Being Al Capone

Der Gangster war schon immer der Held der Underdogs und Unterprivilegierten. Weil sich die Wohlstandsschere unaufhaltsam öffnet, werden die Gauner und Ganoven nun endgültig zum Mainstream. Filme und Videospiele verdienen gut daran.
tobias-moorstedt

Das Leben von Tony Soprano stand unter keinem guten Stern. Nicht das Horoskop prophezeite dem Helden der gleichnamigen HBO-Serie ein schwieriges Dasein, sondern die Zahlenreihen und Grafiken der Marktforschung: geringe Sympathiewerte, abstoßende Wirkung. Kein Wunder. Ein dicker, kahler, fluchender Mafioso, der schon in Folge Fünf einen Menschen mit bloßen Händen erwürgt, taugt eben nicht zur Identifikationsfigur. Sollte man meinen. Diese Woche lief die letzte Folge der „Sopranos“ auf Premiere. In den letzten sechs Jahren holten Tony & Family insgesamt 18 Emmys, fünf Golden Globes und wurden zur erfolgreichsten Serie in der Geschichte des US-Kabelfernsehens. In einer der letzten Folgen lag Tony Soprano mit einer Schussverletzung im Krankenhaus, wo er den ebenfalls angeschossenen Rapper Da Lux traf. „Ich hab solche Schmerzen“, jammerte Da Lux, aber „immerhin sind meine Verkaufszahlen gestiegen“. Später sitzen der Pate und der Pimp blutend auf der Couch und gucken sich zusammen einen Boxkampf an. Da Lux meint: „Tony, you are the original G.“

Ziemlich oldschool, Alter. Tom Hanks in "Road to Perdition" Die Gangster sind endgültig im Mainstream der Entertainment-Branche angekommen. Das Time-Magazin wählte Tony Soprano sogar unter die 50 wichtigsten Männer des Jahres. Die Ghetto-Kids, Killer und Mafiosi sind eben aufregender als Soldaten, Superman und andere Saubermänner. Gemerkt hat man das erst kürzlich wieder, als man in Martin Scorseses „The Departed“ sah, wie viel Spaß Jack Nicholson beim Spielen des wunderbar bösen und selbstzufriedenen Mafia-Paten Frank Costello hatte. „When you decide to be something, you can be it. That's what they don't tell you in the church.” Die Videospielindustrie verspricht ihren Kunden nun eine ähnliche Freiheits-Erfahrung. In virtuellen Halbwelten kann man ausprobieren, wie es wäre, Michael Corleone oder Vincent Vega zu sein. „The Godfather“, „Yakuza“ oder „Gangs of London“ heißen die Gangster-Games. In „Scarface – the World is Yours“ steuert man zum Beispiel Tony Montana durch Miami, verlangt Schutzgeld, gewährt Gnade oder schlägt eiskalt zu. Es reicht den Medienkonsumenten nicht mehr, die Untaten der Kriminellen am Bildschirm zu bewundern. Sie wollen mitmachen. Auch für die „Sopranos“ soll bald ein Videospiel rauskommen, und vielleicht kann man auch bald zusammen mit Jack Nicholson und Leo DiCaprio auf die Jagd nach Chicks und Kicks gehen. Die Gangster-Spiele sind ein Timeout für den überreflektierten Zauderer der Gegenwart. Der Outlaw macht sich keine Sorgen um Außendarstellung, Mobbing und das Morgen. Bereichere dich, mach dir einen Namen, mimm Rache – so lauten die Spielanweisungen und Leitsätze. Es geht es um reine Triebbefriedigung. Wahrscheinlich sind Gangster auch deshalb so attraktiv, weil sie durch ihre Gier und Aggressivität irgendwie menschlich werden.

Hinter mir das Höllenfeuer: Screenshot von "Scarface - the World is yours" Das Leben jenseits von Gesetzen und Moral hat seit jeher eine Faszination auf Autoren und Publikum ausgeübt. Die Kulturindustrie hat dem Outlaw einen ganzen Skulpturenpark gewidmet: Robin Hood, Michael Kohlhaas, Billy the Kid, die Easy Riders, Bonnie & Clyde, O-Ren Ishi – das ist der amerikanische Traum, „Pursuit of Happyness“ in der reinsten Form. Die Film-Gangster, die Hollywood seit den 30er Jahren geschaffen hat, haben, genau wie ihre Vorbilder Al Capone, Meyer Lansky und Bugsy Siegel, zwei wichtige Grundmotive der Popkultur vorweg genommen: Zum einen gehörten die Gauner immer gesellschaftlichen Minderheiten an, die keine Vorbilder in der etablierten Gesellschaft hatten, weswegen der Gangster die naheliegendste Figur war, die auf Erfolg und Status verwies, und so als Robin Hood-Gestalt durch die Mythen der Einwanderergesellschaft geisterte. Zum anderen hatte ja bereits die Chicago-Clique mit ihren riesigen Hüten, den bunten und scharf geschnittenen Anzügen den Stil und Gestus der Eliten bis zum Zerrbild parodierte. Die HipHoper der 70er und 80er Jahren habe dieses Programm nur, wie es ihre Art ist, geremixed.

Abenteuer in virtuellen Halbwelten: Szene aus "Gangs of London" Aus der Hitparade 1987: „9 Milimeter Goes Bang“ (Boogie Down Productions), „My Uzi Weighs a Ton“ (Public Enemy), „Squeeze the Trigger“ (Ice-T). Tupac Shakur ließ sich gleich „Thug Life“ auf seinen Sixpack tätowieren und ist mit dieser Strategie auch über den Tod hinaus gut im Geschäft. Rapper geben sich Künstlernamen wie C-Murder, Konvict oder Terror Squad. Deutlicher geht es nicht. Der "New Yorker" berichtete vor kurzem genüsslich über einen Rapper, der eine Schießerei vor dem Gebäude eines Radiosender inszenierte, bevor er, angeblich blutend, das Interview gab. Die endlosen Ghetto-Beschwörungen von Ludacris, The Game, Chamillionaire oder T.I. beschreiben den Unterschichten-Lebensraum als imaginären Abenteuerspielplatz: mit Homies in dicken Schlitten, coolen Rap-Jams und dem Club nebenan, in dem zwei Dutzend Models schon Champagner schlürfen. Das Magazin zu diesem Sound heißt „DonDiva“. Auf dem Cover steht: „Parental Advisory. Gangsta Content“. Im Heft stehen Tipps für die passenden Fluchtwagenreifen neben den neuesten Angeboten aus der Bling-Bling-Branche und den Homestories aus dem Gefängnis. Aus einer kleinen Knastpostille ist ein Lifestyle-Magazin für die „Nervenkitzeljäger“ geworden, wie Ice-T schon Anfang der 90er seine Fans beschrieb. Die Videospiele machen den Abenteuerspielplatz nun begehbar. „Scarface“ orientiert sich genau wie „Gangs of London“ an Thema und Spielprinzip von „Grand Theft Auto“, sind also so genannte Open World Games, in denen man die Seitengassen, Hinterzimmer und Katakomben von London und Miami frei durchschreiten kann. Der Gangster wird zur Metapher für Freiheit, denn nur der, der sich nicht an die Regeln hält, ist wirklich frei. Genau wie Frank Costello in „The Departed“, der, seit er in der Grundschule seinen Mitschülern das Butterbrot abgenommen hat, nur noch tut, was wer will: „I don’t want to be a product of my environment, I want my environment to be a product of me“.

Die Gangster-Games sind ehrliche Videospiele. Man muss nicht mehr die Welt oder kleine Kinder retten, um ein paar Leute vermöbeln zu dürfen. Es geht nicht um das Gute und Wahre, Gerechtigkeit oder Frieden, sondern um die persönliche Bereicherung. Ein passendes Programm in der neoliberalen Gegenwart. Der Gangster dient nicht mehr nur gesellschaftlichen Randgruppen als Identifikationsfigur – durch die hochprekäre Lebenslage sind wir alle zu Außenseitern und Ausgeschlossenen geworden. Weil alle wütend und verzweifelt sind, ist der Gangster endgültig konsensfähig. Während die Medienjunkies der ersten Welt als Pseudo-Gangster den Aufstand gegen das übermächtige System simulieren, entstehen in Sao Paolo, Lagos und auch vor der Haustüre in Neapel tatsächlich wieder Territorien, in denen der Staat sein Gewaltmonopol nicht mehr durchsetzen kann. Gangs und Syndikate schaffen echte Parallelgesellschaften, in denen die Gangster Justiz- und Wohlfahrts-Fragen regeln. Dort verteilt nicht der Sozialarbeiter das Schulgeld sondern der Capo vom Papa. Dort ist der Gangster wirklich ein Held.

  • teilen
  • schließen