Manchmal, doch selten, viel zu selten geschieht es, dass da etwas auftaucht, ein Lied, ein Film, ein Buch oder ein Bild, das Anker wirft in den eigenen Gedanken. Es senkt sich in die Erinnerung, setzt sich fest, macht sich spürbar, und noch lange nach dem Erlebnis dieses Liedes, Buches oder Bildes schreckt es die Gefühle auf, immer und immer wieder. Jedes Ding, jedes Werk, das dies vermag, ist ein Kleinod, selten und kostbar. Man muss es hüten. „Die heilige Krankheit“ ist so ein Kleinod. „Die heilige Krankheit“, das ist ein Buch, nein, ein Bild, nein, es ist ein, zwei, viele Bilder, in einem Buch, vielleicht muss man wirklich ein verfemtes Wort verwenden dafür: „Die heilige Krankheit“ ist ein Bilderbuch. Aber was für eines.

Es war das Jahr 1996, als in Frankreich ein Comic-Band erschien, der die Menschen in diesem an Comics so reichen Land glauben ließ, sie hätten bislang noch gar nichts erlebt vom Reichtum der Comics: Da kam einer, der schrieb und zeichnete vom Leben seines epilepsiekranken Bruders, mit einer solchen Wucht in Wort und Bild, mit einer solch durchschlagenden Wahrheit, dass die Leser staunend vor den Seiten saßen – da zeichnet einer dunkle Nacht und strahlenden Stern, die Echse Epilepsie, die Schlange Familie, unfassbar. Damals, 1996, veröffentlichte der Zeichner David B. den ersten Band von „Die heilige Krankheit“. Es gibt manche Menschen, die sagen, damals wandelte sich die Welt der Comics. Denn die Zeichner der großartigen Comics in den vergangenen Jahren, von Craig Thompson bis zu Marjane Satrapi, verdanken diesem Comic viel. Jetzt, endlich, ist der erste Teil von „Die heilige Krankheit“ auch in Deutschland erschienen. David B., ein Pseudonym des Zeichners Pierre-Francois Beauchard, erzählt in „Die heilige Krankheit“ von seiner Familie. Das ist alles. Das ist so viel. Das ist: Eine Mutter, die am Abend aus dem „Kurier des Zaren“ vorliest, die niemals Angst hat, aber manchmal doch, die 1968 streikt und ihr Leben lang nach einem Meister sucht. Ein Vater, der aus der Bibel erzählt, auf einmal Wegerich und Kletten sammelt, 1968 nicht streikte und es nicht mag, wenn man tolle Schlachten mit vielen Toten malt. Eine Schwester. Zwei Brüder.

Und Spiele im Schuppen und Kämpfe mit der Bande draußen auf der Straße und Western schauen plus Schokolade essen bei den Nachbarn, das sind Kobolde, die zusammen mit König Kröte in Erdlöchern hausen, das sind Ferien an seltsamen Orten, die die Eltern ausgesucht haben, Ritter-Rüstungen aus Medikamentenröhrchen und Konservendeckeln, Träume von Mars-Landungen, das sind auch Oma und Opa und sein Tod, das ist der Bruder, der Epilepsie hat, die heilige Krankheit kommt über ihn wie ein Wirbelsturm, dann wird er schier zerrissen von seinen Anfällen, ohne Hilfe, nur umgeben von großen dunklen Mündern, die sagen „Anstalt! Nicht frei rumlaufen! Klapse! Nicht rauslassen!“, das sind die Versuche der Eltern, ihren Sohn zu retten, mit Ärzten und anderen Ärzten und Wunderheilern, mit Meistern und Makrobiotik und Gemeinschaften, in denen Erwachsene ihr Heil suchen, bis es zum Wahn wird,

das sind eine Urgroßmutter, die Gedichte rezitiert, ein Großvater, der ein Träumer war, weil er an die Liebe glaubte und nicht an das Land, das es zu zähmen, zu bezwingen, zu unterwerfen gilt, das sind Säbel und Orden und verwelkte Fotos in Bilderrahmen, das ist: eine Familie. Und das ist es, was „Die heilige Krankheit“ zu einem wahren Kleinod macht. Zwar zeichnet David B. auch zauberhaft, in viel-Schwarz-und-wenig-Weiß, zwar schreibt er auch wunderbare Sätze, doch vor allem gelingt ihm eines: Er verfolgt die verschlungenen Pfade einer Familie, seiner Familie, es könnte aber auch meine sein oder deine, es sind Mütter und Großmütter und Urgroßmütter, Väter und deren Väter, es ist eine lange Geschichte – es ist eine Geschichte, wie sie jeder von uns hat. Und das macht dieses Bilderbuch, ja, doch: herzzerreißend. Hier kannst du dir eine Seite aus "Die heilige Krankheit" ansehen.