Der Neuköllner Bezirksbürgermeister schmiegt sich an die Brust von Jana Reiche. In letzter Zeit kann man das häufiger beobachten. Seit kurzem gibt es Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) als T-Shirt-Motiv zu kaufen, im Internet und in einem kleinen Laden im Berliner Bezirk Neukölln. Der Laden gehört Jana Reiche, 28, blonde Haare, zerrissene Jeans, Turnschuhe, Buschkowsky-Shirt. Sie ist Modedesignerin, das T-Shirt war ihre Idee.

Der weiße Buschkowsky-Druck erinnert stilistisch an das berühmte Che-Guevara-Motiv, daneben steht „The Big Buschkowsky“, in Anlehnung an den berühmten Film der Coen-Brüder und in derselben Schriftart wie damals auf den Filmplakaten des „Big Lebowski“. Jana hat das T-Shirt entworfen, zusammen mit ihrer Freundin und Kollegin Nina Leonhard, es hängt in ihrem Laden JR Sewing zwischen selbst genähten Kleidern und buntem Schmuck. Die beiden Mädchen haben gemeinsam studiert. Jetzt stehen sie hinter der Ladentheke und wählen Musik auf dem Laptop aus; es ist Samstagnacht, 23 Uhr, und sie sind aufgedreht. Leute kommen und gehen. Manche sind Freunde, die meisten aber Besucher der Kunstnacht „Nacht und Nebel“, in der sich mehr als 150 Neuköllner Ateliers, Künstler und Kreative präsentieren. Sie nehmen sich Salzstangen oder einen der Drinks, die es heute anlässlich des neuen T-Shirt-Motivs umsonst gibt. „Das Lieblingsgetränk von Buschkowsky kennen wir nicht“, sagt Jana. Also gibt es eben White Russian, den Standard-Drink von Jeffrey Lebowski, dem Protagonisten des Kinoklassikers von 1999. Er ist ein langhaariger Althippie, nennt sich selbst nur den „Dude“ und weiß mit seinem Leben nicht mehr anzufangen, als im Bademantel herumzulungern, Bowling zu spielen und zu kiffen. Mit dem Neuköllner Bürgermeister hat er nur einen ähnlich klingenden Nachnamen gemein – und einen gewissen Kultstatus. Buschkowsky ist der Mann, den die Redaktionen von Polit-Talks beinahe reflexartig einladen, wenn es um Integrationsprobleme geht. Er ist Bürgermeister in Neukölln, dem Problembezirk mit hohem Migrantenanteil, und er spricht über seine Erfahrungen dort gerne in markigen Worten. Der Satz vom gescheiterten Multikulti, der momentan wieder in so vieler Politiker Munde ist, stammt ursprünglich von Buschkowsky. Er war es auch, der im Zusammenhang mit Integrationsproblemen den Begriff der „Parallelgesellschaften“ prägte. Political Correctness ist für ihn eine Ausrede für Untätigkeit, er stößt mit seinen harten Forderungen gerne Landes- und Bundespolitiker vor den Kopf. Er sieht sich als Mann an der Front, als einen, der dahin geht, wo es weh tut.

Normalerweise tauchen deutsche Politiker auf T-Shirts vor allem dann auf, wenn jemand gegen sie protestieren will. Wolfgang Schäuble bekam das während der Debatte um die Vorratsdatenspeicherung zu spüren: Der Onlineservice „Spreadshirt“ verkaufte T-Shirts mit seinem Gesicht und der Aufschrift Stasi 2.0. Ein ähnliches Motiv zeigte Ursula von der Leyen. Unter der Überschrift Zensursula wurde gegen Ministerin protestiert, als sie der Kinderpornografie im Netz mit Internetsperren begegnen wollte. Im Fall Buschkowsky verhält es sich anders. Er ist der erste deutsche Politiker, der auf einem T-Shirt zum positiv behafteten Kultobjekt erhoben wird. Die jungen Berliner Designerinnen geben mit dem Motiv eine Art Liebeserklärung ab an Buschkowskys kantige Art, Politik zu machen: „Er benennt Probleme und redet dabei so, dass man ihn versteht“, sagt Nina Leonhard. Er sei ein positiver Gegenentwurf zu dem abstrakten Gerede und den Pauschalisierungen, die sie sonst von Politikern kennt. Außerdem sei er einfach „’ne coole Type“. Wie zum Beweis holt sie einen Reiseführer über Neukölln aus dem Regal. Auf der Rückseite des Buches ist ein Buschkowsky-Zitat abgedruckt: „Wo Neukölln ist, ist vorn – und sollten wir mal hinten sein, ist eben hinten vorn.“ Man kann das Shirt also auch als eine Hommage an den Bezirk an sich begreifen, als ein Stück stoffgewordenen Lokalpatriotismus. Nina und Jana wohnen seit drei Jahren in Neukölln, und sie mögen das Viertel, der billigen Mieten wegen, vor allem aber, „weil hier das echte Leben passiert“ und die Gentrifizierung noch nicht derart zu spüren ist wie beispielsweise in Prenzlauer Berg. Dort wurde es immer schicker in den vergangenen Jahren, die Mieten stiegen. In Neukölln gibt es noch beides: Die Spelunken und die verrauchten Läden, in denen Männer auf Flachbildschirme mit Sportwetten starren, existieren genauso wie die hippen Bars, Ateliers und Läden. Janas Laden liegt nur ein paar Querstraßen von der berüchtigten Rütli-Schule entfernt. Die wurde bekannt, weil die Lehrer dort mit der Gewalt unter den Schülern nicht mehr fertig wurden. Und was hält der Bürgermeister davon, jetzt auf einem T-Shirt abgebildet zu sein? Zunächst gibt er sich gleichgültig. Wenn ein paar junge Leute glauben, mit der Idee Geld verdienen zu können, bitteschön. Ein bisschen Stolz kann er sich dann aber doch nicht verkneifen. „Ich begreife das T-Shirt auch als ein Stück Bürgernähe“, sagt er. Es sei schließlich nicht die Regel, „dass junge Leute sich mit Akteuren der Bezirkspolitik befassen“. Selbst werde er es wohl trotzdem nicht anziehen. „Aber vielleicht schenke ich ja meiner Frau eines zu Weihnachten.“

Text: christian-helten - Fotos: dpa