Blick in den Blog: Was Markus Beckedahl am Donnerstag schrieb

Markus Beckedahl macht netzpolitik.org. In seinem Blog setzt er sich aktiv für Bürgerrechte und Freiheiten im digitalen Zeitalter ein. Eine kleine Auswahl seiner Texte vom 2. November 2006
peter-wagner

1. US-Zeitungen fürchten sich vorm Netz Lustige Sache: Die US-Verlage auf der verzweifelten Suche nach der Zeitung von morgen. “Künftig erhalten die Menschen ihr Weltbild von irgendwelchen irren Bloggern, die aus ihrer Unterwäsche schöpfen”, malte der US-Publizist Michael Kinsley im Time-Magazin die düstere Zukunft in den USA an die Wand. In der Washington Post sorgte sich der Kommentator, dass bald “die vorderste Front” im Kampf gegen die Korruption im Staat zusammenzubrechen drohe. Und Kolumnist Tim Rutten beschwörte in der Los Angeles Times die “Gefahren für die Demokratie”. Die Journalisten sehen in der Krise der US-Zeitungen weit mehr als die Probleme einer Branche – sie fürchten um die politische Kultur im Land. Während Internet-Medien wie Slate sich über die “Selbstüberschätzung” der Zeitungsleute lustig machen, befinden sich die Verlage selbst auf der fieberhaften Suche nach der “Zeitung von morgen”. Ich will mich ja aus meiner privilegierten deutschen Sicht nicht wirklich beschweren, aber was ist an “irgendwelchen irren Bloggern, die aus ihrer Unterwäsche schöpfen” schlimmer als Fox-News? +++ 2. Mal wieder: Pfeiffer warnt vor Computerspielen Der Kriminologe Christian Pfeiffer dürfte mal wieder eine Studie zum Thema Jugendschutz und Computerspiele erstellen. Wenig überraschend ist das Ergebnis des mit fast missionarischem Eifer gegen Computerspiele agitierende Wissenschaftlers, worüber die Zeit relativ unkritisch berichtet: Spiele ohne Grenzen "Je öfter ein Kind am Computer ballert, desto schlechter die Schulnoten, zeigt eine neue Studie. Die Spiele lassen eine Generation von Jungs verwahrlosen" Und ich frag mich gerade, wieso immer nur der Pfeiffer Studien wie diese finanziert bekommt. Oder kann er nur am lautesten in die Medien schreien, um über die Bekanntheit wieder mehr Forschungsgelder zu bekommen? Etwas mehr Abwechslung in der Untersuchung würde der Debatte etwas gut tun. So scheint das Ergebnis immer vorher schon festzustehen. Und die Fronten auch. +++ 3. Zensur von Blogs in Griechenland Telepolis berichtet ausführlicher über die Schliessung eines griechischen Blogs während des IGF: Neuer Volkssport für Diktatoren: Jagt den Blog! "Dass Blogger teilweise gefährlich leben, ist bekannt. Wenn irgendwo in der Welt ein Blogger verhört, verklagt oder verhaftet wird, fällt es kaum mehr auf; selbst bei hauptberuflichen Journalisten führt derartiges ja außerhalb der eigenen Kreise nicht mehr zur Empörung, sondern wird achselzuckend als “Berufsrisiko” angesehen (”selbst Schuld”). Im Zeitalter von Guantanamo, Yahoo-Zensur, Google-Filtern und organisierten Massenabmahnungen würde normalerweise niemand mehr Notiz von einem unglücklichen Griechen nehmen, der wegen einer Weblogverlinkung vor den Kadi gezerrt wurde." +++ 4. SAP würde republikanisch wählen de.internet.com: SAP unterstützt Wahlkampf der Partei von George W. Bush. "Die Politspenden von US-Tochtergesellschaften großer deutscher Unternehmen gehen im aktuellen Kongresswahlkampf zu mehr als zwei Dritteln an republikanische Kandidaten und Parteiorganisationen. Nach den jüngsten verfügbaren offiziellen Zahlen haben zwölf Tochtergesellschaften zusammen gut 2,5 Millionen Dollar gespendet. Mehr als 1,7 Millionen Dollar davon, also rund 68 Prozent, flossen an Republikaner. Besonders hoch liegt der Anteil bei SAP mit je 78 Prozent, was nur noch von Bayer (79 Prozent) übertroffen wird. Dies geht aus einer Auswertung hervor, die das unabhängige Center for Responsive Politics in Washington exklusiv für die ‘Financial Times Deutschland’ (Freitagsausgabe) erstellt hat." +++ 5. Internet Bill of Rights Eine interessante Sache ist die “Internet Bill of Rights”, die als Idee auf dem Internet Governance Forum in Athen vorgeschlagen wurde. Interessant ist die Sache, weil sie der globalen Netzpolitik-Debatte die Chance zur Entwicklung einer positiven Vision bieten könnte. Wenngleich es positive Visionen genug gibt, besteht die politische Debatte auf nationaler und trannationaler Ebene aus zivilgesellschaftlicher Sicht eher aus Abwehrkämpfen - sei es beim Datenschutz, bei Meinungsfreiheit, Softwarepatenten oder dem Urheberrecht. Wichtig wäre mal zu definieren, was man denn alternativ will. Und da bieten allgemeine Menschenrechte im Netz sowie ein Innovationsrahmen, der diesen Namen in einer vernetzten Welt auch verdient, eine gute Basis zur Entwicklung einer “Internet Bill of Rights”. Und man kann die kommenden Internet Governance Foren immer wieder konkret für diese Debatte nutzen. Heise: IGF: Eine Internet-Verfassung für die Rechte der Cyberbürger. BBC: Internet bill of rights proposed.

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