Ich erinnere mich, wie mir ein Kumpel in der zehnten Klasse zum ersten Mal von der Musterung erzählte. Tim wusste von älteren Freunden: „Du gehst da hin und da fasst dir ein Arzt dann an die Eier und du musst zwei Mal husten.“ Niemand konnte mir sagen, wozu das gut sein sollte.

Zwei Jahre Jahre später kam dann der Musterungsbescheid. Im Kreiswehrersatzamt Braunschweig solle ich mich einfinden, der Staat wolle meine Wehrtauglichkeit überprüfen, hieß es. Allerdings war ich mir zu diesem Zeitpunkt bereits sicher, dass ich nicht zur Bundeswehr will. In einer Kaserne eingesperrt sein, sich rumkommandieren lassen und womöglich noch mit einer Waffe auf andere Menschen losgehen müssen? Nicht mit mir, dachte ich damals. Andererseits waren die Vorurteile, die in unserem Jahrgang zum Zivildienst kursierten auch nicht besser. Wollte ich alte Leute im Pflegeheim betreuen und Windeln wechseln? Am Besten, dachte ich, ist es, wenn du einfach ausgemustert wirst. Und mit dem Gedanken war ich mir mit den Jungs in meiner Stufe bis auf wenige Ausnahmen einig. Nur, wie sollte man das bewerkstelligen? „Kein Problem“, sagte Ingo, der die elfte Klasse wiederholte und das Prozedere schon hinter sich hatte. „Ich hab beim Hörtest des linken Ohrs einfach nicht reagiert. Deswegen glauben die jetzt, ich wäre halb taub. Bin ausgemustert.“ Mein Freund Florian hatte eine andere Methode parat: „Beim Kniebeugen einfach Luft anhalten. Das sieht wie ein Kreislaufproblem aus.“ Na gut, dachte ich und fuhr am nächsten Tag mit einem leicht flauen Magen nach Braunschweig. Die Straße, die zum Kreiswehrersatzamt führte, war voller Schlaglöcher. Das Amtsgebäude selbst sah so aus, als sei es seit den 1950er Jahren nicht mehr renoviert worden. Ein zweigeschossiger Betonbau, grau und lieblos. Das Personal am Empfang schickte mich in den Wartesaal 4, einen finsteren Raum mit zwei hohen Fenstern, vor denen eine voll belaubte Eiche stand. Mit mir warteten acht andere junge Männer. Zunächst Schweigen, dann fragte jemand: „Habt ihr irgendeine Methode, wie man sicher ausgemustert wird?“ Sofort aufgeregte Diskussion. Luft anhalten, bei der Gleichgewichtsübung ständig umfallen, sich bei allen Test unglaublich dämlich anstellen – nein, letzteres vielleicht doch lieber nicht, dachten wir: Womöglich wäre man dann nämlich auch noch "bestens geeignet" ... Ein Junge mit braunen Haaren und zerrissenen Hosen warf schließlich in die Runde: „Ich sag einfach, dass ich seit Jahren regelmäßig kiffe. Leute, die Drogen nehmen, wollen die doch auf keinen Fall haben.“ Ein super Plan, fand ich und plante, das genauso zu machen. Siegesgewiss und selbstbewusst betrat ich die Räume des Musterungsarztes. Der begrüßte mich müde mit einem schlaffen Händedruck ohne mir in die Augen zu schauen. Alles an ihm teilte mir mit, dass das hier für ihn langweilige Routine war. Erst der Fragebogen. "Nehmen sie Drogen? Kokain, Opiate, Marihuana, Haschisch?" - "Marihuana und Haschisch, bestimmt zwei Mal die Woche", sagte ich. Das kam mir damals unglaublich viel vor. Ich fand mich direkt drogensüchtig. Der Arzt verzog keine Miene. Während ich mit angehaltenem Atem so schnell ich konnte meine vierzig Kniebeugen absolvierte, wurde mir fast schwarz vor Augen. Puls 145 maß der Doktor und vermerkte es teilnahmslos im Musterungsbogen. Dann Hörtest. Ich sollte in einer kleinen Kabine Platz nehmen und einen Kopfhörer aufsetzen. Zuerst die rechte Seite. Brav drückte ich den Knopf, sobald ich das Signal ertönte. Dann linke Seite. Es tat weh im Ohr aber ich hielt tapfer durch und drückte erst als das Signal wirklich laut war. „Spinnt ein bisschen zurzeit, das Gerät“, sagte der Arzt als ich fertig war und deutete auf den Hörtest. „Hmmm“, erwiderte ich und zuckte mit den Schultern. „Kann aber auch daran liegen, dass ich auf der einen Seite ein bisschen schlecht höre“, versuchte ich mein schlechtes Ergebnis zu retten. „Nein, nein, mit Ihnen ist alles in Ordnung. Das hatten wir schon ein paar Mal heute mit dem Gerät. Werde mal 'nem Techniker Bescheid geben“, ließ sich der Arzt nicht beirren. Mist, dachte ich. Ingos Methode hatte sich offenbar herumgesprochen. Dann zog sich der Arzt ein paar Einweghandschuhe an. „So, Herr Haug, ziehen Sie sich doch jetzt bitte mal die Hose aus.“ Irgendwie entwürdigend, fand ich. Ich hustete brav, während er Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand in meine Leiste drückte. Danach war die Musterung vorbei. „T2“, befand der Arzt. Mit geringen Einschränkungen tauglich. Hmpf. Draußen im Flur saß der Kollege mit der löchrigen Hose, blickte auf seinen Musterungsbogen und wunderte sich. „Bin T2, alles total normal, aber warum darf ich keine Fahrzeuge fahren?“ Ich schaute daraufhin auf meinen Bogen und sah, dass sie auch mir das Fahren verboten hatten. Er ging noch mal hinein. Fünf Minuten später war er wieder da. „Hast du auch gesagt, dass du kiffst?“ „Ja“ sagte ich. „Gut, dann kannst du dir jetzt auch eine Stelle besorgen, bei der du deine Arbeit schön zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen kannst.“ Ärgerlich, dachte ich mir. Mein eher lahmer Versuch, ausgemustert zu werden, schränkte jetzt die Wahl meiner möglichen Zivildienststellen ein. Etwas geknickt verließ ich das Amt und formulierte im Kopf schon an meinem Verweigerungsschreiben. Später stellte sich heraus, dass die Untersuchungsprozedur vor Antritt meiner Zivildienststelle wiederholt werden muss. Mein Glück. Ich redete diesmal nicht übers angebliche Kiffen und habe dadurch einen Job in einem heilpädagogischen Kindergarten bekommen, wo man die Kinder manchmal mit einem Bulli nach Hause bringen musste. Das Zivildienstjahr war dann übrigens super. Ein Glück, dachte ich hinterher, ein Glück, dass sie mich damals nicht ausgemustert haben.

Text: clemens-haug - Illustration: Alper Özer