Baden-Württemberg will das neue Bayern werden

Seitdem Günther Oettinger in Stuttgart regiert, mehren sich die wunderlichen Schlagzeilen aus Baden-Württemberg. Eine Chronik
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Illustration: Julia Schubert

Sie können alles außer Hochdeutsch: die Menschen aus Baden-Württemberg sind stolz auf ihren Dialekt, ihren Fleiß und ihre Herkunft. Und außerdem ist das Bundesland, in dem am 26. März gewählt wird, gerade dabei, den Bayern den Rang als provokanteste Provinz des Landes streitig zu machen. Mit dem neuen Landesvater Günther Oettinger an der Spitze macht Baden-Württemberg in den letzten Monaten immer wieder lächerliche bis wunderliche Schlagzeilen. Eine Chronik in sechs Schritten:

1. Der Altersvorschlag: Anfang Dezember 2005 macht Günther Oettinger mit einem Angriff auf „ältere Arbeitnehmer“ von sich reden. Beim Bezirksparteitag der CDU in Laupheim schlägt er vor, dass Menschen ab 60 Jahren „etwas weniger Arbeitszeit, etwas weniger Stress, etwas weniger Verantwortung und auch etwas weniger Gehalt“ bekommen sollen. Schließlich sei beispielsweise ein Mitarbeiter in der Computerindustrie im Alter von 66 Jahren nicht mehr so kreativ wie einer, der 30 Jahre jünger ist.
In der taz nennt Friedrich Küppersbusch den Stuttgarter Landesvater daraufhin „Unionsmumie Oettzi“. Wenig später schreibt Oettinger einen offenen Brief, in dem er betont, dass er ältere Arbeitnehmer nicht zu einem Gehaltsverzicht habe drängen wollen. Es müsse darum gehen, dass ältere Arbeitslose wieder einen Arbeitsplatz finden können.

2. Der Atomausstiegs-Ausstieg: Kurz nachdem die große Koalition in Berlin den Atomausstieg in den Koalitionsvertrag geschrieben hat, meldet sich Günther Oettinger zu Wort. In einem Interview sagt er: „Ich glaube, dass die Strompreisentwicklung in den nächsten Monaten und die Entwicklung auf dem europäischen Energiemarkt mit dem Bau weiterer Kernkraftwerke die Sozialdemokraten zum Nachdenken bewegen wird.” Damit meint er: Atomenergie ist gut und billig, sie abzuschaffen ist dumm und teuer.

3. Der Gesprächsleitfaden: Anfang des Jahres sorgt ein so genannter „Gesprächsleitfaden“ für Aufregung. Heribert Rech hat diesen erfunden. Er ist Innenminister im Kabinett von Günther Oettinger. Per Ministeriumserlass hatte Rech diesen Leitfaden eingeführt, mit dem vor allem Muslime auf ihre Einbürgerungstauglichkeit überprüft werden sollen. Der Erlanger Juraprofessor Matthias Jestaedt kommentierte den Fragebogen mit den Worten: „Mehr als die Hälfte der Fragen verstößt gegen die vom Grundgesetz garantierten Rechte der Einbürgerungswilligen.” CDU-Politiker Bülent Arslan sagt in einem Interview: „Als ich das gelesen habe, habe ich gedacht: Wer das geschrieben hat, war entweder besoffen oder er hat überhaupt kein Gefühl für derartige Fragen.“ Günther Oettinger hingegen stellt sich hinter seinen Innenminister, das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung sei „selbstverständlich notwendig".

4. Die Sprachverwirrung: Günther Oettinger äußert sich skeptisch über die freiheitlich-demokratische Sprache. In dem Film „Wer rettet die deutsche Sprache?“ meldet er sich mit einem besonderen Vorschlag zu Wort: „Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber Englisch wird die Arbeitssprache“, verkündet der Mann, der eine Sprache spricht, die laut FAZ, „weder Deutsch noch Schwäbisch ist, sondern eine Art Stuttgarter Vorstadt-Schleiflack-Idiom."

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Illustration: Julia Schubert

5. Das Scubidu-Glücksband:Während überall in Deutschland weiter über den so genannten Muslim-Test (siehe 3.) debattiert wird, lädt Günther Oettinger die Bunte zur Homestory. Dabei plaudert er unter anderem über das gelbe Armband, das er trägt: „Das ist mein Glücksband, Scubidu genannt, ein Geschenk von meinem Sohn Alexander. Er hat es selbst geflochten. Das darf ich nicht abnehmen; angeblich soll es mindestens acht Jahre halten.“ Außerdem verrät „seine bildhübsche Frau Inken“, dass die Oettingers gern gemeinsam shoppen gehen: „Er hat Spaß daran, sich seine Outfits selbst zusammenzustellen. Manchmal reizt es mich schon, ihn mal ganz anders einzukleiden, besonders im Freizeitbereich. Aber da habe ich keine Chance.“

6. Der Spätaufsteher: „Es wäre besser“, verrät Günther Oettinger Mitte Januar dem Spiegel, „wenn wir die Unterrichtszeiten an die Zeiten der Arbeitswelt anpassen würden.“ Was er meint: die Schule soll später beginnen. So könne der Familienzusammenhalt gestärkt werden, weil Vater, Mutter und Kind dann mehr Zeit fürs gemeinsame Frühstück haben. Im Bunte-Interview hatte Inken Oettinger erklärt: „Morgens beim Kaffee bereden wir mehr die alltäglichen Fragen und halten Familienrat.“ Foto: dpa

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