Berlinale-Beobachtung: Schlauch und Fotocall

Die Filmfestspiele von Berlin sind nicht nur Kunst und Genuss, sondern vor allem Arbeit. Folge eins der Berlinale-Beobachtungen
thomas-kretschmer
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Illustration: Julia Schubert

Verbesserungen sind immer gut, aber manchmal versteht man sie nicht auf den ersten Blick. Ich habe den Eindruck, dass die Berlinale-Macher dachten, sie müssten sich unbedingt etwas Neues ausdenken. Also haben sie neue Schlüssel-Anhänger für die Akkreditierungs-Karten entwickelt. Statt der Stoff-Anhänger, die ja mittlerweile schon bei den Kreisparteitagen der CSU en vogue sind, haben sie Bänder aus Silikonähnlichem Material ausgegeben. Die sind zu allem Überfluss auch noch parfümiert und so trägt man um den Hals also durchsichtige BH-Träger, die nach Kirsch-Kaugummi riechen. Die meisten der Akkreditierten haben mittlerweile ältere Stoff-Bänder aus ihren eigenen Vorräten recycelt. Ähnlich schlimm sind die sogenannten „Foto-Calls“. Vor jeder Pressekonferenz werden die anwesenden Schauspieler und Regisseure vor eine rote Wand mit Berlinale-Logo gestellt, gegenüber befinden sich drei Stufen, auf denen die Fotografen stehen. Offiziell sind bei diesen Terminen 70 Fotografen anwesend, aber wenn Berühmtheiten kommen, können es auch mal 90 werden. Gestern stellten Regisseur und Darsteller den Film „A Prairie Home Companion“ vor: Robert Altman, Meryl Streep, Lindsay Lohan und Woody Harrelson und ein einziger Dauerblitz und -lärm ist losgebrochen. Die Fotografen haben sich gegenseitig nieder geschrieen: „turn left, look here, turn right“. Für alle Beteiligten eine enorm anstrengende Veranstaltung.

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Illustration: Julia Schubert

Alle reden natürlich immer noch über Elementarteilchen und die Meinungen sind (natürlich) immer noch geteilt. Für mich war bisher einer der schönsten Filme „Congo River“. Der belgische Regisseur Thierry Michel ist in dieser Dokumentation den Kongo entlang von der Mündung bis zur Quelle gereist. Einerseits zeigt er in seinem Film diese wunderbaren Sonnenuntergänge über dem Fluss, auf dem blaue Wasserhyazinthen schweben. Und gleichzeitig erfährt man, was dem Land durch den Krieg zugestoßen ist. Das schönste Promi-Erlebnis hatte ich gestern: In einer der Verpflegungsketten rund um den Potsdamer Platz – und da gibt es wirklich nur die üblichen Verdächtigen wie Starbucks oder McDonalds – saß ein Herr in den besten Jahren mit Kugelbauch und Kugelkopf. Ich dachte die ganze Zeit, dass ich ihn kenne, wusste aber einfach nicht, woher. Als er dann das Cafe verließ, ist es mir wieder eingefallen. Er war ein ehemaliger Darsteller aus der Sonntagabend-Serie „Christiansen“, aber einer, der seine besten Zeiten im Show-Business gesehen hat: Rezzo Schlauch. Fotos: AP

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