Bist du wirklich noch meine Schwester?

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Wer mit neunzehn Jahren von zuhause auszieht, der freut sich, die ländliche Langeweile endlich hinter sich zu lassen und lässt sich von da an nur noch zur Weihnachtszeit und zu runden Geburtstagen blicken. Doch nur, weil man gerade in Berlin oder anderen Großstädten mit großen Augen alles aufsaugt, was am Wegesrand liegt, bleibt die Zeit zuhause nicht stehen. Das merkt man umso schmerzhafter, wenn man ein paar kleine Geschwister zurück gelassen hat.



Spätestens wenn das "Ich-habe-meinen-ersten-Freund" Gespräch mit der kleinen Schwester stattfindet, ist alles zu spät. Als Akt der Verleumdung verläuft die erste Reaktion der älteren Geschwister abfällig: "Und? Knutscht ihr schon?"
Sie erwidert darauf lässig: "Wir hatten gestern Sex."
Ältere Brüder neigen in so einer Situation dazu, Verwünschungen und Drohungen auszustoßen. Ältere Schwestern ringen hingegen kurz mit den Worten, um dann doch mit "Und? Wie war's? Ihr habt aber verhütet, oder?" herauszuplatzen. Aber so genau will sie es dann eigentlich auch nicht wissen, schließlich geht es hier um die kleine Schwester und die hat gefälligst keinen Sex zu haben. Wie konnte es nur so weit kommen? Eben fuhr die Kleine noch mit ihrem Bobbycar über die Einfahrt, heute knutscht sie mit ihrem minderjährigen Freund auf dem Schulhof. Und warum ist man darüber so empört? War man selbst nicht genauso? Kleine Geschwister sind für die Älteren die asexuellsten Wesen der Welt. Man hat mit ihnen Vater-Mutter-Kind gespielt und sie in der Pubertät in einem unauffälligen Moment von der Schaukel geschmissen. Eins war immer klar: die Großen waren die Chefs, die Kleinen eben klein und unreif. Dass das auf einmal vorbei sein soll, ist schwer einzusehen. Und wer ist überhaupt der Typ, der sich da an der kleinen Schwester vergangen hat? Vielleicht gar auch so ein Blindgänger, wie der, mit dem man selbst seine ersten Erfahrungen machen musste? Gar eine Neuauflage dieses Marc mit der Igel-Frisur und den Fubu-Hosen, dessen Zunge man einst selbst im Hals stecken hatte? Aber bevor man Namen und Adresse zwecks Familienehre aus der kleinen Schwester mit Gewalt herausgepresst hat, lohnt es sich, kurz mal innezuhalten. Was hätte man sich selber in dem Alter gewünscht? Statt der Großstadt-Furie mit plötzlich erwachtem Familiensinn wohl eher eine ältere Schwester, die einem beratend zur Seite steht. Die das "Wie sage ich es meinen Eltern"-Gespräch ein wenig lenken und einen am eigenen Erfahrungsschatz teilhaben lassen kann. Die sich gerade nicht als Moralapostel aufspielt. Also gilt beim Weihnachts-Krisengespräch mit der kleinen Schwester: Durchatmen, kein Kopfkino zulassen und Hilfe anbieten. Und darauf hoffen, dass sich der Freund der Schwester nicht als allzugroße Pubertätsverirrung herausstellt. Und man selbst sich möglichst schnell an die große kleine Schwester gewöhnen wird.

Text: charlotte-haunhorst - Foto: butterfly08 / photocase.com

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