Begeisternde Vorlesungen: die Geschichte von Web-Prof Lewin

Erst gab´s Vorlesungen als Podcasts, jetzt gibt´s Vorlesungen als Videocasts auf iTunes - wie engagierte US-Professoren Uni-Wissen der ganzen Welt zugänglich machen.
peter-wagner

In Deutschland kennen wir die Faschingsvorlesungen, zu denen Chemie-Professoren die Sau rauslassen und zusammenmixen, was ohne viel Nachwirkung im Hörsaal explodieren darf. In den USA gibt es Walter Lewin. Der Mann ist 71 Jahre alt und Physik-Professor am Massachussetts Institute for Technology, MIT. Die New York Times nannte ihn in dieser Woche einen Webstar und hat vermutlich Recht. Lewin hat bewiesen, dass Uni-Vorlesungen nicht nur was für Studenten sind. Er lässt sich schon seit Jahren bei seinen Vorlesungen filmen und diese Filme stehen auf der MIT-Website zum Download zur Verfügung (und sind teils auch über Lewins eigene Website zu finden) Wenn er den Energieerhaltungssatz verständlich macht, nimmt er sich ein riesiges Pendel, an dem eine Stahlkugel befestigt ist, hält sich die Kugel unter sein Kinn, lässt sie los und wartet tapfer, bis sie zurück kommt. Sie kommt zurück. Bis kurz vor sein Kinn. „Physik funktioniert!“ sagt er in dem Video. „Und ich lebe noch!“

Ein andermal zeigt der gebürtige Holländer Bilder seiner ersten Forschungsarbeiten, bei denen er unter anderem in Australien riesige Ballons steigen ließ, um am Ende ein paar zusätzliche Arten von Röntgenstrahlen zu entdecken. Lewins Vorlesungen sind freilich nicht nur Show – wenn er etwa in Safari-Outfit auf einen ausgestopften Affen mit kugelsicherer Weste schießt – Lewin ist passionierter Lehrer. Neue Vorlesungen bereitet er vor wie Theaterstücke. Er schreibt sich Drehbücher und tritt nicht eher vor die Studenten, ehe jeder Satz seiner pädagogischen Galas sitzt. Im Mai dieses Jahres startete iTunes die iTunes-University, eine Art Dach, unter dem immer mehr US-Unis mitgeschnittene Vorlesungen versammeln. Da sind Audio-Files über Philosophie, über die Frage, wie es Hannibal über die Alpen geschafft hat und da ist auch noch mal die Rede von Steve Jobs vor Studenten in Stanford zu hören, in der er den jungen Damen und Herren klar macht, dass er keinen Abschluss hat, dass das für seine Entwicklung zum Computer-Supermann aber sehr formidabel gewesen sei. Und da lachen die Studenten in dem Video ganz herzlich. Physikprofessor Walter Lewin taucht in der Hitliste der Vorlesungs-Downloads immer wieder ganz oben auf. Er gehörte zu den Ersten, die sich schon Ende der 90er beim Vorlesen filmen ließen, er wollte aus dem Elfenbeinturm raus und andere Leute als nur Studenten mit Wissen begeistern.

Aber nun ist das nicht neu. In Deutschland werden ja auch Vorlesungen mitgeschnitten, schon länger, wenn auch meistens nur mit dem Mikrofon. Hochschulen tragen ihre Lehrinhalte ins Internet, weil das ja irgendwie – wichtig ist. Es ist gut für die Aussenwirkung. Und unterhaltsame Wissenschaftler gibt es auch schon eine ganze Zeit. Denken wir an Harald Lesch von der Münchner Uni, der eine Zeit lang des nächtens in den Dritten Programm reichlich unterhaltsam das Weltall und auch das dahinter erklärte, bisweilen mit der Unterstützung eines Philosophie-Professors. Lewin ist mit seinen 71 Jahren aber trotzdem eine Art Maskottchen einer neuen Zeit, wenn er sich für´s Internet bei seiner Arbeit filmen lässt. Er ist überzeugt, dass a) Lehre verglichen werden muss, damit sie besser wird und b) bekommt er nun nicht mehr nur von seinen Studenten Mails, nein, er bekommt Post aus der ganzen Welt.

Am MIT dachte man sich zunächst, dass es doch ganz gut sei, wenn man die Arbeit der eigenen Profs veröffentliche. Dann sehen die anderen, wie geil am MIT unterrichtet wird und schneiden sich vielleicht auch mal eine Scheibe ab. Oder sie sagen, was man da besser machen kann. Die Geschichte entwickelte sich dann aber in eine andere Richtung. Ein Drittel all derer, die sich die MIT-Vorlesungen ansehen, sind angeblich Studenten von anderen Hochschulen. Und die Hälfte aller Zuseher studieren gar nicht. sie Studieren für sich und lernen für sich. Was Lewin macht, ist die konsequente Fortsetzung des Telekolleg in den Dritten Programmen der ARD, die im Nachmittagsprogramm eine kleine Schar von Lernern auf das Fach-Abi vorbereiteten. Lewin macht jetzt Hochschulbildung für Alle. Er sieht das im Posteingang seiner Mailbox. Aus Deutschland, aus Indien, aus der Türkei, aus Japan und aus noch viel mehr Ländern schreiben ihm Menschen. Ein 17-Jähriger aus Indien schrieb der New York Times zufolge an Lewin: „Wegen ihrer inspirierenden Video-Vorlesungen weiss ich jetzt, wie WUNDERSCHÖN Physik sein kann!“ Ein High School-Schüler schrieb sogar, dass ihn die Lewin-Vorlesungen veranlasst hätten, Physik zu studieren. Lehrer wie Lewin – Typ Lieblingsprofessor, Typ "Ich trau mich ins Internet", Typ "Unterrichten ist der beste Job auf der Welt" – diese Lehrer werden noch goldene Zeiten vor sich haben. Auch in Deutschland. Schon jetzt gibt es immer mehr Kritiker, die den Elite-Wettbewerb der deutschen Hochschulen zu kurz gedacht finden. Zeichnen sich denn Universitäten nur durch effiziente Forschung aus? Wohl kaum. Der Ruf nach einem ähnlichen Wettbewerb für die Lehre wird gerade immer lauter - unterbrochen allein von dem Einwurf, dass es mit der Wettbewerbsheimerei auch mal wieder ein Ende haben muss. Walter Lewin hat keinen Wettbewerb gegründet, er stellt sich aus. Im Dienst der Lehre, die engagierter, verständlicher werden soll. Und offener. „Alles was zählt", sagt er, "ist, die Leute für Wissenschaft zu begeistern.“ Es scheint zu funktionieren. In einer Vorlesung taucht plötzlich eine Gruppe von Studentinnen auf und singt A-Cappella ein Hohelied auf Lewin – die Melodie darunter ist der Beatles-Song „Help!“ und eine Zeile in der Neu-Interpretation lautet:

“When I was dumber, so much dumber than today ...”

Text: peter-wagner - Fotos: Screenshots

  • teilen
  • schließen