Bloggen oder blechen!

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Ein bisschen verhält es sich mit dem Bloggen ja wie mit dem Gärtnern: Wer sein Stückchen Web-Präsenz regelmäßig hegt und pflegt und nicht allzu Banales darin anpflanzt, erntet – mit ein wenig Glück – Aufmerksamkeit und Anerkennung. Manche Seiten, wie die des Satireblogs „Der Postillion“, werden so zahlreich besucht, dass der Betreiber dank Werbeeinnahmen das Bloggen sogar zum Beruf machen kann. Andere Web-Tagebücher verrotten hingegen ungelesen und kümmerlich in einer dunklen Ecke des Internets vor sich hin. Einträge aus grauer Vorzeit belegen, dass hier schon lange keiner mehr nach dem Rechten gesehen hat. Warum eine Seite brachliegt, kann viele Gründe haben: Keine Zeit. Keine Lust. Keine Ideen.

Wer das eigene Weblog vor dem Kompostieren bewahren will, das aus eigenem Antrieb aber nicht schafft, kann sich jetzt bei den Iron-Bloggern anmelden. Die Regeln sind so simpel wie strikt: Mindestens ein neuer Eintrag pro Woche - ansonsten sind fünf Euro fällig. Das Geld ist allerdings nicht gänzlich futsch, sondern wird in einer gemeinschaftlichen Bierkasse gesammelt. Sind ein paar hundert Euro zusammengekommen, trifft man sich, um das Bußgeld in einer Kneipe auf den Kopf zu hauen. Es geht also nicht um harte Sanktionen – der Spaß am Bloggen soll ja bestehen bleiben – sondern lediglich um einen kleinen Tritt in den Hintern. Die Motivation entsteht dabei vor allem durch den Gruppendruck. Auf der Homepage der Iron-Blogger kann nämlich jeder sehen, welches Mitglied brav seinen Wochen-Post geliefert hat, und wer für die gefüllte Bierkasse verantwortlich ist. Damit sich niemand durch seine Faulheit ruiniert, ist bei 30 Euro alllerdings erst einmal Schluss und der sogenannte Slacker wird vorübergehend gesperrt.

Die Idee dazu stammt ursprünglich aus Amerika. In Zeiten von 140-Zeichen-Tweets und hastigen Facebook-Posts soll wieder etwas Ruhe und Besinnung in das Teilen von Inhalten gebracht werden. Lieber ein wohlüberlegter Beitrag pro Woche, als fünf Hingeschluderte pro Tag. Den ersten deutschen Ableger der Selbsthilfegruppe, mit derzeit 63 Mitgliedern, gibt es seit Ende 2011 in Berlin. Nach und nach bildeten sich auch in anderen Großstädten Iron-Blogger-Runden, die unter dem etwas plumpen Motto:

"Blogs und Bier? Das lob' ich mir!" bei der diesjährigen republica erstmals zusammentrafen. Regionale Vorurteile bestätigen sich dabei recht schnell: Während man sich in Berlin regelmäßig – dank gut gefüllter Kasse – zum Trinken trifft, hacken die Stuttgarter am Sonntagabend um kurz vor Zwölf lieber noch schnell einen Eintrag in die Tasten, bevor sie fünf Euro blechen müssen. Ein von Iron-Bloggern eigens geschriebenes Script erfasst dabei genau, wer wann was gepostet hat. Dass die Qualität unter dem Zugzwang leidet, glauben die Initiatoren der Gruppen trotzdem nicht. Ein einzelner Satz oder ein reiner Foto-Post gelten zwar bereits als vollwertiger Eintrag, durch die Verlinkung der Beiträge auf der gemeinschaftlichen Homepage sei aber jeder bemüht, sich inhaltlich nicht zu blamieren.

 

Dass man selbst bei Freizeitaktivitäten, die ja grundsätzlich gerne gemacht werden, einen motivierenden Arschtritt braucht, ist ein weitverbreitetes Problem. Die neue Rennrad-Montur samt Helm für ausgedehnte Touren gammelt seit der Anschaffung nur im Keller rum. Stolpert man zufällig im Geldbeutel über die Monatskarte vom Fitnessstudio, wird diese schnell wieder beiseite gesteckt. Und die Seiten des Skizzenbuchs sind am Ende des 4-wöchigen Thailandurlaubs genauso leer, wie am ersten Tag der Reise. Die anfängliche Begeisterung für eine Sache ist plötzlich weg und hat dem schlechten Gewissen Platz gemacht. Eigentlich wollte man ja unbedingt. Aber momentan ist halt so viel anderes zu tun. Nächste Woche dann aber ganz bestimmt! Das ist zwar schade, aber vielleicht sollte man die Motivations-Flaute auch einfach akzeptieren - zumal bei Blogs, die nun wahrlich keine Mangelware sind.

 

Allein in Deutschland tummeln sich nach Schätzungen  des Allensbacher Instituts derzeit um die 200.000 Berufs-Blogger und  Gelegenheits-Poster im Netz. Viele Gärten. Alle müssen die nicht unbedingt gepflegt werden. Es wäre vermutlich nicht schlecht, wenn Gras über manche wachsen würde.

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