Keine Angst: Tinder lässt uns nicht oberflächlich werden bei der Partnersuche. Das sind wir längst. Auch in Cafés, U-Bahnen oder der Kassenschlange, dem sogenannten echten Leben, entscheidet das Gehirn innerhalb von Millisekunden, ob wir unser Gegenüber sympathisch oder ätzend finden.

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Das Tinder-Prinzip wird jetzt auch für die Jobsuche angewendet. Das ist gut - für alle, die gut aussehen.

Doch während der Alltag in der Regel Zeit für einen zweiten Eindruck lässt, hetzt uns Tinder weiter durch den Liebeskatalog: Weg, weg, wow, weg – die schnelle Wisch-Navigation der Dating-App sorgt dafür, dass wir beim hastigen Entscheiden auch schon mal wegswipen, wen wir vielleicht doch gern getroffen hätten. Den zweiten Blick haben die Programmierer einfach wegrationalisiert.

Nochmal: Das ist okay so. Tinder wurde erfunden, damit Menschen sich digital so kennenlernen können, wie sie es auch in einer Bar oder einem Club tun. Da muss nicht jedes Detail in die Beurteilung einfließen. Der erste Eindruck reicht. Trotzdem könnte das Tinder-Prinzip künftig immer mehr zum Problem werden.

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Aufgrund des Erfolgs der App klonen Entwickler die intuitive Swipe-Navigation zunehmend in für ihre eigenen Software-Erfindungen. Unter anderem funktioniert der Klamottenratgeber Swipy nach dem Tinder-Prinzip, ebenso die App Great Little Places, die statt potentieller Liebschaften die attraktivsten Hot Spots fremder Städte vorschlägt. Auch das ist zunächst nicht weiter schlimm: Wenn eine hübsche Klamotte oder eine schicke Sehenswürdigkeit vorschnellem Wischen zum Opfer fällt, lässt sich das verkraften. Doch gefährlich wird das Tinder-Prinzip spätestens bei der App Selfiejobs. Hier swipen sich Arbeitgeber durch Bewerberprofile. Hier geht es um Jobs, nicht um schnellen Sex. Bei letzterem ist es okay, wenn nur das Aussehen und der erste Blick zählen. Wenn es um Arbeitsplätze geht, hört der Swipe-Spaß auf.

Mit Selfiejobs könnenArbeitsuchende Profile erstellen, um nach potentiellen Arbeitgebern zu fischen. Platz für einen ausführlichen Lebenslauf wie bei Xing und LinkedIn bietet die App dabei nicht. Stattdessen prangt in jedem Nutzerprofil ein großes Foto und wahlweise ein Vorstellungsvideo von maximal 22 Sekunden Länge. Die Bewerber können sich durch die Inserate von Unternehmen wischen wie durch Tinder-Partnervorschläge, die Arbeitgeber können sich einen Jobsuchenden nach dem anderen vorsetzen lassen. Dabei wird ihnen ein Foto, Name, Alter und der Wohnort von Bewerbern angezeigt. Liken sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer, kommt es zum Kontaktaustausch.

Dieses Prinzip mag einfach sein und wirkt deshalb auf den ersten Blick nutzerfreundlich. Aber die Vorstellung, dass Arbeitgeber durch die Fotos von Bewerbern wie durch Dating-Profile swipen, ist schwer auszuhalten. Denn dabei bekommt der Ersteindruck aus Profilbildes und Videos mehr Bedeutung, als er haben sollte. Es geht um Aussehen und Auftreten, aber  und nicht um Kompetenz. Das Kriterium, das eigentlich darüber entscheiden sollte, ob jemand eine Chance auf einen Job hat, wird in den Hintergrund gedrängt.

Das Absurde: Die App geht damit in eine ganz andere Richtung als der generelle Trend bei Bewerbungen. Immerhin versucht die Politik seit ein paar Jahren, für Chancengleichheit bei Bewerbungen zu sorgen. Seit 2007 dürfen deutsche Unternehmen nach EU-Vorgabe keine Bewerbungsfotos mehr einfordern. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes konnte zwischen 2010 und 2012 Unternehmen und Behörden davon überzeugen, anonymisierte Bewerbungsverfahren nach Vorbildern aus den USA, Kanada und Großbritannien auszutesten. Eineinhalb Jahre lang haben fünf Unternehmen und drei öffentliche Arbeitgeber anonymisierte Bewerbungen getestet, unter ihnen die Deutsche Post, L'Oréal und das Bundesfamilienministerium. Die Arbeitgeber bekamen in den Bewerbungen keine Infos über Alter, Geschlecht und Herkunft des Bewerbers – und natürlich auch keine Fotos. Die Personalchefs reagierten positiv auf den Versuch, einige Unternehmen behielten die anonymen Auswahlverfahren bei.

„Wir sind längst nicht so minimalistisch wie Tinder“, verteidigt Selfiejobs-Gründer Martin Hall seine Jobapp. „Bei uns lassen sich Angaben zum Alter, zu den bisher gesammelten Erfahrungen, Stärken und auch zur Ausbildung machen.“ Der Fokus habe bei der Entwicklung der App auf der Nutzerfreundlichkeit gelegen. „Für uns war es wichtig, eine App zu entwickeln, die sich leicht bedienen lässt und es den Bewerbern so einfach wie möglich macht, sich potentiellen Arbeitgebern zu präsentieren“, sagt der Internetunternehmer. „In Schweden und Dänemark kommt das bereits sehr gut an.“ ÜDie Zahlen belegen das: 10.000 Arbeitsuchende zwischen 20 und 25 Jahren sollen sich sind nach Angabe des jungen Unternehmens bereits bei Selfiejobs registriert haben. Ein paar Hunderte kommen auch aus Deutschland, wo die App seit wenigen Wochen verfügbar ist.

Als Bewerber findet man bei Selfiejobs momentan vor allem Stellen im Servicebereich von Hotels oder Bars. Solchen Arbeitgebern ist ein gepflegtes Äußeres natürlich wichtig. Ob der gutaussehende Kellner dann auch ein Tablett unfallfrei zu einem Tisch transportieren kann, sieht man auf den ersten Blick aber nicht.



Text: mark-heywinkel - Foto: Selfiejobs