Blog aus Beirut: "Der Himmel über uns vibrierte."

Thomas Burkhalter,33, ist Musikethnologe und Journalist aus Bern. Er arbeitet unter anderem für die „Neue Züricher Zeitung“ und das Schweizer Radio DRS 2. Seit mehreren Monaten lebt er gemeinsam mit Anna Trechsel, Islamwissenschaftlerin und Radiojournalistin, in Beirut, um an seiner Dissertation über die dortige Subkultur von MusikerInnen der Bürgerkriegsgeneration zu arbeiten. Auf jetzt.de schreibt er vom Leben in Beirut und an der libanesischen Grenze während der Bombardierung.
caroline-vonlowtzow

Freitag, 14. Juli 2006, Beirut Gestern Nacht haben Anna und ich in Beirut den Horror erlebt. Da wir im christlichen Viertel „Achrafieh“ in Nord-Beirut wohnen, wussten wir, dass für uns eigentlich keine Gefahr besteht. Trotzdem: Um drei Uhr in der Nacht sind wir aufgewacht. Der Himmel über uns vibrierte - ich kann’s nicht anders beschreiben. Ein Grollen im Himmel. Du weißt, da oben sind Flugzeuge - wo genau, keine Ahnung. Die Flugzeuge durchbrechen andauernd die Schallmauer. Zuerst ein Riesenknall, dann drei, vier, fünf, sechs Nachdonnern. Wenn die Flieger nah sind, dann rückst du im Bett eng zusammen und hoffst nur, dass es nicht wieder so knallt. Wenn sie weg sind, hörst du sie schon von Weitem wieder kommen. Heute bin ich den ganzen Tag über bei jeder Türe, die laut zuschlägt, in Alarmbereitschaft. Dann kommen die Bomben selber: Du hörst sie, zum Glück etwa sechs Kilometer entfernt, dumpf, aber saulaut. Und ab und zu, schießen ein paar Libanesen zurück. Anti Aircraft Fire. Dann sind die Flugzeuge plötzlich weg und du freust dich. Bis zu diesem Riesenknall aus dem Nichts. Das war jetzt wohl ein Kriegsschiff. In den News siehst du dann den Pilz. Und etwas später auch bei uns. Am frühen Freitag Morgen verlassen Thomas und Anna den Libanon über die Grenze im Norden gegen Norden zu verlassen und warten in der syrischen Hafenstadt Tartous darauf, dass sich die Lage wieder beruhigt.

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Illustration: Julia Schubert

Der Beiruter Musiker und Comiczeichner Mazen Kerbaj zeichnet in seinem Blog Szenen der Bombardierung und wie er Beirut verlässt. Montag, 17. Juli, Tartous Gestern Nachmittag haben Anna und ich einen Artikel für den Bund geschrieben. Wir wollen uns mitteilen. Wir wollen verarbeiten. Wir stehen unter Strom. Nachdem der Artikel weg ist und wir ihn wieder lesen, finden wir ihn schlecht. Wir schauen News, und so viel mehr hätten wir sagen sollen. Machen wir uns lächerlich mit unserer persönlichen Geschichte, fragen wir uns. Was sollen wir tun. Ich würde am liebsten alles aufzählen, was hier passiert. Von jeder einzelnen Bombe schreiben. Wo genau sie eingeschlagen hat, welches Unrecht sie auslöst. Ich sehe nicht, dass Israel Hizbullah-Ziele trifft. Seit Anfang des Krieges feuert Hizbullah ihre achtzig Raketen ab – mir scheint, die in den News gemeldeten Zahlen sind immer gleich. Und die Raketen fliegen immer weiter. Ich bete, dass keine Rakete Tel Aviv trifft! Jetzt hat Israel den Flughafen zum dritten oder vierten Mal bombardiert! Ist das nötig? Er ist schon kaputt. Sie haben Tanks und Elektrizitätswerke bombardiert, so dass bald keiner mehr Strom hat im Süden. Heute morgen haben sie den christlichen Beiruter Vorort Daura bombardiert. Irgend ein Essens-Depot sagt BBC. Der Hafen wurde das zweite Mal getroffen. Er war schon kaputt. Über Downtown wurden Faltblätter abgeworfen. „Jeder, der mit Hizbullah zusammenarbeitet oder sympathisiert, wird verfolgt.“, steht da. Wie wollen die Israeli von der Luft aus verfolgen, welcher einzelne Mensch genau was mit Hizbullah am Hut hat? Es geht schon lange nicht mehr um die zwei entführten israelischen Soldaten, scheint es mir. Es geht darum, dieses Land hier zu zerstören und den Menschen hier, jede Existenzberechtigung zu nehmen. Hier leben nicht nur Terroristen! Catherine ist Graphikdesignerin. Cynthia arbeitet im Konservatorium als Klavierlehrerin. Joelle spielt Piano-Jazz und gab eben noch Workshop zu Neuer Musik von John Cage. Charbel, der Mann mit der lautesten Stimme dieser Welt, ist Chef im kleinen Mittagsrestaurant LE CHEF. Er ist eine Legende. Er kennt jeden und jede in Viertel Gemmayze. Eine ältere jüdische Piano-Lehrerin, die im Quartier lebt, bestellt bei ihm ihr Mittagessen. Kein Problem. „Das sind Juden“, flüstert Charbel uns ins Ohr und zeigt mit seinem Daumen gegen oben. „Cool, dass die noch hier leben. Gemmayze ist ein multikulturelles Quartier.“ Eine der Synagogen Beiruts steht mitten im Aufbaugebiet in Downtown Beirut. Keiner denkt daran, sie abzureissen. Anna wollte ein Radio Feature über Juden in Beirut machen. Wir fragten viele Leute an, ob sie Juden kennen hier. Keiner hatte ein Problem. Israel will all das gar nicht wissen! Hier und hier gibt es weitere Nachrichten zu dem Konflikt.

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