Blank Paper Productions: Wenn Snowboardfilme mehr zeigen als nur spektakuläres Snowboarden

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Ein fettes Schaf liegt träge auf einer herbstlich braungrünen Wiese. Das Meer aus Grashalmen wogt im Wind, im Hintergrund der Hügel liegt entfernt die Silhouette einer englischen Industriestadt vor grauem Himmel. Dazwischen steht, völlig unpassend zu dieser Landschaft, ein Skilift. Sogar eine einsame Piste wird erkennbar. Sie wirkt verlassen, und statt Schnee bedeckt ein an abgenutzten Kunstrasen erinnernder Kunststoff den Boden. Der Lift setzt sich in Bewegung, zwei Snowboarder in weiten Hosen haken sich unter dem Bügel ein. Immer wieder springen sie über eine kleine, fast lächerlich wirkende Schanze. So beginnt das zweite Kapitel von „In Short“, einem am Wochenende erschienenen Snowboardfilm der Produktionsfirma Blank Paper. Er besteht insgesamt aus fünf voneinander unabhängigen Kurzfilmen, von denen jeder einen anderen Aspekt des Snowboardens visualisiert - begonnen bei dem Produktionsprozess eines Snowboards vom Holzfäller bis in den Schnee, endend mit der Dokumentation einer Reise in die Berge Alaskas. Der Ausschnitt von der künstlichen Piste in England zeigt nicht das spektakulärste Snowboarden, weder was Höhe und Weite der Sprünge betrifft, noch was deren technische Schwierigkeit angeht. Trotzdem beeindruckte dieser Teil viele Gäste der Premiere in München am meisten. Weil er sich am meisten abhebt von dem, was der Durchschnitt der Snowboardfilme auf die Leinwand bringt. Weil die stimmungsvollen Bilder der zwei Snoboarder auf ihrer Kunststoffpiste in England einen bisher wenig beachteten Ausschnitt des Snowboardens zeigen, der die Faszination des Sports auch ohne Superlative und abseits der Berge begreiflich macht. Solche Szenen sind charakteristisch für den Stil von Blank Paper. Die Produktionsfirma wurde 2004 von drei Münchnern ins Leben gerufen: David Benedek, den das US-Magazin Snowboarder bereits zweimal zum Rider of the Year wählte, seinem älteren Bruder Boris und Christoph Weber-Thoresen, ebenfalls Snowboardprofi. Seitdem haben sie sich mit ihren Produktionen als Avantgarde des Snowboardfilms etabliert.

David Benedek, bei der Arbeit in Alaska. (Foto: Blank Paper) In den bisherigen 20 Jahren seines Bestehens wurde der Snowboardfilm von der anderen Seite des Atlantiks diktiert. Hier saßen die großen Produktionsfirmen wie Mack Dawg und Standard Films, in deren Videos die besten Fahrer der Szene zu sehen waren. Saison für Saison gaben ihre Filme das Level vor, auf dem sich das Snowboarden befand. Denn in keiner anderen Sportart haben Videos solch einen Stellenwert inne. Es fehlt ein übergeordneter Verband, wie er im Tennis, Fußball, aber auch in anderen „Trendsportarten“ wie dem Surfen existiert. Deshalb mangelt es an Wettkämpfen, die eine Vergleichbarkeit zwischen den fahrerischen Leistungen herstellen würden. Die Contests des Skiverbands FIS werden von vielen guten Fahrern gemieden. Die Contestserie TTR (Ticket to Ride) genießt zwar als Kind der Szene die nötige Glaubwürdigkeit, hat sich aber erst vor kurzem zu einer mit der Formel 1 vergleichbaren Institution entwickelt, die am Ende jeder Saison einen Weltmeister kürt. Zwischenzeitlich hatten sich aber schon andere Mechanismen gebildet, über die Snowboarder zu ihrer Reputation kamen: Snowboardfilme zum Beispiel. So gut wie jeder Fahrer ist in einer der vielen Produktionen zu sehen, die jeden Herbst auf den Markt geworfen werden. Sie sind die Plattformen, auf denen sie sich präsentieren können und müssen. Je besser, radikaler und innovativer das von ihnen gezeigte Snowboarden ist, desto länger wird ihr Auftritt im Film, was wiederum den Marktwert bei den Sponsoren steigert. Die Kreativität blieb in diesem Geschäft leider irgendwann auf der Strecke. Das Prinzip „Höher, schneller, weiter, mehr Rotation pro Sprung“ war ausschlaggebend für die Gestaltung der Filme. Blank Papers Kunststoffpisten auf englischen Schafshügeln hätten da keine Daseinsberechtigung gehabt, so schön und stimmungsvoll die Bilder auch sind. Man reihte Trick an Trick und schnitt das Ganze zum Takt des dahinter gelegten Punk- oder HipHop-Lieds. Unterhaltsam war das nur für Spezialisten, die jeden Trick und seinen Schwierigkeitsgrad sofort erkannten und beurteilen konnten. Alle anderen mussten sich fühlen wie ein Laie bei einem Turmspringwettbewerb: beeindruckt, aber wegen mangelnden Fachwissens nicht fähig, die feinen Unterschiede zu erkennen - und deswegen nach einer Weile vor allem eines: gelangweilt. Natürlich gab es auch hin und wieder Überraschungsmomente, sei es durch wirklich extreme Tricks oder durch neue Kameraeinstellungen. An dem immer gleichen Grundkonzept aber wurde beharrlich festgehalten, wohl auch aus der Trägheit heraus, sich nicht in neue Gefilde begeben zu wollen. Denn dies hätte Risiken für Reputation und Finanzen der Filmemacher bedeutet. David Benedek begnügte sich damit irgendwann nicht mehr. Er durchbrach seine Rolle als Snowboardfahrer und stellte sich fortan auch hinter die Kamera. Zuerst machten er und ein paar Kollegen unter dem Namen Robotfood drei Filme, die in der Snowboardwelt für Aufsehen sorgten. Sie schafften es, den Spaß auf die Leinwand zu bannen, den ihr Sport für sie bedeutet. Sie verbannten das „Höher, schneller, weiter“ von seinem hohen Diktatorenthron und räumten auch dem Herumblödeln auf der Piste seinen Platz ein. Das gezeigte Snowboarden bewegte sich nicht mehr ausschließlich in Sphären, die der Zuschauer nur in Videospielen nachahmen konnte, sondern bildete Gefühle ab, die für jeden nachvollziehbar waren, der schon mal ein Snowboard unter den Füßen hatte. Davids Bruder Boris wählte ebenfalls eine eigene, nicht minder innovative Herangehensweise. In seinen Filmen „Follow“ und „Follow Up“ begleitete er Snowboardprofis durch ihre Saison. Der fast schon dokumentarische Ansatz verschaffte Einblicke in das Leben hinter Tiefschneehängen und 30-Meter-Sprüngen: Das Reisen, das Warten auf die richtigen Bedingungen, die Suche nach dem passenden Gelände. Blank Paper ist die Fusion beider Konzepte. Spaß, innovatives Snowboarden und Einblicke in die Hintergründe des Sports wurden hier unter einem Dach vereint. Das Erstlingswerk „91 Words for Snow“ war der wohl erfolgreichste Versuch, Snowboarden in all seinen Facetten darzustellen. Das, so erinnert sich David, war auch eines der Ziele: „Natürlich wollten wir die Faszination am Snowboarden auch der Masse ein wenig verständlich machen.“

"In Short", der neue Film von Blank Paper, besteht aus fünf Kurzfilmen über das Snowboarden. Bei „In Short“ war das wieder anders. „Diesmal wollten wir einfach wieder machen, worauf wir Bock haben“, so David. An erster Stelle stand dabei die Reise nach Alaska. Der längste der fünf Kurzfilme, aus denen „In Short“ besteht, begleitet David Benedek, Christoph Weber-Thoresen, Mike Basich und Jake Price auf diesem abenteuerlichen Trip. Mit Schneemobil und Zelt waren sie dort auf ebenso unbewohnten wie unwegsamen Gletschern unterwegs und hatten mit schlechter Sicht, Gletscherspalten, weggewehten Zelten und einer Lawine zu kämpfen, die Christoph fast das Leben gekostet hätte. „In Short“ sticht wieder aus den übrigen Produktionen dieses Jahres heraus. Der Film erzählt Geschichten mitten aus dem Snowboarden, aber wieder jenseits des bisher Dagewesenen. Seine Macher festigen damit ihren Stand als künstlerischer Zweig des Baums, auf dem die Snowboardfilme wachsen. Der dicke Stamm besteht weiterhin aus Filmen, die in mehr oder weniger gewohnter Manier Trick an Trick reihen, und keinen Platz für Schafe in England haben.

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