Belagerung statt Angriff

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Man solle sich empören, lautet der Aufruf unserer Zeit. Empörung ist ein großes Wort und, so stellt man es sich doch vor, verlangt nach großen Gesten: Nach einem Aufruf, sich zu versammeln, mit Transparenten aufzulaufen, durchs Megaphon zu rufen, die Fäuste gen Himmel zu recken, durch die Straßen zu marschieren, und zu skandieren, um zum Schluss eine Kundgebung abzuhalten, möglichst nah dran an jenen, denen man die eigene Empörung entgegenschleudern will.

Diese Demonstrationszüge ähneln dem Angriff der Infanterie, die nach einem Marsch ihr Ziel erreicht, dort die Schlacht austrägt und anschließend, siegreich oder unterlegen, abzieht. Doch zur Zeit ist eine andere Geste der Empörung sehr beliebt, die ebenfalls einer Kriegstechnik gleicht. Zu sehen war sie monatelang im Stuttgarter Schlossgarten,  zu sehen war sie auf dem Tahrir-Platz in Kairo oder dem Platz der Puerta del Sol in Madrid, aktuell findet man sie an prominenter Stelle in Tel Aviv: Statt dem konkreten, kurz geführten Angriff, schlagen die Empörten ihre Zelte auf und belagern den Gegner. Das hat man schon im Mittelalter getan, um den Feind zu zermürben.

Aber wieso greifen die neuen Demonstranten zum Mittel der Belagerung? Und welche Botschaft hat das Camp, die die Demo nicht hat?

Zunächst einmal birgt das Protestzeltlager ein viel größeres Solidaritätspotential als die dreistündige Demonstrationsgemeinschaft, die zwar mit den gleichen Idealen und Kritikpunkten aufmarschiert, aber aufgrund der zeitlichen Begrenzung trotzdem eine Gruppe aus Einzelgruppen bleiben muss. Peter und Caro, die vorne mitlaufen, werden Martin  und Patrick, die das Schlusslicht bilden, wahrscheinlich niemals kennenlernen. Im Camp allerdings werden sie sich früher oder später über den Weg laufen. Nicht nur, weil es länger dauert, sondern auch, weil es auf das Kennenlernen derer, die das Gleiche wollen und nicht wollen wie man selbst und damit auf das Entstehen eines eigenen kleinen Protest-Kosmos angelegt ist. Gleichzeitig bietet dieses auf länger angelegte Projekt jedem die Möglichkeit, dazuzustoßen und sich solidarisch zu zeigen, der vielleicht zum Zeitpunkt der letzten Demo nicht in der Stadt war oder sowieso nur Mittwoch und Donnerstag Zeit hat. Dass die Protestcamp-Gemeinschaft dabei auf den ersten Blick mehr einem gemütlichen Festival als einem fordernden Protest gleicht, unterläuft die Botschaft der Solidargemeinschaft nicht, sondern verstärkt sie noch. Die Menschen im Camp opfern nicht nur einen Nachmittag für ihr Ziel, sie richten ihren Lebensstil danach. Wer zur Uni oder zur Arbeit muss, geht hin, und nimmt danach vor dem Zelt im Campingstuhl platz, anstatt auf der Terrasse ein Feierabendbier zu trinken oder ins frisch bezogenen Bett zu fallen.

Neben dem inneren Zusammenwachsen der Gruppe, hat die ständige Präsenz an Orten, an denen es sonst zur Kundgebung kommen würde, natürlich auch eine starke Außenwirkung. Mancherorts dient sie der Bewachung und dem Schutz – in Stuttgart versuchte man, so die Bäume zu retten. Doch gibt es einen weiteren Effekt, der immer greift, denn die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo oder dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv bewachen nichts: Mit ihren Zeltstädten verändern sie das Stadtbild und werden zu einer Art Mahnmal für Passierende, vor denen sich die kleinen und großen Zelte wie Zeigefinger erheben sollen. Und das Prinzip der Solidargemeinschaft als mahnender Fleck im Zentrum des Geschehens findet immer mehr Anhänger, selbst, wenn es kein konkretes Anliegen gibt: In Köln campten in den vergangenen Wochen junge Menschen auf dem Rudolf- und dem Chlodwigplatz – für Solidarität in Zeiten der EU-Finanzkrise, gegen weltweiten Faschismus, für die Reform des Bildungswesens. Fast scheint es, als könne jeder ein Zelt aufschlagen, der eine Meinung hat. Doch immerhin: Man empört sich und das 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche, wie es eine ordentliche Belagerung fordert.

Obwohl die Camps die Demonstrationszüge nicht abgelöst haben und es noch am Samstagabend in Tel Aviv Demonstranten durch die Sraßen zogen, scheint die Protest-Infanterie immer mehr zu einer Begleiterscheinung der Zeltstädte zu werden. Die Camps sind das Basislager des Protests, der Ort, an dem sich die Menschen einschwören und an dem sie, selbst wenn sie schlafen, für ihre Überzeugung eintreten können, bis der Burgherr hoffentlich zermürbt einknickt.

Text: nadja-schlueter - Fotos: afp, dapd, Reuters, dpa

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