Ausgeliefert

Er kann ja schlecht nein sagen: Wenn Frauen handgemachte Männermode verkaufen, müssen meist ihre Partner als Models herhalten. Die Fotos zeigen auf rührende Art, was Menschen für die Liebe tun.
jan-stremmel

Den Beruf des Marketingstrategen gibt es, weil ein Plakat auf einer Litfaßsäule Geld kostet. Bevor es in Druck geht, muss minutiös geplant sein, welche Bartlänge bei welchem Herrenmodel zu welchem Mantel und welcher Gürtelschnalle gut aussieht. Soll sich ja verkaufen, das Zeug.

Was passieren kann, wenn diese Instanz wegfällt, zeigt das Tumblr-Blog Sad Etsy Boyfriends: Es sammelt Fotos von Etsy.com, dem größten Online-Marktplatz für Handgemachtes. Mehr als eine Million Menschen, die Mehrheit von ihnen Frauen, bieten dort Schlüsselanhänger, T-Shirts oder Häkelmützen an, die sie selbst hergestellt haben. Das Versprechen von Etsy: Bei uns kaufst du ein echtes Produkt von einer echten Person. Handel von Mensch zu Mensch, mit handgemachten Unikaten statt seelenloser Massenware. Klingt schon gut, die Idee.  

Bloß haben Etsy-Verkäuferinnen keine Marketingstrategen. Brauchen sie ja auch nicht, sie mieten keine Litfaßsäulen, um ihre Produkte zu bewerben. Die meisten von ihnen müssen vom Erlös ihrer Strickschals nicht mal leben. Was wir also sehen, ist der direkte, ungefilterte Blick in das Hirn von Laien-Designern, die Herrenmode machen, die sich nicht verkaufen muss.  



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Die wahre Tragik liegt dabei keineswegs in aparten Ideen wie dem Zipfelmützenhoodie oder dem Stachel-Schlauchschal - sie liegt vielmehr in den Gesichtern der Models, die diese Gegenstände tragen: Die Partner der Etsy-Designerinnen sind die wahren Opfer von deren ungebremstem Bastelwahn. Sie werden nicht bezahlt, können aber auch nicht nein sagen. Ihnen bleibt nichts anderes, als Dinge wie den fleischfarbenen Strickpulli mit Gorillamotiv überzustreifen, betreten ins Nirgendwo zu blicken und zu hoffen, dass die Liebste das Etsy-Angebot wenigstens nicht auch noch auf Facebook postet.  

Die Tristesse, die die Männer auf den Fotos ausstrahlen, stammt bei genauerer Betrachtung auch gar nicht von der Ernsthaftigkeit, mit der sie in die Kamera schauen – echte Fotomodelle blicken schließlich fast immer ernst. Die Mimik wird erst durch die bodenlose Lächerlichkeit der zur Schau getragenen Mode traurig. Es ist die Schicksalsergebenheit, mit der der Etsy-Boyfriend seine Verkleidung akzeptiert, die ihn auf tragische Weise mit einem anderen Internet-Phänomen verbindet: dem verkleideten Mops, der sich jetzt vor Halloween wieder größter Beliebtheit erfreut. Dessen über Jahrhunderte ernst gezüchtetes Gesicht erlangt ebenfalls erst im handgemachten Kostüm seines Frauchens seine ganze, grenzenlose Traurigkeit.  

Bliebe noch die Frage, auf welche Käuferschaft die Fotos abzielen. Denn welcher Mann lässt sich schon von diesen trostlosen Bildern zum Kauf einer, sagen wir, Bartmütze verleiten? Man ahnt, dass sich hier der Kreis schließt. Und die Abnehmer der Produkte in Wahrheit gar keine Männer sind, sondern liebevolle Freundinnen auf der Suche nach einem pfiffigen Geschenk für ihren Schatz, das es so in keiner Fußgängerzone gibt.

Vielleicht loben wir den Kapitalismus viel zu selten.


Text: jan-stremmel - Fotos: sadetsyboyfriends.tumblr.com

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