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Brennende Erinnerung

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Der Anfang von „Waltz with Bashir“, der am Donnerstag ins Kino kommt, ist ein einziger böser Traum. Boaz, ein ehemaliger Soldat der israelischen Armee, der 1982 beim ersten Libanonkrieg dabei war, hat seit Jahren den gleichen Albtraum. 26 blutrünstige Hunde, die eine Stadt in Angst und Schrecken versetzen. Waren es doch Hunde, die damals die Soldaten beim Betreten eines Dorfs empfingen. Ansonsten hat er keinerlei Erinnerung an die damalige Zeit. Er trifft sich daher mit einem Kameraden von damals, dem Regisseur Ari Folman. Nach dem Treffen wird diesem klar, dass er selbst ebenfalls nichts mehr von damals weiß, was ihn sehr beunruhigt. Daher sucht er einige Kameraden von damals auf, in der Hoffnung, dass er so Erinnerung zurückerlangt, was damals passiert ist und welche Rolle er selbst dabei gespielt hat. Und tatsächlich: Durch die Berichte anderer beteiligter Ex-Soldaten fügt sich puzzleartig zusammen, was damals geschah.

Mittels bildgewaltiger Sequenzen fühlt man sich in den von Unruhen erschütterten Libanon von vor 26 Jahren unmittelbar zurückversetzt. Die israelische Armee ist im Libanon, um dort terroristische palästinensische PLO-Aktivitäten einzudämmen. Dabei geraten Ari und seine Kompanie immer wieder mitten in Feuergefechte und palästinensische Hinterhalte, zahlreiche Kameraden bleiben tot zurück. Der Film zeigt schonungslos detailliert die Grausamkeiten eines Krieges. In einem Garten attackiert ein etwa zehnjähriger Junge die Kompanie mit einer Panzerfaust, worauf hin er von Kugeln durchsiebt zu Boden fällt. Zahlreiche Zivilisten finden durch die Gewehre panisch um sich schießender Soldaten den Tod. Autos in den Straßen von West-Beirut werden von den Panzern niedergewalzt oder teilweise deren Insassen erschossen. Die skurrile Untermalung des Tötens mit Rockmusik aus den Achtzigern verdeutlicht die Absurdität dieses Krieges, womit sich auch auf die auf die Sinnhaftigkeit aller Kriege rückschließen lässt. Im Zentrum von Aris Interesse steht auch das Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila durch die libanesisch-christliche Phalange-Miliz, die die Ermordung des libanesischen Präsidenten Bachir Gemayel, rächen wollte. Wobei die Führung des israelischen Militärs, wie im Film dargestellt wird, dabei nichts unternommen hat, um das Massaker zu verhindern oder zu beenden. Ein Militärfunktionär schaut lieber Pornos, der damalige Oberbefehlshaber und spätere Verteidigungs- und Premierminister Scharon nimmt die Nachricht über Massaker von einem Journalisten zur Kenntnis und frühstückt gemütlich weiter, ohne im weiteren etwas in die Wege zu leiten. Eine große Stärke des Films: Palästinensische Hinterhalte gegenüber israelischen Soldaten, das libanesische Massaker im palästinensischen Flüchtlingslager, das Produzieren von inflationären „Kollateralschäden“ durch die israelische Armee und das Wegschauen der damaligen Armeeführung angesichts des Massakers –man hat den Eindruck, dass der Film neutral alle Aspekte beleuchtet, dabei aber ohne Weichzeichner brutal realistisch. Der Zuschauer merkt: Krieg ist aus allen Perspektiven betrachtet immer grausam und sinnlos. Er kennt nur Verlierer. Ari Folman hat mit "Waltz with Bashir" quasi eine Win-Win-Situation, in der sowohl er als Privatperson, als auch die Zuschauer profitieren, geschaffen: Er hat durch die Gespräche mit ehemaligen Kameraden seine Erinnerung zurückgewonnen, sich so selbst therapiert. Der Zuschauer wird hineingeworfen in die Welt des Nahen Ostens und des Kriegs. Man bekommt Lust, mehr über diese Region, deren komplizierte politische Lage und vor allem deren Menschen zu erfahren. Krieg wird jenseits von abstumpfendem täglichen Nachrichten-Overkill und Hollywood- oder Veteranen-Verklärung desillusionierend als das dargestellt, was es ist: Sinnloses Töten und Sterben.[i] Auf der nächsten Seite: Ein Interview mit den Berliner Produzenten von "Waltz with Bashir"[/i]


jetzt.de sprach mit den beiden deutschen Produzenten von "Waltz with Bashir" Roman Paul und Gerhard Meixner (Razor Film, Berlin) [b]Wie entstand die Idee zu dem Film? [/b] Gerhard Meixner: Es ist eine wahre Geschichte, die der Regisseur genauso selbst erlebt hat. Ari hat versucht auf diese Weise die Erlebnisse von damals zu verarbeiten. Die psychologische Hilfe, die ehemaligen Soldaten in Israel angeboten wird, hat ihm nicht weitergeholfen. Dass er sich an den Libanon-Einsatz nicht erinnern konnte, arbeitete er stattdessen durch Gespräche mit seinen ehemaligen Kameraden auf, in denen er sie nach den Erinnerungen an den Krieg und speziell auch seine Rolle dabei befragte. Im Film sieht man ausschließlich die erzählten Original-Geschichten und hört bis auf zwei Ausnahmen die Original-Stimmen aus den Gesprächen.

[b]Roman Paul[/b] [b]Wie seid ihr als Produzenten an Bord gekommen?[/b] Roman Paul: Der Regisseur Ari Folman hat in Israel mit dem Projekt angefangen und vor zweieinhalb Jahren ist er auf Empfehlung des israelischen Partners unseres Films „Paradise Now“, der von zwei jungen palästinensischen Selbstmordattentätern handelt, bei uns in Berlin vorbeigekommen und hat uns als Produzenten gewonnen. [b]Warum hat man sich für das Animationsformat entschieden? [/b] Roman Paul: Weil es in diesem Fall visuell einfach spannender ist. Die reinen Interviews als 90-minütiger Videofilm waren von der Optik her langweilig aber inhaltlich total spannend. Daher wurden in viereinhalb-jähriger Arbeit die dabei erzählten Geschichten gezeichnet und den Interviews, die den Rahmen des Films bilden, ergänzend hinzugefügt. Manche Schauplätze des Films gibt es zudem heute zum Teil in dieser Form nicht mehr. Außerdem wäre es unglaublich aufwendig und teuer gewesen, alles nachzuspielen. Vermutlich gar nicht machbar gewesen. [b]Wer soll mit „Waltz with Bashir“ angesprochen werden? Was könnte man als Botschaft des Films sehen? [/b] Roman Paul: Wir wollen ein möglichst breites Publikum erreichen. Und damit auch explizit ein junges Publikum. Das ja früh mit der Frage nach dem Wehrdienst konfrontiert wird. Der Film zeigt die Schrecken des Krieges und zwar in einer Form, die erstmal ganz unerwartet ist und einen das ganze Geschehen mit anderen Augen sehen lässt. Die emotional überwältigende Machart des Films bezieht sich auf die Faszination, die Krieg für junge Menschen haben kann. Zeigt, dass aber diese Faszination zum tödlichen Verhängnis werden kann. Kriegserfahrungen kann man, das zeigt der Film auch, sein ganzes weiteres Leben mit sich herumzutragen haben, das eigene Gewissen schwer belasten kann. Gerhard Meixner: In Kriegsfilmen im Kino wird Krieg oft heroisiert, verherrlicht. Auf der anderen Seite gibt es Fernsehbilder vom Krieg, die relativ abstrakt und trocken sind. Daher unendlich weit weg erscheinen. Beides ist nicht optimal für ein junges Publikum. Oft haben junge Leute deshalb denke ich eine völlig falsche Vorstellung von Krieg, die durch diesen Film geändert werden könnte, da man sieht, was Krieg in der Praxis anrichten kann In „Waltz with Bashir“ ist das ganz anderes. Man hat eine Hauptperson, die Schuld mit sich trägt, sich fragt wie weit sie selbst involviert war. [b]Was für Feedback gab es auf den ein schwieriges Thema aufgreifenden Film? [/b] Roman Paul: Die Resonanz bei den Filmfestspielen in Cannes, wo der Film Premiere hatte war überwältigend. Bei der Premiere gab es zehnminütige stehende Ovationen. In Israel läuft der Film mit großem Erfolg, ist Israels Wettbewerbsbeitrag für die Oscar-Verleihung in der Kategorie „Bester ausländischer Film.“ In Sarajevo etwa gab es das bemerkenswerte Reaktion, dass man sehr dankbar für den Film sei, da man selbst noch nicht in der Lage wäre, über den eigenen Krieg einen derart schonungslosen Film zu drehen, dass der Film dennoch sehr viel beim Zuschauer auslöse. Sean Penn war sehr angetan, auch Alexandra Maria Lara und ihr Freund Sam Riley waren begeistert.

[b]Gerhard Meixner[/b] [b]Vor „Waltz with Bashir“ hat Eure Firma Razor Film unter anderem „Paradise Now“, der palästinensische Selbstmordattentate thematisiert, produziert –hat ihr euch auf die Fahnen geschrieben Filme zu komplexen Themen zu machen –gerade zum Nahen Osten? [/b] Gerhard Meixner: Grundsätzlich haben wir nie vorgehabt einen Schwerpunkt im Nahen Osten zu setzen. Was wir immer wollten, war gute Filme zu machen, die etwas zu sagen haben, ohne, dass man den Zuschauern die Antworten mitservieren muss. Sondern Fragen aufwerfen, andere, neue Perspektiven eröffnen. Dass man sich als Zuschauer selbst Gedanken darüber macht, wie man das jeweilige Thema für sich verarbeitet. Roman Paul: Der Name unserer Firma sagt eigentlich schon sehr viel über unsere Prinzipien aus. Razor bedeutet Rasierklinge, Salvador Dalis Schnitt mit einer solchen durch das Auge einer Frau in „Ein andalusischer Hund“ schockiert. So sollen auch unsere Filme sein, aufrüttelnd, neue Aspekte beleuchten, auf keinen Fall langweilig sein. Zum Regisseur des aktuellen Films, Ari Folman hat sich eine enge Freundschaft ergeben. Auch bei seinem neuen Projekt, der Verfilmung des Romans „Der futurologische Kongress“ des bekannten polnischen Science-Fiction-Autors Stanislav Lem sind wir dabei. Übrigens wieder ein Animationsfilm.

Text: thomas-steierer - Illustrationen: Razor Film

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