Bologna im Sonnenschein

Es gibt sie doch, die guten Dinge! Eine Broschüre der Hochschulrektorenkonferenz stellt die Erfolge der Bologna-Reformen zur Schau.
anna-kistner

Nein, die Bologna-Reformen haben kein gutes Image. Verschulte Vorlesungsverzeichnisse, vollgestopfte Stundenpläne, Überforderung durch Prüfungs- und Lernstress, zu viele Vorgaben, zu wenig Flexibilität. Bis Ende dieses Jahres sollten die Reformen eigentlich abgeschlossen sein – die Bilanz wirkt angesichts der aus Protest zerstörten Hörsäle nicht gerade positiv. Auch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat sich gefragt, ob er denn jetzt eigentlich gelungen sei, der Reformprozess und bringt als Antwort eine Broschüre heraus, die sich alle Mühe gibt, die Erfolge der Bologna-Reform zur Sprache zu bringen. "Kreative Vielfalt. Wie deutsche Hochschulen den Bologna-Prozess nutzen", so der Titel des tatsächlich lesenswerten Werks.

So liest sich das Cover der Broschüre. Der freie Journalist Kilian Kirchgeßner hat sich im Auftrag der HRK auf Deutschlandreise begeben, um sich von Studierenden, Lehrenden, Hochschulleitungen und Mitarbeitern der Verwaltungen erzählen zu lassen, was die Bologna-Reformen auch Gutes gebracht haben. Die Aufzählung der vielen „Good-practice“-Projekte soll keine Verschleierungstaktik für die Reform-Versäumnisse sein. „Ich sage ja nicht, dass alles reibungslos geklappt hat mit der Bologna-Reform,“ gibt da zum Beispiel der Rektor der Universität Bremen zu Protokoll. Er spricht vom „intellektuellen, emotionalen und organisatorischen Aufwand“ der Umstellung, den die Hochschulrektorenkonferenz eindeutig unterschätzt habe. Dann zählt er die Erfolge der Reform auf: die Schaffung neuer Studiengänge, mehr Transparenz und studentische Mitbestimmung, Vereinfachung des internationalen Austausches und leichtere Anerkennung der Abschlüsse. Alles keine neuen Argumente. Spannend wird es erst bei den einzelnen Projekten, die sich die Unis dank der Bologna-Gelder und Umstrukturierungs-Freiheiten ausgedacht haben. Die Leuphana Universität Lüneburg bietet da Erstsemestern eine Art Studium Generale an, bevor die Studenten ihre Zeit in den übrigen fünf Semestern auf ein frei wählbares Haupt- und ein Nebenfach aufteilen. Die Regensburger Uni wirbt um die Kinder von Migranten und schickt sie in ihrem Secondos-Programm zum Austausch in die Heimat ihrer Eltern. Mit einer Mathe-Sprechstunde versucht die Uni Bochum die Zahl der überforderten Uniabbrecher zu reduzieren. Philosophiekurse für Ingenieure bietet die TU Bielefeld an, Schreiblabore für Hausarbeits-Verzweifelte gibt es an der Uni Bielefeld. Und im UniAktiv-Büro der Universität Duisburg-Essen bekommen Studenten Leistungspunkte, in dem sie für ein Programmkino ein PR-Konzept oder für einen Blindenverband ein Fußgänger-Navigationssystem erarbeiten. War an deutschen Hochschulen früher eben doch nicht alles besser? Klar stehen auf den insgesamt 85 Seiten auch Sätze wie „mit Lust etwas Innovatives gestaltet“, es gibt Bilder von kickernden Studenten, die natürlich „mit Schwung bei der Sache“ sind und Überschriften, die „Inspirierter lehren und studieren“ heißen. Trotzdem überwiegt der Eindruck, dass hier nichts schöngeredet wird, sondern der Scheinwerfer auf Projekte gerichtet wird, die ansonsten im Schatten der allgegenwärtigen Bologna-Kritik gerne mal unentdeckt bleiben. Jedenfalls: Wer gerade auf der Suche nach einem passenden Studienplatz ist, für den ist die Broschüre sicherlich eine gute Entscheidungshilfe.

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