blühen und hier, keine zehn Meter entfernt, Menschen, die in Zelten leben und keinen Zugang zu Wasser haben. „Das ist doch echt ungerecht“, sagt Melissa. Sie geht mit ihren Flipflops über den staubtrockenen Boden. Der pinke Nagelack bildet einen harten Kontrast zum Wüstensand.  

Seit kurzem werden die Touren von „Breaking the Silence“ sogar im Lonely Planet empfohlen. „Das ist kein Drama“, sagt Tourguide Avner. „Aber auch nicht super.“ Zwar sei es gut, dass sich so viele Menschen für den israelisch-palästinensischen Konflikt interessieren. „Aber wir brauchen Leute, die nicht nur zuhören, sondern auch etwas verändern wollen.“ Deshalb bietet die Organisation nur noch einmal pro Monat eine öffentliche Tour an. Die restliche Zeit nutzen Avner und seine Mitstreiter für Informationsveranstaltungen mit ausgewählten Teilnehmern. „Unsere Zielgruppe sind junge Israelis – die haben mehr Einfluss auf unsere Gesellschaft.“  

Für Melissa ist es der letzte Tag in Israel. Im Herbst beginnt ihr Studium der internationalen Wirtschaftswissenschaften. Sie sagt, sie habe jetzt eine Meinung zu dem Konflikt. „Ich habe beim Couchsurfen so gescheite Leute kennenlernt“, sagt sie. „Dass die diese Ungerechtigkeit ignorieren, kapiere ich nicht.“  

Der Bus erreicht Jerusalem. Fix richtet sich Melissa ihre blondierten Haare und packt ihre Sachen – sie will den nächsten Bus nach Tel Aviv erwischen. „Noch ein paar Stunden am Strand chillen.“

Text: steffi-hentschke - Bilder: breakingthesilence.org

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