1. Cannes und der Trickfilm

Pete Docter am Mittwochnachmittag in Cannes: Er hat bei "Up" Regie geführt. Zum ersten Mal wird das Filmvestival von Cannes mit einem Trickfilm eröffnet. „Up“ heißt das Ding, das in den Studios von „Pixar“ entstanden ist, das zu Disney gehört. Die Entscheidung des Festivalleiters Thierry Frémaux sorgte im März für Überraschung und ist ein fettes Ausrufezeichen. Angeblich will Frémaux die "Entwicklung der Kinotechnologie" würdigen. Viele erwarten, dass 3D-Filme die Kinowelt dieses Jahr ziemlich ändern (--- naja, vor allem ein Typ erwartet das. Aber von dem ist weiter unten die Rede). P.S. In Cannes liefen schon Trickfilme, wenn auch nicht am ersten Abend: 1947 gewann „Dumbo“ einen sogenannten Grand Prix. 2. Der Film "Up"

Bild aus "Up" Die Geschichte wird hier in einem netten Trailer angedeutet. Wer aber gerade keine Zeit zum Schauen hat: Carl Fredricksen ist ein Ballonverkäufer in Amerika und macht sich irgendwann in hohem Alter aus dem Staub. Gemeinsam mit seinem Haus. Er heftet so viele heliumsatte Ballons an das Dach, dass er bald abhebt und seinem Traum Südamerika entgegenschwebt. Dort erwarten ihn ein paar Abenteuer, die er gemeinsam mit einem achtjährigen, naseweisen Jungen durchstehen muss, der aus Versehen auch mit abgehoben ist. Alter, fast gebrochener Mann und junges Gscheithaferl – nette und angemessene Kombination für einen Disneyfilm. Auch wenn mehrere Analysten von amerikanischen Investmentfirmen die Disney-Aktie wegen des Plots runtergestuft haben. Es sei "schlecht für das Geschäft, dass im Film kein einziges Mädchen vorkomme". Der Disneychef wehrte sich bereits und meinte, man könne Film nicht immer nur nach bekannten Strickmustern machen. Jene, die den Film schon sehen durften behaupten, dass es sich nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich um einen feinen Film handle. In bislang erschienen 3D-Animationen prahlten die Macher mit ihren dollen Effekten. Hier werden die Effekte wohl nicht zum Angeben sondern zum Verdichten der Geschichte genutzt. Die Einsamkeit des Hauptdarstellers, schreibt ein Kritiker, spiegele sich in den Tiefen des gezeigten Raumes wider. Der eben durch 3D auch tief wirkt. P.S. Wenn man will, kann man „Up“ auch Eskapismus oder zumindest ein kleines Maß Gesellschaftsbeobachtung unterstellen: Viele Amerikaner würden gern ihre kreditbeschwerten Häuser mit Ballons versehen und davonfliegen. 3. 3D als Marker für Wendepunkte?Thomas Schultze schrieb Anfang April in der SZ eine Abhandlung zum Stand der 3D-Filmerei und diagnostizierte, dass Versuche mit 3D-Filmen immer Reaktionen auf Krisen des Films waren. Zum ersten Mal, als das Fernsehen eingeführt wurde. Zum zweiten Mal, als das Video den Film privat machte und nun, drittes Mal, geht es darum, dem Internet und den Raubkopierern Paroli zu bieten. Die Vorteile der 3D-Technik sind da nicht von der Hand zu weisen, weil 3D-Filme nicht wirklich Opfer von Raubkopierern werden können. Ihre Qualitäten entfalten sie erst mit bestimmten Projektoren. Menschen wie Jeffrey Katzenberger gehen davon aus, dass die 3D-Technik minimum so epochale Wirkungen haben wird wie die Farbe oder der Ton, die dem Film irgendwann vor Jahrzehnten zugefügt wurden. 4. Jeffrey Katzenberger und sein Kampf für 3D

Szene aus "Monsters vs. Aliens" Ende März lief in Amerika “Monsters vs. Aliens“ an, ein okayer 3D-Film, in dem ein paar Monster gegen einfallende Aliens kämpfen. Sieht lustig aus und ist laut New York Times „3D Fun“. Im Making of-Video singt Katzenberger, Chef von Dreamworks Animation, ein hohes Lied auf die 3D-Technik. Sie werde das Geschichtenerzählen verbessern, verändern, emotionaler machen. Was man halt so sagt, wenn man viel Geld investiert hat. Katzenberger macht nun allerhand Druck auf US-Kinobetreiber. Die sollen viel mehr Säle umrüsten und die neuen digitalen 3D-Projektoren einbauen. 2.500 Säle sind in den USA zurzeit mit den neuen Geräten ausgestattet, die die Vorteile der 3D-Produktionen erst zum Wirken bringen. Grob gesagt werfen diese Projektoren mehr Bilder als herkömmliche Geräte auf die Leinwand. Zudem senden sie abwechselnd Bilder für das rechte und das linke Auge, die, weil die Augen träg sind, im Hirn zu einem Bild, einem 3D-Bild zusammengesetzt werden. Aber! Auch wenn die Bildqualität um einiges besser als bei früheren Projektionen ist: Eine spezielle Brille müssen die Zuschauer immer noch auf ihre Nasen setzen, um das ganze Ausmaß der neuen technischen Gimmicks erfassen zu können. Zurzeit wird für solche Filme auch noch ein Aufschlag auf den Eintrittspreis verlangt, was aber ihre Beliebtheit nicht mindert. Der MonsterAlien-Film von Dreamworks spielte am letzten Märzwochenende in Amerika schon 59 Millionen Dollar ein und gehörte so zu den besten Starts im ersten Kinoquartal. Viele Branchenmenschen halten Katzenberger schon seine 3D-Predigten vor, solche Zahlen aber scheinen ihm recht zu geben. 5. Spielberg und KonsortenWill man verstehen, wie die Chancen der 3D-Technik die Filmemacher beschäftigen, reicht vielleicht ein Blick auf die Projekte der Filmstudios und vor allem auf die Typen dahinter. Steven Spielberg und Peter Jackson basteln angeblich an einer Trilogie von "Tim und Struppi"-Filmen, Robert Zemeckis macht "A Christmas Carol" und Jerry Bruckheimer produziert angeblich "G-Force" auf 3D. Einige Argumente mehr dafür, dass Herr Katzenberger wohl nicht ganz falsch liegt, was die Wirkmacht von 3D angeht. Den Namen James Cameron heben wir uns noch ein wenig auf, über den reden wir, wenn wir die Projektionsproblematik angefasst haben. Quasi zum krönenden Abschluss. 6. Projektoren und die Frage nach der Zukunft des Kinos Über die 3D-Projektoren haben wir schon gesprochen. Sie sind gerade wohl so eine Art Bremsklotz, wenn es um die Verbreitung der neuen 3D-Filme geht. In den USA sind 2.500 Säle umgerüstet, Ende des Jahres soll die Zahl bei 7.000 liegen. In Deutschland gibt es laut dieser Liste gerade mal gut 60 Kinos, in denen 3D-Filme adäquat gezeigt werden können. Es wird wohl noch ein wenig dauern, ehe sich die Zahl vehement nach oben bewegt. Die Umstellung wird auch von einer raumgreifenden Debatte über die Zukunft der kleinen Kinos begleitet werden. Werden sie, wenn sie bei den alten Projektoren bleiben, noch mehr marginalisiert? Oder werden sie dadurch einfach noch wertvoller, weil sie die einzigen Orte im Land sind, an denen noch echte Filme zu sehen sind – und keine keimfreien Bilder? 7. Der Film "Avatar" und die Erwartungen

James Cameron Soderla, jetzt sind wir beim Schluss der kleinen Stichwortreihe angelangt und bei James Cameron. Der hat als Regisseur bei Titanic schon lasterweise Geld verbrannt, jetzt haben sie ihm für einen neuen Film wieder 200 Millionen Dollar in die Hand gegeben. Die Geburt soll "Avatar" heißen und im Dezember dieses Jahres in die Kinos kommen und, jaja, 3D sein. (Angeblich wurde der Start extra verschoben, um mehr Kinos die Umrüstung der Projektoren zu ermöglichen.) Cameron arbeitet schon seit Jahren an diesem Filmmonstrum, zu dem es im Netz bislang nur diffuse Skizzen und Minitrailer zu sehen gab. Angeblich fliegt in der Geschichte ein Kriegsveteran auf den Planeten Pandora und gerät dort in Händel mit Humanoiden. In der Liste der Schauspieler steht auch Sigourney Weaver. „Für mich als lebenslangen Fan von Science Fiction und Action ist Avatar ein Traumprojekt. Wir kreieren eine vollständige Welt, ein komplettes Ökosystem von phantastischen Pflanzen, Kreaturen und Eingeborenen mit einer reichen Kultur und Sprache" sagt Cameron. Angeblich ist der Film grundsätzlich auch schon fertig. Da er aber zu gut 60 Prozent im Computer zum Leben erweckt wird, dauert die Postproduktion an. Sie soll dazu führen, dass der Zuschauer am Ende des Tages auf der Leinwand nicht mehr zwischen echten und computerproduzierten Menschen unterscheiden kann. Naja, müssen wir mal sehen. Bis Dezember ist noch Zeit, um ein paar deutsche Kinos umzurüsten.

Text: peter-wagner - Fotos: rtr, ap