Da ist einer fort: "Moresukine" - eine gezeichnete Reiseerfahrung aus Japan

Da geht jemand lange fort, in ein fremdes Land, auf einen anderen Kontinent – und natürlich muss er zwingend davon berichten, das geht gar nicht anders, die Fotos müssen bei flickr rein und die Gedanken in den Reise-Blog und die Impressionen in seitenlange Sammelmails, denn: Da ist jemand fort.
roland-schulz

Da geht jemand lange fort, in ein fremdes Land, auf einen anderen Kontinent – und natürlich muss er zwingend davon berichten, das geht gar nicht anders, die Fotos müssen bei flickr rein und die Gedanken in den Reise-Blog und die Impressionen in seitenlange Sammelmails, denn: Da ist jemand fort. Und das allein, das Woanders-Sein, genügt offenbar, um sich in der Pflicht zu fühlen, von der weiten, weiten Welt zu erzählen, selbst wenn dabei nur Dünnschiss aus der Ferne herauskommt: Wer weg ist, muss wie im Zwang berichten, und zwar meistens, wie es „nun wirklich ist“. Das ist schrecklich, weil in der Flut der Reiseberichte selbstberufener Auslandskorrespondenten die jener Menschen untergehen, die es schaffen, wahrhaftig von der Welt da draußen zu berichten – ehrlich, anders, echt.

Ein Origami-Drache, gezeichnet von Dirk Schwieger Dirk Schwieger war fort, in Japan, als Übersetzer in einer Software-Firma, und auch er wollte berichten. Aber anders. Also stellte er sich auf seinem Tokyoblog selbst zur Verfügung: „Hier mein Angebot: Dies ist Tokyo – vielleicht habt ihr von einem Ort gehört, den ich aufsuchen sollte oder ihr kennt eine Person, die ich versuchen sollte zu treffen oder aber euch interessiert ein Thema, das auf irgendeine Weise mit meiner neuen Heimatstadt zu tun hat. Schreibt einfach, und ich wird es tun, ohne groß Fragen zu stellen, ob es mir nun gefällt oder nicht.“ Fast sechs Monate ging das dann so, Menschen stellten Dirk Schwieger Aufgaben, Woche für Woche, er erfüllte sie und dann gleich nochmal – mit Leben. Er zeichnete, was er erfuhr und erlebte. Er isst den giftigen Fisch Fugu, sucht nach Cosplayern oder schläft in einem Kapsel-Hotel. Das alles hat man vielleicht schon einmal gesehen, in einer Sehnsuchts-Show im Fernsehen oder einer Hochglanz-Reisereportage, aber bei Dirk Schwieger ist es anders. Obwohl er jede Woche eine neue Aufgabe zu zeichnen hatte, zeichnet er in sorgfältigem Schwarz-Weiß, das Einzelheiten groß macht und nebenbei alle Möglichkeiten ausnutzt, die Comics bieten: paralleles Erzählen, wenn er Bild an Bild nebeneinander Sushi und Natto isst, ein schleimiges, aus fermentierten Soja-Bohnen bestehendes Gericht, übergroße Seiten füllende Zeichnungen, wenn es um das Verhältnis der Geschlechter in Japan geht, kleine Panels beim Besuch von „Enjo Kosai“, dem „Bezahlten Dating“, eine Art Soft-Prostitution.

Ein japanischer Waldgeist, gezeichnet von Dirk Schwieger Das macht Spaß zu sehen – aber richtig schön sind Schwiegers Zeichnungen, wenn er unbekanntere Dinge probiert in Japan: den „Para Para Trance Dance“, bei dem eine ganze Disco zum Refrain eines Liedes die gleichen Tanzbewegungen vollführt, ein Besuch bei einem Schwertschmied, der in der 24. Generation Samuraischwerter schmiedet, eine Achterbahnfahrt auf einem Hochhausdach. Das sind wahre Reiseberichte: Sie öffnen die Augen für das Fremde, was einem danach wenigstens ein bisschen vertrauter erscheint, selbst wenn es fremd bleibt. Am Ende weiß man sogar, wie es klingt, wenn ein Erdbeben an der Saite zupft, die dein Lebensfaden ist – es ist ein markerschütternder Basston, der allen Lärm in Tokyo verschlingt. ---------------- Moresukine – Wöchentlich aus Tokyo“ von Dirk Schwieger, 160 Seiten, 16 Euro. Erschienen bei Reprodukt (Abbildungen aus dem besprochenen Band)

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