Bedrohte Kampfkunst

In Berlin sollen Hausbesetzer-Graffiti aus den Achtzigerjahren riesiger Fußballer-Werbung von Nike weichen. Die Grünen wollen die Wandgemälde deshalb unter Denkmalschutz stellen. Die Geschichte eines Häuserkampfs um Kommerz und Kunst.
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Könnte sein, dass die Boatengs ein Kapitel Kreuzberger Geschichte von der Brandmauer grätschen. In anderen Stadtteilen haben sie das schließlich schon getan: Im Wedding zum Beispiel ließ Nike die Gesichter der Fußballer in schwarz-weiß auf eine riesige Fassade pinseln. Andernorts ziert ein entschlossen dreinblickender Christiano Ronaldo auf knallrotem Grund ganze Häuserwände. Sieht wie Street Art aus – ist aber Werbung. Konzerne wie Nike versuchen, sich mit solchen Scheingraffiti einen verruchten Anstrich zu verpassen, um in angesagten Vierteln zu punkten.  




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In Kreuzberg hat dieser Versuch jetzt eine Debatte losgetreten. Am Anfang des Streits steht ein Altbau in der Adalbertstraße. Seine Brandmauer ist mit teilweise stark verblichenen abstrakten Malereien der linken Hausbesetzerszene bedeckt, die den Bezirk in den Siebziger- und Achtzigerjahren nachhaltig prägte. Jetzt – so zumindest will man im Kiez herausgefunden haben – will die Eigentümergesellschaft des Hauses die Mauer an Nike vermieten. Angeblich will das Unternehmen eine Dauerwerbung darauf platzieren, ähnlich der mit den Boatengs im Wedding. Die etwa 30 Jahre alten Hausbesetzer-Gemälde würden verschwinden.   Seit das Gerücht kursiert, ist es ein wenig so, als sei der Häuserkampf von einst erneut ausgebrochen. Auf der einen Seite steht ein milliardenschwerer Großkonzern, der den Flair des alternativen Szenebezirks zu Geld machen will. Auf der anderen Seite stehen die Anwohner des Kiezes, die teilweise empört auf die Aussicht reagieren, bald überlebensgroße Fußballmillionäre vor der Nase zu haben. „Wir sind zugeschissen von Werbung“, ärgert sich einer im Berliner Lokalfernsehen.  

Auch die örtliche Politik ringt um den Umgang mit den Malereien. CDU und SPD sehen keinen Anlass, die Spuren der Hausbesetzer zu erhalten. „Wir reden hier ja nicht von der Berliner Mauer, die wirklich eine historische Bedeutung für Berlin hat“, winkt ein Kreuzberger SPD-Politiker in einer Berliner Boulevardzeitung ab. Ein Sprecher der CDU sagt demselben Blatt: „Bei besetzten Häusern handelt es sich um gesetzwidrige Aktionen.“ Schmierereien, die in ihrem Dunstkreis entstanden sind, gehörten deshalb nicht geschützt. Die Grünen, von denen viele selbst in der Hausbesetzer-Szene aktiv waren, fordern genau das. Am kommenden Mittwoch wollen im Bezirksparlament von Friedrichshain-Kreuzberg einen Antrag einbringen. Er soll prüfen, ob die Wandgemälde unter Denkmalschutz gestellt oder durch eine ähnliche Regelung gesichert werden können.  

„Ich gehe auch davon aus, dass wir eine Mehrheit zusammenkriegen“, sagt Paula Riester, Vorsitzende der örtlichen Grünenfraktion, der stärksten Kraft im Bezirksparlament. Für den Erhalt der Wandgemälde nennt sie zwei Argumente: Erstens handele es sich bei den Bildern um Kunstwerke. Zweitens seien sie Dokumente einer Zeit, die Kreuzberg zu dem gemacht habe, was es heute ist. „Viele haben nicht auf dem Schirm, dass ohne die Hausbesetzer viele Altbauten abgerissen worden wären oder der Stadtautobahn hätten weichen müssen“, sagt Riester. „Trotzdem wollen alle in diesen Altbauten wohnen.“  

Tatsächlich dämmerte Kreuzberg in den Siebzigerjahren dem Niedergang entgegen. Häuser standen leer oder wurden dem Verfall überlassen. Ganze Straßenzüge sollten der Abrissbirne zum Opfer fallen und durch Neubaublocks ersetzt werden. Aber dann waren da plötzlich die Hausbesetzer. Binnen weniger Monate nahmen sie – teils von deren Besitzern toleriert, teils illegal – über 100 verlassene Altbauten in Beschlag. Unter dem Motto „Instandbesetzung“ widmeten sie sich der Rettung der verrottenden Riesen. Auf den Fassaden der besetzten Gebäude trugen sie den Häuserkampf in die Stadt.  

Die Anwohner haben keine Wahl: Sie müssen auf Werbung gucken

Die Geschichte dieser Form des Protests kennt Ilaria Hoppe von der Berliner Humboldt-Universität. Die Malereien hätten ihre Wurzeln im Mexiko der Zwanzigerjahre, erklärt die Kunsthistorikerin. In sogenannten murales führten Maler wie Diego Rivera die mexikanische Revolution an Häuserwänden fort. In den Sechzigern griffen die amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen die Tradition wieder auf. Dann schwappte sie auch ins Hausbesetzer-Milieu deutscher Städte. „Das hatte einen ähnlich revolutionären Hintergrund.“  

Es ist vor allem ihre Geschichte, die Bilder wie die in der Adalbertstraße in Hoppes Augen erhaltenswert macht. Die künstlerische Qualität spiele für ihren Schutz eine untergeordnete Rolle. Street Art oder Graffiti ebenfalls unter Denkmalschutz zu stellen, lehnt Hoppe allerdings ab. „Es liegt nicht in ihrer Natur, zu überdauern“, erklärt sie. „Die Künstler rechnen sogar damit, dass sie früher oder später übermalt werden.“ Außerdem seien Street Art und Graffiti per se illegal, während die Protestkunst der Hausbesetzer-Szene meist von den Eigentümern geduldet wurde.  

Seit sie um die Jahrtausendwende begonnen hat, sich mit Berlins Street Art zu beschäftigen, konnte Hoppe beobachten, wie die Bilder an den Wänden ein Wirtschaftsfaktor wurden. Heute locken sie Kunstinteressierte und Touristen aus aller Welt in die Stadt. Zunehmend beobachtet Hoppe aber auch, wie Mobilfunkanbieter, Modelabels oder Limonadenbrauereien Methoden der Street Art abkupfern. Die Wände, sagt Hoppe, seien „Seismographen ihrer Gegend“ geworden. Man könne an ihnen ablesen, wie sich ein Stadtviertel entwickelt. „Erst kommt die Street Art, dann die Gentrifizierung und schließlich die Investoren und Konzerne.“  

Für die Anwohner bedeutet das, dass sie im Straßenbild immer häufiger keine Wahl haben: Sie müssen auf Werbung gucken. Auf dem kleinen Platz vor der Brandmauer in der Adalberstraße stößt der Vorschlag der Kreuzberger Grünen an einem warmen Abend vor ein paar Tagen in erster Linie deshalb auf Zustimmung. Auf Steinbänken haben sich junge Eltern, ein paar rauchende Altachtundsechziger, zwei türkischstämmige Schülerinnen und ein paar Hipster niedergelassen. Ihr Urteil ist einhellig: Egal ob Nike oder ein anderes Unternehmen – keine Werbung soll die Wandgemälde verdrängen. Die Geschichte der Bilder kennen sie allerdings nicht.  

Grünenpolitikerin Paula Riester möchte darüber aufklären, zum Beispiel mit Zeitzeugen aus der Hausbesetzerszene, die erzählen, worum es ihnen damals ging. Es könnten dann auch Parallelen zu heute gezogen werden. „Das Thema Wohnungsnot ist ja wieder aktuell.“  

Vor der Diskussion im Bezirksparlament haben die Grünen die Eigentümergesellschaft des Altbaus in der Adalbertstraße angeschrieben, um ihn in die Debatte einzubinden. Die antwortete, sie wolle wegen der Anwohnerproteste von der Vermietung absehen. Ihren Antrag werden die Grünen trotzdem einbringen, um auch Hausbesetzerkunst an anderen Wänden zu schützen. Nike ist einfach ein paar Häuser weitergezogen - und lässt die Boatengs jetzt an einer Wand in der Köpenicker Straße grätschen. 



Text: david-schelp - Fotos: David Schelp

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