Best- oder Schlechtseller? Über den Verkauf von Diplomarbeiten

Im Internet kann man seit Jahren die eigene Abschlussarbeit zum Verkauf anbieten. Welche Arbeiten laufen besonders gut? Welche nicht so? Fünf Erfahrungsberichte von Ex-Studenten
lea-hampel

Edgar Schropp, 35, studierte Bauingenieurwesen an der FH Augsburg. 1995 reichte er seine Diplomarbeit mit dem Titel „Facility Management und Projektmanagement bei Errichtung und Betrieb von Gebäuden“ ein. Er arbeitet heute als Projektmanager im Bauingenieurwesen. Das Thema hatte mein Professor vorgeschlagen. Er war der Meinung, dass Facility Management verstärkt kommen wird und ein guter Start ins Berufsleben sei. Bei meiner Arbeit geht es darum, dass sehr lange beim Bauen von Häusern nur auf Investitionskosten geachtet wurde und man wenig darüber nachgedacht hat, was der Unterhalt kosten würde. Wenn man ein Haus 70 bis 80 Jahre nutzt, sind die Kosten für den Betrieb meist höher als die Investition. Die Frage war: Wie kann man von vorneherein die Betriebskosten senken. Bei diplom.de steht meine Arbeit seit 2001. Eigentlich wollte ich damals mit der Arbeit nur mein Diplom haben. Dann habe ich festgestellt, dass Facility Management immer wieder ein Thema ist. Jetzt bin ich auf Platz 15 der Bestsellerliste. Ich habe circa 60 Arbeiten verkauft, das ist weit mehr, als ich gedacht hätte. Ehrlich gesagt wundert mich manchmal, dass die Arbeit, immerhin Jahrgang 1996, noch gekauft wird. Wahrscheinlich sind es vor allem Studenten und Firmen, die darauf zurückgreifen, schließlich gibt es kaum Bücher zum Thema. Zwei Anfragen habe ich schon bekommen, ob ich die Arbeit nicht billiger abgeben könnte. Die Arbeit war ein guter Start – Facility Management begleitet mich nach zehn Jahren immer noch in meiner täglichen Arbeit. Nächste Seite: Kornelia widmete sich den Farben von Autos.


Kornelia Dittmar, 42, studierte Germanistik. Sie gab 1996 ihre Arbeit mit dem Thema „Tendenzen der Farbwahrnehmung in der Produktion von Autos“ ab. Heute arbeitet sie als Hörfunkjournalistin. Malen war schon lange mein Hobby, außerdem habe ich vor dem Studium in einer Designagentur gearbeitet. Während meines Studiums habe ich mich in Sprachwissenschaft mit Namensgebung beschäftigt. Zu der Zeit habe ich mir gerade ein Auto gekauft, einen weißen Audi. So kam ich auf die Idee, herauszufinden, wie und mit welchen Bedeutungsassoziationen bestimmte Autofarben so genannt werden und nicht anders. Warum nennt man die Autofarben nicht einfach blau und grün oder gibt ihnen Nummern, sondern sie heißen „acid green“ oder „orient blau“? Ich habe herausgefunden, dass es vor allem direkte und indirekte Vergleiche sind, die verwendet werden oder Wörter, die mit bestimmten Konnotationen zusammenhängen. Zum Beispiel hat es eine klare Aussage, wenn eine Autofarbe die Bezeichnung „imperial rot“ trägt, was für königliches Rot steht. Für nicht erklärbare Beiwörter habe ich an der Uni Kiel einen Assoziationstest durchgeführt. Festzustellen war vor allem eins: es gab eine Überlappung zwischen Farb- und Bestimmungswort. In der Zeitung habe ich von diplom.de gelesen. Zuvor hatte ich nie an eine Veröffentlichung gedacht und auch meine Themenwahl war nicht nach kommerziellen Aspekten erfolgt. Viel verdiene ich damit nicht – aber es gibt sicher Leute, denen die Arbeit weiterhilft. Es passiert mir schon, dass ich bei Neuwagen heute noch auf die Lackierung schau. Aber allzu weit führt das nicht, ich lasse mir zum Beispiel keine Farbmuster nach Hause schicken. Heute habe ich ein anthrazites und ein schwarzes Auto. Nächste Seite: Shirin hat Unternehmensleitbilder untersucht.


Shirin Tanja Sobhani, 29, studierte Diplompädagogik in Halle an der Saale. 2003 gab sie ihre Diplomarbeit zum Thema „Unternehmensleitbilder als Instrument zur Beeinflussung der Unternehmenskultur“ ab. Heute arbeitet sie als Produktmanagerin. Werte und Ethik haben mich schon immer interessiert. Ich bin religiös erzogen und habe früher Jugendarbeit gemacht, dadurch habe ich zu dem Thema direkten Bezug. Gemeinsam mit dem Professor habe ich überlegt, was man mit diesem Themenbereich anfangen kann, das gleichzeitig auch zukunftsträchtig sein könnte. Mir war wichtig, dass die Diplomarbeit auch eine sinnstiftende Funktion hat. Umso mehr freut es mich, dass man an den guten Verkaufszahlen sieht, dass Werte von Bedeutung sind. Die Frage bei meiner Arbeit war, ob Leitbilder Unternehmenskultur schaffen können und solche selbst gestalten? Über 60 Leitbilder habe ich nach Inhalt, Ziel und Aufmachung analysiert. Heraus kam, dass Leitbilder häufig nur zu PR-Zwecken bestehen, und nicht wirklich zur Unternehmensgestaltung gedacht sind. Wie Unternehmensgestaltung tatsächlich aussehen kann, habe ich in einer Projektgruppe mit Mitgliedern aus allen Unternehmensbereichen erforscht. Das Tolle an dem Thema ist, dass es auf alle Bereiche übertragbar ist. Ob im Gesundheitswesen oder anderen Gebieten, meist leiden Systeme unter den hierarchischen Strukturen. Daraus können wir lernen. An diplom.de hat mir gefallen, dass das Handling sehr unkompliziert war, es keine Einschränkungen gab und die Rechte bei mir bleiben. Über den finanziellen Aspekt der Veröffentlichung habe ich mir zuvor keine Gedanken gemacht. Ich war an einem fachlichen Austausch interessiert. Natürlich wäre es schön, wenn dadurch eine Refinanzierung gelänge. Heute bin ich beratend tätig. Leider ist mein Diplomarbeitsthema nicht weiter relevant, allerdings würde ich die erarbeitete Methode gerne einmal umsetzen. Nächste Seite: Wolfgang kümmerte sich in seiner Schlussarbeit um Wäsche.


Wolfgang Weissmann, 41, studierte Chemieingenieurwesen. 2004 gab er seine Diplomarbeit mit dem Titel „Die fluorfreie Ausrüstung von Textilien in der professionellen Wäscherei“ ab. Er arbeitet heute in einem Chemieunternehmen. Während ich auf der Suche nach einem Diplomarbeitsthema war, gab es in den USA einen großen Waschmittelskandal. Dort waren bei der Herstellung eines bestimmten Waschmittels Nebenprodukte entstanden, die in die Abwässer gelangten, einige Ratten töteten und auch für den Menschen gefährlich sein konnten. Das passierte ausgerechnet beim größten amerikanischen Waschmittelhersteller, und bisher gab es keine Alternativen zu dem Produkt. Meine Diplomarbeit habe ich dann bei Henkel geschrieben, die händeringend Ersatz gesucht haben – ein Waschmittel mit den selben Eigenschaften, aber ohne Nebenprodukte. Damit hatte ich ein Thema, was so gut wie unbearbeitet war. Das war 2000 – das das Thema wegen seiner Umweltrelevanz solche Bedeutung erlangen würde, war mir damals noch nicht klar. Auf einer Absolventenmesse bin ich auf diplom.de gestoßen. Es verkauft sich heute besser, als ich gedacht hätte, ich denke, die Kunden sind vor allem Unternehmer und andere Studenten. Aber der Verkauf ist mir gar nicht so wichtig, ich find es schon toll, wenn die Arbeit in diesem Gebiet wirklich weiterhilft. Nächste Seite: Jan schrieb seine Arbeit auf hoher See.


Jan Plagmann, 31, studierte Sport an der Sporthochschule Köln. 2006 gab er seine Diplomarbeit mit dem Titel „Eine empirische Untersuchung zur Soziometrie und Gruppendynamik während eines dreiwöchigen Segeltörns über den Nordatlantischen Ozean“ ab. Personalentwicklung fand ich immer spannend. Hinzu kam die Liebe zum Segeln. Nun passieren an Board oft nicht nachvollziehbare Dinge – ich habe mich gefragt, wie kann ich die Vorgänge und die Wahrnehmung dort nutzen und das ganze zum Teamtraining machen, wenn acht Leute ihren Emotionen ausgesetzt sind? Mein „Diplomarbeitsvater“ hat oft mit Studenten Segelschiffe überführt, so kamen wir auf die Idee. Dabei war Bedingung, dass wir mindestens eine Woche auf dem Wasser sind und ungefähr sechs bis zehn Leute dabei sein würden. Das ganze sollte vergleichbar mit einem Training sein. Wir waren eine Gruppe aus Studenten, ich habe die Leute vorbereitet auf meine Befragungen, ihnen die Zielsetzung und die Gründe erklärt. Jeder wusste also, was passiert und dass das sehr persönlich werden kann. Da es eine soziometrische Untersuchung war, haben wir nach der Zielsetzung gefragt – zum Beispiel „Mit wem gehst du am liebsten Wache?“ und „Wen möchtest Du in schwierigen Situationen bei Dir haben?“. Bei einer zweiten Befragung sollten die Personen ihren Mitseglern bestimmte Adjektive zuschreiben, daraus haben wir hinterher ein Diagramm erstellt. Ich selbst habe bei all dem auch mitgemacht, habe aber während der Reise die Fragebögen der anderen nicht zu Gesicht bekommen. Die Ergebnisse waren interessant – zum Beispiel war nach einem Sturm unser Zusammengehörigkeitsgefühl viel stärker ausgeprägt. Außerdem konnte ich feststellen, dass eine allen sympathische Person an Board wichtig für ein positives Gruppengefühl ist. Für den Laien ist die Arbeit interessant, weil sie zeigt, wie unterschiedliche die Wahrnehmungen von Situationen sind. Und fürs Segeln kann man lernen, dass man alles sehr, sehr gut vorbereiten sollte – vor allem lieber zu viel als zu wenig Essen mitnehmen, sonst ist die Stimmung schlecht. Von diplom.de hatte ich im Internet gelesen, einige meiner Kommilitonen hatten ihre Arbeit dort veröffentlicht. Bei mir hat sich mittlerweile auch ein Verlag gemeldet, meine Arbeit wird in abgeänderter Form als Buch erschienen. Sie war von vorne herein so angelegt, dass ich sie später auch nutzen kann. Gemeinsam mit meinem Dozenten biete ich jetzt auch Teamtrainings an und mache auch meine Doktorarbeit im gleichen Themenbereich. Jede Woche bekomme ich ca. drei bis vier Mails von Leuten, die über meine Arbeit gelesen haben – ziemlich viele wollen gerne mitsegeln!

Text: lea-hampel - Illustrationen: Dirk Schmidt

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