Richard Reynolds ist sauer. „Dieser Werbespot ist total lächerlich,“ sagt er. "Ich konnte es nicht fassen, als ich den Spot zum ersten Mal sah." Der 31-Jährige ist seit vier Jahren Gartenguerillero und betreibt seit die Website www.guerrillagardening.org, eine der Anlaufstellen für illegale Gärtner. Es geht um die neue Kollektion der Marke Adidas namens „Grün“, genauer gesagt um einen Werbespot. Und es geht um eine alte Geschichte: die vom Ausverkauf einer Protestbewegung, die Geschichte von der Kommerzialisierung eines Trends und die Angst, dass dies unweigerlich in den Tod der Bewegung führt. Der Spot, über den Richard Reynolds so sauer ist, zeigt „Garden Guerillas“ mit adidas-Klamotten bei einem nächtlichen Einsatz. Seit April läuft er in englischen Kinos. Durch eine Art Nachtsichtgerät sieht man Leute über ein Gitter hinweg Plätze auskundschaften und fotografieren. In der nächsten Szenen sitzen diese – ziemlich hippen und gutaussehenden – Menschen im Auto und werfen „Seedballs“ aus dem Fenster, die in ihrem Aussehen entfernt an Pferdeäpfel erinnern. Seedballs sind Pflanzensamen, die mit Kompost verknetet werden, so dass kleine Bälle entstehen – die „guerilla gardeners weapon of mass creation“. In den nächsten zwei Minuten sieht man vor allem junge Menschen in adidas-Klamotten, die nachts ein Stück Land umgraben und dort Pflanzen einsetzen - unterlegt von Bongo-Getrommel. Die Linie „adidas Grün“ steht für unter ökologischen Kriterien hergestellte Sportartikel und liegt damit voll im aktuellen Trend zum umweltbewussten Konsumieren: Die Sohle der „Öko-Sneaker“ besteht aus recycelten Autoreifen und Reishülsen, das verwendete Leder ist chromfrei verarbeitet. Passend dazu gibt es ein Hemd aus Sojabohnen und organischer Baumwolle, in dessen Kragen Sonnenblumenkerne eingearbeitet sein sollen. Ein „Synonym für minimale Umweltbelastung“ nennt die Firma ihre Kollektion. Um das grüne Image „cool“ zu halten, sollten junge „Guerrilla Gardeners“ vor die Kamera. „Adidas rief bei mir an und sagte etwas von einer Dokumentation über Guerrilla Gardening. Ich sagte ihnen, dafür sei es jetzt eh viel zu kalt. Es war Februar“, sagt Richard. „Aber das war ihnen egal, sie waren auf der Suche nach jungen Guerrilla Gardeners so Mitte 20. Mit mir wollten sie eh nicht drehen.“ Mitte April sah Richard dann den Spot auf Youtube, hochgeladen von einem User namens Guerrilla Gardener No.1. „Ich dachte mir: Das ist vollkommen lächerlich. Die Leute pflanzen blühende Sonnenblumen und Äpfelbäume, die Früchte tragen – das kann nur Plastik sein. Selbst wenn sie echt sein sollten – die Pflanzen würden innerhalb von ein paar Tagen eingehen. Mit Gartenarbeit hat das nichts zu tun und mit Guerrilla erst recht nicht. Sie wollen einen „grünen“ Schuh bewerben und benutzen Pflanzen aus Plastik. Sie haben das Prinzip komplett missverstanden.“ Richard Reynolds arbeitete selbst lange in der Werbebranche. Gartenarbeit, sagt er, habe ihn seit seiner Kindheit fasziniert. Als er nach London zog und keine Fläche mehr zur Verfügung hatte, um etwas anzubauen, wurde er zum Garten-Guerrillero. Dass er damit Teil einer globalen Protestbewegung wurde, war ihm damals nicht bewusst. Sein Blog aber zog immer mehr Gartenguerilleros an. Im Monat erschien zudem sein erstes Buch: On Guerrilla Gardening: „A Handbook for Gardening Without Boundaries“. „Guerrilla Gardening ist die Kultivierung von Land ohne Erlaubnis. Es ist per Definition illegal“, sagt er. In englischen Kinos läuft der Spot auch mit einem Zusatz, dass adidas nicht zu illegalen Aktivitäten auffordern will. „Das ist absurd – einerseits mit der Aktivität zu werben, andererseits sich von jedem illegalen Aspekt zu distanzieren. Natürlich ist es vollkommen ok, legal eine Stadt zu bepflanzen – aber das ist eben nicht Guerrilla Gardening.“ Allerdings bekomme man die Erlaubnis oft im Nachhinein. Ein paar Mal hat Richard im Vorfeld bei den Behörden angefragt, ob er ein freies Stück Land bepflanzen dürfe. Die Antwort sei jedes Mal ein striktes Nein gewesen. Als er die Fläche dann ohne Genehmigung begrünte, erhielt er im Nachhinein doch eine Genehmigung. „Ich musste ihnen zeigen, dass ich das wirklich will – ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Das eben bedeutet Guerilla: Sich einer Sache hundertprozentig widmen. Sie durchziehen, egal, wer oder was sich einem in den Weg stellt.“ Seit dem Jahr 2000 etwa breitet sich die Bewegung von London über westliche Metropolen aus. Manche der Guerrileros sehen darin eine subtile Protestform, um gegen Missstände der Globalisierung zu protestieren. Anderen Gärtner geht es schlicht darum, ihre Nachbarschaft zu verschönern. Richard ist sich nicht sicher, ob der Spot der Guerilla-Bewegung auch nutzen könnte. „Vielleicht ist das Endergebnis dieser Kampagne positiv, weil mehr Leute darauf aufmerksam werden. Vielleicht. Aber ich befürchte eher, dass die Idee dazu benutzt wird, ein Produkt zu verkaufen und dabei vollkommen falsch übermittelt wird.“ Die Schuhe seien ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, heißt es bei adidas Deutschland. Ansonten sei die Kampagne vornehmlich auf Großbritannien beschränkt. In Deutschland läuft der Spot bisher nicht. Nur im Hamburger Alten Elbtunnel tauchte adidas mit den vermeintlichen Garten-Guerilleros auf. In einem Blog war wenig später zu lesen: „(…) wer kommt auch auf die Idee, Zitrusbäume, Palmen und Hortensien aus irgendeinem Blumenladen zu holen, ein bißchen Wasser drüber zu kippen und das dann für “Guerilla gardening” zu halten. Keiner der adidas-Leute sah aus, als hätte er jemals Erde an den Händen gehabt oder in einem Garten gestanden." Richard Reynolds bei der Arbeit