In der vergangenen Woche fand in Haifa ein Wikipedia-Weltkongress statt, bei dem etwa 700 Teilnehmer über die Zukunft der Internet-Enzyklopädie berieten. Ein Ziel, das dabei auf der Agenda stand, war natürlich: mehr Qualität. Denn an dieser Stelle setzt noch immer der am häufigsten angeführte Kritikpunkt gegenüber Wikipedia an, verbunden mit dem gutgemeinten Ratschlag, doch besser noch in der Bibliothek oder Papas Bücherschrank nach einem richtigen Lexikon zu greifen. Aber da Wikipedia nun mal unsere erste Anlaufstelle ist, wenn wir nur mal kurz und grob etwas wissen wollen, und wir außerdem im analogen Brockhaus sicher nicht den Cast unserer Lieblingsserie finden, nimmt diesen Ratschlag kaum jemand mehr wahr, wenn er nicht gerade eine wissenschaftliche Arbeit schreibt. Also müssen wir uns darauf verlassen, dass die Wikipedia-Freiwilligen Qualitätssicherung betreiben.



Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit ist dabei, Artikel zur Löschung vorzuschlagen und die Löschkriterien zu überprüfen. Das Kriterium, das sicher zur Löschung führt, wenn ihm alle zustimmen, lautet: „Keine Relevanz erkennbar.“ Doch „Relevanz“ definiert dabei nicht jeder gleich und immer wieder kommt es zu wilden Disputen zwischen jenen, die auch noch den Artikel über die kleinste Straße für wichtig genug halten, um in die Enzyklopädie aufgenommen zu werden, und jenen, die strenge, sich an Lexika in der Bibliothek orientierende Auswahlkriterien als Maßstab anlegen. Das Kondensat all dieser Diskussionen könnte die Antwort auf die Frage sein, was heute im Internet relevant und was irrelevant ist. Um wenigstens einen kleinen Einblick zu gewinnen, haben wir für euch die skurrilsten Löschkandidaten der vergangenen Tage inklusive der interessantesten Diskussionsbeiträge zusammengetragen.

1. Bügelsex

Was steht drin?
„Bügelsex bezeichnet in der Mode- und Textilbranche die Attraktivität von Bekleidung, die in Verkaufsräumen gefaltet lagert oder am Kleiderbügel hängt.“ Soweit die Definition. Bügelsex hat, was auf dem Kleiderbügel attraktiv genug auf den Käufer wirkt, um ausgewählt zu werden, also keine Schaufensterpuppe als hübschen Inhalt braucht. Bügelsex kann man als findiger Verkäufer aber auch nachträglich noch erzeugen, indem man aus mehreren Kleidungsstücke im Regal ein bügelsexies Arrangement zaubert. (Anmerkung: Dieser Artikel hat die Diskussion nicht lange überstanden und wurde noch während der Arbeit an diesem Text, am 9. August um 14:27 Uhr gelöscht.)

Die Löschdiskussion:
In der Diskussion hielt man erwartungsgemäß mit schlüpfrigen Bemerkungen nicht hinterm Berg: „Ist das nicht eine Bezeichnung für einen Quickie während der Hausarbeit?“ lautete da eine Frage. Ein weiterer Benutzer meinte anmerken zu müssen, dass es doch eher dann zum Sex käme, „wenn die Holde auf Knien die Treppe mit der Bürste schrubbt“ und es daher „Treppenputzsex“ lauten müsse. Solche Beiträge lassen natürlich an der Seriosität der Qualitätssicherungs-Freiwilligen zweifeln, zumal es hier ja gar nicht um Sex im eigentlich Sinne, sondern um Sex als Synonym für Attraktivität geht. Der Versuch, diese „Assoziation mit Geschlechtsverkehr im Haushaltsmilieu“ als Daseinsberechtigung des Artikels hochzuhalten, musste zwangsweise scheitern. „Über ‚Bügelsex’ lässt sich kein enzyklopädischer Artikel schreiben“ lautet das letzte, vernichtende Urteil.

Unsere Empfehlung:
Die braucht’s nicht mehr, weil der Artikel schon gelöscht wurde. Schade, erschien das Prinzip doch wie etwas, von dem man sich wünscht, das es existiert: Eine eigene, bezaubernde Aura der Kleidung.




2. Liste: österreichische Lokomotiven mit Sonderlackierung

Was steht drin?
Ganze 64, na ja, österreichische Lokomotiven mit Sonderlackierung eben. Jede einzelne ist in mühevoller Kleinarbeit mit einem Fotobeleg-Link versehen, leider sind die Links aber meist entweder tot oder führen ihn ein obskures Eisenbahnforum, in dem man sich anmelden müsste, um die Bilder zu sehen, was man lieber sein lässt. Selbst wenn man schon gerne gewusst hätte, wie die Kinder-Kunstlok mit der Nummer 1044 282-0 aussieht, die 1999 ("Informationsstand ungewiss") in einem Zeichenwettbewerb zum Thema „Confetti" gestaltet wurde. Schlimmer als die 1116 250-0 zum Mozartjahr 2006 kann sie eigentlich auch nicht geworden sein.

Die Löschdiskussion:
Die Löschdiskussion verläuft geradezu Wikipedia-paradigmatisch: Die Meinungen sind gespalten, kryptischen Beleidigungen ("Fancruft der Pufferküsser") und Meckereien über Admin-Willkür ("Im Endeffekt entscheidet in dieser Lotterie einer der Administratoren.") werden ausgetauscht. User steindy urteilt "Klarer Fall von behalten" und verweist darauf, dass an der Gestaltung der Lokomotiven namhafte Designer beteiligt gewesen seien, bleibt die Namen dann aber schuldig. Verständlich, denn wäre man der Designer der Mozart-Lok, würde man auch lieber anonym bleiben. Fragwürdig ebenfalls, ob die bloße normative Kraft des Faktischen als Argument gegen die Löschung taugt: "Die Tatsache, dass diese Liste seit 2006 niemanden gestört hat sollte zum behalten reichen."

Unsere Empfehlung:
Sollte wohl gelöscht werden, nicht nur weil Österreich grundsätzlich ein Indiz für Irrelevanz ist, sondern auch weil es sich um die für klassische Sammelhobbys (Briefmarken) typische künstlich hergestellte Diversifikation handelt, die auf den Druck der Hobbyindustrie ("Einer der Hauptsponsoren ist der Modelleisenbahnhersteller Roco") zurückzuführen ist. Jedes Sonderexemplar muss dann manisch in Listen gesammelt werden von Leuten, die sonst nicht ruhig einschlafen können. Eine Löschung wäre höchstens traurig für den pensionierten Lokfahrer Walter, dem eine Lackierungen auf der roten Taurus 1116 085-0 gewidmet wurde: "Lieber Walter, 40 Jahre sind genug, heute fährst du deinen letzten Zug!" Letztlich sind aber wohl auch fünf Jahre Wikipedia-Eintrag "Liste österreichischer Lokomotiven mit Sonderlackierung" genug.





3. Windeltorte

Was steht drin?
Die Windeltorte kommt aus den USA und heißt dort selbstverständlich nicht Windeltorte sondern Diaper Cake. Eine Windeltorte entsteht, indem man zusammengerollte Windeln und anderen Utensilien, die man für die Pflege und gesunde Entwicklung eines Babys braucht, in Form einer Torte drapiert und das Ganze mit hübschen Bändern fixiert. Der Anlass ist, das irgendwo von irgendwem ein Baby erwartet wird und derjenige zwei Monate vor dem Geburtstermin eine Babyparty (engl. „Baby shower“) gibt – auch das ursprünglich eine amerikanische Tradition. Die Torten sind ein so beliebtes Geschenk für diese Partys, dass man sie mittlerweile auch einfach bestellen kann. Muss man aber gar nicht, wenn man den Weblinks folgt, die einen zur „Grundanleitung“ führen. Oder sogar zur Anleitung mit Video.

Die Löschdiskussion:
„Ohne Beleg, ohne Relevanz“ lautet die Löschbegründung für diesen Artikel. „Klar relevant, wo sollen wir denn sonst die niedlichen Fotos unterbringen, die im Urheber den Webshop bewerben???“, lautet ein Einwand, der sich wohl auf die Verlinkung des Shops unter dem nicht besonders fahrtüchtig wirkenden Windeldreirad in der Bildersammlung bezieht. Schließlich hat sich aber jemand daran gemacht, den Artikel zu bearbeiten, da die Torte nun mal „zigdrölfzigfach“ gebastelt und verschenkt werde und man sich doch immer noch besser bei Wikipedia als in bunten Magazinen darüber informieren solle. Ein gutes Ende, die Torte wird nicht gelöscht: Nach einer "dankenswerten Überarbeitung" könne man die Torte nun "sehr wohl behalten", lautet das Fazit.

Unsere Empfehlung:
Eigentlich ist ja schon entschieden, dass die Torte bleiben soll. Wir möchten das aber hiermit noch einmal bekräftigen, weil alles, was einem die Suche nach Geschenken für eine der tausend Partys, auf die man im Monat muss, erleichtert, viel wert ist. Und die niedlichen Bilder bleiben uns auch erhalten.




4. Binsfeld (Straße)

Was steht drin?
Natürlich muss in dieser Übersicht auch eine Straße vorkommen, denn Straßen sind das wohl bekannteste Trivial-Thema bei Wikipedia, da in fast jeder Nachbarschaft jemand haust, der irgendwann einmal meint, dem Weg, der ihn heimwärts führt, einen Enzyklopädieeintrag widmen zu müssen. Der Verfasser des Artikels über die Straße Binsfeld in Speyer hat sich aber wirklich besonders viel Mühe gegeben. Der Text liest sich ähnlich wie die Ansagen eines Navigationsgeräts, zusätzlich erfährt man, an welcher Stelle sich Feld- und Asphaltwege kreuzen oder wie man zum Angelverein kommt. Irgendwie macht er einem auch Lust, die Strecke einmal abzufahren, weil Landmarken wir „Sonnensee“, „Mondsee“ oder „Wildentenweg“ ein bisschen so klingen, als führe diese Straße geradewegs durchs Auenland. Der Abschnitt zum Ausbauzustand und die Galerie bei Gemischtwetter in Unterführungen oder zwischen geduckten Einfamilienhäusern aufgenommener Fotos zerstört diesen Eindruck allerdings sehr schnell wieder.

Die Löschdiskussion:
Schwappt zwischen absoluter Irrelevanz und Rettungsversuchen hin und her. Ein Lösungsansatz ist die Auslagerung „der acht Seen“ und der anderen Straßen im Artikel. Der in der Diskussion erwähnte „obskure Gänsedreckssee“ war da wohl betroffen, ist er doch im aktuellen Artikel nicht mehr zu finden. Ein gutmenschelndes Argument fürs Herz: „Es reicht, dass sich sich Leute näher interessieren, Artikel schreiben und andere finden, die den Artikel lesen. Wird er nicht gelöscht, dann wird er auch Leser finden.“ Vernichtendes Gegenargument: Da könne man ja auch einen Artikel zur eigenen Hauskatze schreiben, der dann wegen bestehenden Interesses zu behalten sei. Die Diskussion läuft noch, so wie auch das Binsfeld noch immer an den acht Seen entlangläuft.

Unsere Empfehlung:
Besser löschen, sonst setzt sich das Interesse-Argument durch, dem dann Artikel über Hauskatzen folgen. Außerdem ist das Binsfeld eben einfach nur eine Erschließungsstraße, die einen dahin führt, wo man hinmöchte, bestenfalls zum Mond- oder Sonnensee. Und weil man dort dann sicher ein Stündchen verweilt, wird man darüber auch gerne einen Wikipedia-Eintrag lesen.




5. Yvonne (Hausrind)

Was steht drin?
Kurz zusammengefasst: Es geht um eine Kuh, die, kurz bevor ihr der Weg zum Metzger drohte, von ihrem Hof ausgebrochen ist und sich seitdem auf der Flucht befindet. Was man in Anlehnung an Kurt Vonnegut mit neun Wörtern sagen könnte ("The cow jumped over the fucking fence"), tut der Artikel mit ganzen 278: Neben Rettungsversuchen, Gnadenhofangeboten, Medienecho und Facebook-Initiativen werden auch beinahe geschehene Ereignisse auf der Flucht referiert ("beinahe mit einem Polizeiauto zusammengestoßen"), sodass sich eine Gesamtsituation ergibt, die laut Artikel manche Medien zu der Einschätzung veranlasst, Yvonne "werde zu einem gesellschaftlichen und machtpolitischen Phänomen". Machtpolitisch gekrönt wird der Text durch ein an Pathos kaum zu übertreffendes Foto eines Hausrinds im Sonnenuntergang. Unterzeile: "Eine Kuh in Freiheit"

Die Löschdiskussion:
Nachdem die Forderung nach Änderung des Lemmas von "Yvonne (Kuh)" zu "Yvonne (Hausrind)" ("Kuh ist inkorrekt, steht ja auch für weibliche Hirsche, Wale, Elefanten und andere Säugetiere") durchgewunken wurde, mäandert die Diskussion zwischen scharfer Auseinanersetzung ("Du bist offensichtlich unfähig zu lesen, aber ich wiederhole es trotzdem gerne") und humoristisch gemeinter Kuh-Verehrung ("Lauf, Yvonne, lauf!"). Vor allem User der ΠΣΟ˚ verteidigt Yvonnes Relevanz vehement und ist sich auch für Grundsatzdebatten um die Ereignisontologie der letzten Monate nicht zu schade: Yvonne kann kein Sommerlochthema sein, denn "dieses Jahr ist ausnahmweise mal ziemlich Sommerlochlos - Die halbe Welt in Aufruhr, Amis derated, Fuckupshima, Breivik, Atomausstieg usw usf". Das kann man wie User Voyager natürlich auch genau andersherum sehen: "In London brennt ein ganzer Stadtteil, aber irgendein Viech aus Deutschland hat natürlich Vorrang." Wobei "Yvonne (Viech)" sicherlich weder ein nettes noch ein korrektes Lemma wäre.

Unsere Empfehlung:
Zum jetzigen Zeitpunkt schwierig zu entscheiden. Wird die Kuh bald gefangen oder abgeschossen, kann sie auch gelöscht werden. Setzt sie sich erfolgreich ins Ausland ab, müsste sie wohl drinbleiben oder zumindest wieder aufgenommen werden ("Wenn die nächstes Jahr noch rumläuft, können wir in die Löschprüfung gehen"). Geschichte wird eben von den Siegern geschrieben.



6. Analinhalation

Was steht drin?
Es geht um die besondere Fähigkeit renommierter Kunstfurzer, durch ihren Anus Luft auch einzusaugen. Dem Kunstfurzen können sie dadurch auch dann noch nachgehen, "wenn", wie im Artikel zu erfahren ist, "einem die natürlichen Reserven ausgehen". Technisch explizit werden dann die verschiedenen Stellungen beschrieben (Rücken-Stellung, Knie-Stellung, Ecken-Stellung), die Analinhalation ermöglichen. Auch die Notwendigkeit eines sogenannten Vorfurzes wird erläutert. Beruhigend wenigstens: "Abwinde, die durch Analinhalation hervorgerufen werden, sind gewöhnlicherweise geruchlos, weil diese hauptsächlich Luft und sonst keine anderen Gase enthalten."

Die Löschdiskussion:
Die Löschdiskussion verläuft vorbildlich sachlich, Ausfälle von pubertärem Humor sind nicht zu beobachten. Einzig der Artikelersteller scheint etwas uneinsichtig, entgegen entsprechender Wikipedia-Richtlichen entfernt er ständig den Löschantrag wieder. Aber was will man schon erwarten von Leuten, die Einträge zu Pupsen schreiben! Diskutiert wird, ob die entsprechenden Informationen nicht in den bereits existierenden Einträgen zu "Flatulenz" oder "Kunstfurzer" besser aufgehoben sind. Im Zusammenhang mit der Darstellung der physiologischen Vorgänge wird auf das wichtige Wikipedia-Grundprinzip "Keine Theoriefindung" hingewiesen: Wikipedia diene "der Theoriedarstellung, nicht der Theoriefindung (TF; engl. original research (OR)) oder Theorieetablierung. Aussagen, die nur auf persönlichen Erkenntnissen der Wikipedia-Autoren basieren, gehören nicht in die Artikel."

Unsere Empfehlung:
Unbedingt behalten, weil es sich um einen Artikel aus der Kernkompetenz der Wikipedia handelt: Wissen, von dem man betrunken auf Partys erzählen kann. 



Text: nadja-schlueter - und lars-weisbrod; Bild: Screenshot Wikipedia