Das Internet verändert die Welt ja superschnell. Da ist es kein Wunder, dass viele Internetmenschen auch gleichzeitig Nostalgiker werden. Sie gründen Blogs, in denen Kinderbilder von früher nachgestellt werden. Sie gründen Webseiten, auf denen man sein Foto zum High School Yearbook-Foto transformieren kann. Und wir haben auch auf jetzt.de schon häufig der Musikkassettennostalgie gefrönt. Alles was man anfassen kann macht Spaß, wenn man so oft nur im Computer all die Sachen sieht, die man theoretisch anfassen kann oder konnte. Außerdem gilt diese Regel: Je mehr Neues zur Tür reinkommt, desto mehr zieht man sich in sein geistiges Kinderzimmer zurück, weil es da, denkt man, noch warm und angenehm ist. Die Meldung, dass in Indien gerade eine Firma die angeblich weltweit letzten 500 Schreibmaschinen produziert hat, inspirierte vorhersehbarer Weise allerhand Leute zu allerhand Nachrufen auf das Zeitalter der Schreibmaschine. Dabei stimmt’s gar nicht. Gawker hat’s nachgeschaut: Käsequatsch, die Meldung. Die Schreibmaschine sei so lebendig wie eh und je. Und alles, was man im deutschen Teil der Welt am 26. April des Jahres 2011 darüber herausfinden kann, spricht dafür, dass es der Schreibmaschine noch recht okay geht.



Einer der einst größten Schreibmaschinenhersteller Deutschlands zum Beispiel, die Firma Triumph-Adler, beendete 1998 die eigene Fertigung von Schreibmaschinen in Frankfurt-Griesheim, danach übernahmen Vertragspartner in Tschechien und Indien die Produktion. 2003 verkaufte Triumph-Adler die Schreibmaschinensparte an die Firma Bandermann, die seitdem zwei Modelle für 180 Euro beziehungsweise etwa 500 Euro vertreibt.* Kaufen kann man sie bei deutschen Büroartikelversandhäusern. Beim Büromarkt Böttcher zum Beispiel gibt es außerdem auch Maschinen von Olympia oder Brother. Die nette Frau am Bestelltelefon kennt zwar nicht die genaue Herkunft der Tastendinger, schickt sie aber nach eigenen Angaben noch ziemlich häufig ins Land. 

Der Autor und Historiker Frank Lämmel macht sich gerade in München daran, die Historie der Schreibmaschine für ein Buch aufzuschreiben. Er hat unter anderem schon die Firmengeschichte von Triumph-Adler geschrieben und sagt, als er die Meldung von den letzten Schreibmaschinen liest: „Das ist ein Schmarrn.“ Niemand kennt nach Lämmels Wissen die genauen Zahlen zur aktuellen Produktion oder zum Verkauf von Schreibmaschinen. Der Markt ist nicht mehr besonders groß, die Verkaufszahlen in Deutschland dürften im Zehntausenderbereich liegen. „Aber soweit ich weiß“, sagt Frank Lämmel, „werden zurzeit wieder verstärkt Schreibmaschinen verkauft.“ Der Historiker findet es verblüffend, dass, nach einem dicken Einbruch in den Neunzigern, die überkommene Form der Textproduktion wieder in Mode zu kommen scheint. Lämmel glaubt an verschiedene Gründe für das anhaltende Interesse. Für Leute, die immer noch keinen Internetanschluss oder, schlimmer, keinen Zugang zum Stromnetz hätten, seien die Maschinen nach wie vor das Schreibmittel der Wahl. (Zumindest, wenn es keine elektrischen Ausgaben sind.) „Und die nachwachsende Generation, die noch nie auf Schreibmaschinen geschrieben hat, findet es vielleicht interessant, die Maschinen zu entdecken“, sagt Lämmel. Anhaltspunkte dafür gibt es. 

Die Trendpublizisten von der New York Times haben Ende März über das neue erwachte Faible der Amerikaner für Schreibmaschinen geschrieben. In dem Text ist von „Type Ins“ die Rede, bei denen sich Menschen treffen, um persönlich ihre Finger auf einer guten alten Schreibmaschine zu kräftigen. Es gibt Probanden, die sich über die Fokussierung freuen, die in ihrem Kopf stattfinde, während sie schreiben. Es gibt Leute, die sich freuen, weil man es bei der Schreibmaschine mit einer echten Sache zu tun habe und es gibt Leute, die glauben, dass der entscheidende Unterschied zwischen Computer und Schreibmaschine die Tatsache sei, dass man bei der Maschine vor dem Schreiben nachdenken müsse.  

So geht der 26. April 2011 mit der guten Nachricht zu Ende, dass es immer noch Wege gibt, das Entstehen von Worten und Sätzen auf Papier aus eigener Hand erlebbar und, sehr wichtig: hörbar zu machen. Und es gibt Wege, das Alte und das Neue angemessen zu verschmelzen. Hier das nicht mehr ganz taufrische aber nette Beweisvideo:

http://www.youtube.com/watch?v=EozwYbMTtS0

* Anmerkung: Einige Infos wurden am 27. April auf Hinweis von Frank Lämmel ergänzt.


Text: peter-wagner - Foto: spacejunkie / photocase.com