Das finnische Rückgrat

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Wir hatten uns das anders vorgestellt: Eineinhalb Stunden vor Abfahrt der Rosella nach Tallinn sitzen mein finnischer Freund Andy und ich ganz allein in der sterilen Wartehalle der Viking-Linie im Hafen von Helsinki. Mir kommen Zweifel, ob diese Überfahrt nach Tallinn tatsächlich eine „Party auf den Wellen“ werden würde, wie es Viking im Internet versprochen hatte. Eine Fährfahrt über die Ostsee mit dem Nachtschiff, dazu billiger, weil zollfreier Alkohol und hübsche Skandinavierinnen in der schiffseigenen Disko. Ein verführerisches Versprechen. Eine dreiviertel Stunde später müssen wir die neonröhrenbeleuchtete Realität akzeptieren. Zwar wird es voll werden auf der Rosella. die Passagiere drängeln sich inzwischen in der Wartehalle. Doch offensichtlich haben sich heute Abend nur ältere Noch-Mobile entschlossen, über die Ostsee zu schwofen. Grob taxiert liegt der Altersschnitt bei Mitte 50. Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, früh ins Bett zu gehen und rede mir ein, dafür dann mehr von Estland zu haben. Stattdessen sollte mich eigentlich wundern, dass etliche ältere Passagiere bereits in der Wartehalle Halbliterbecher Bier in der Hand halten. Als die Schiffstüren geöffnet werden, stürzen die Alten Richtung Gangway, als reiche der Getränkevorrat an Bord nur für die ersten Hundert.

Auf dem Sonnendeck Nach längerer Suche finden wir unsere Kabine an einem dem Fahrpreis von 51 Euro für Hin- und Rückfahrt angemessenen Ort: Die sechs Quadratmeter mit Waschgelegenheit sind unter dem Autodeck, aber über der Schiffsschraube versteckt. Dem Geräuschpegel nach zu urteilen ziemlich genau über der Schiffsschraube. Ich verabschiede mich wieder von der Idee einer längeren Nachtruhe. Im Aufzug macht ein kleines Schild klar, dass die Rosella schon etliche Seemeilen auf dem Buckel hat. 1979, steht dort, wurden die Lifte eingebaut und Andy fällt ein, dass er schon mal an Bord war. Anfang der Achtziger, mit seinen Eltern zum ersten Mal nach Stockholm. Besonders beruhigend ist das nicht, schließlich war damals weder die Herald of Free Enterprise in der Nordsee abgesoffen noch die Estonia vor Finnland gesunken. Die gehörte auch mal Viking. Der Schiffsbau hat sich seit den Unglücken weiter entwickelt, Rosella ist immer noch im Dienst. Das liegt auch daran, dass gerade die östliche Ostsee eine Hauptstraße des europäischen Fährbetriebs ist. Beim Blick über die Reling sind ständig andere Schiffe in Sicht, wir werden allein von drei schnelleren Fähren überholt. Von der Einsamkeit des Meeres ist nichts zu spüren, unendliche Weite findet hier auch niemand: Kaum verschwindet die eine Küste hinter dem Horizont, taucht vor dem Bug die andere schemenhaft auf. Dutzende Schiffe fahren zwischen Skandinavien und dem Baltikum, Stockholm, Helsinki und Tallinn werden mehrmals täglich angelaufen. Wer möchte, fährt nach dem Frühstück nach Tallinn und ist zum Abendessen wieder in Helsinki. Geschäftsleute nutzen schnelle Katamarane. Schiffe der Rosella-Klasse bieten Economy ohne Schnickschnack für Touristen – und Alkoholkäufer. Das Rückgrat der finnischen Arbeiterklasse Zehn Minuten nach dem Ablegen, während die Fähre ihren Weg durch Helsinkis Schären aufs offene Meer findet, bildet sich vor dem Duty-Free-Shop der erste Stau. Die vollen Regale sind für viele zu verlockend, als dass sie bis zur Rückfahrt mit dem Einkauf warten könnte. Das Prunkstück des Angebots: Zehn Halbliterplastikflaschen Koskenkorva im praktischen Tragekarton für 59 Euro. Kossu nennen die Finnen ihr Nationalgetränk liebevoll, Andy spricht später an der Bar von dem „Rückgrat der finnischen Arbeiterklasse“. Streng genommen kein Wodka, weil Koskenkorva nicht mit Aktivkohle gefiltert wird, fließt der Schnaps jedes Wochenende hundert- und tausendfach durch finnische Kehlen. Kossu gehört inzwischen zum nationalen Klischee, manchmal mit tödlichem Ausgang: Nach jedem Mittsommerfest, Finnlands größtem Feiertag, werden die Ertrunkenen gezählt – Sauna, Koskenkorva und der Sprung ins kalte Wasser kosten jedes Jahr Leben. Diesen Juni zählten finnische Zeitungen am Morgen danach 13 Ertrunkene, Verkehrstote und Erschossene zusammen, das Boulevardblatt Iltasanomat sprach in Anspielung auf das heidnische Mittsommererbe von Menschenopfern an Donnergott Ukko.


Der Alkoholgenuss generiert einen Kreislauf, von dem sich ein Teil im Duty-Free der Rosella abspielt: Aus Sorge um ihre Gesundheit zwingt die Regierung die Bürger, Alkohol, mit hohen Steuern belegt, in staatlichen Alko-Läden zu kaufen. Weil es dort teuer ist, sind Fährfahrten äußerst beliebt, vor allem nach Tallinn: Einkauf auf der Hinfahrt, Einkauf in Estland (dort ist Alkohol ebenfalls viel billiger), Einkauf auf der Rückfahrt. Ein untersetzter Mittdreißiger im T-Shirt der finnischen Monsterrocker Lordi wird auf der Rückfahrt drei Zehnerträger Kossu, gestapelt auf diversen Bierkartons auf einem Handkarren von Bord ziehen. Es ist, als trüge der Münchner die Hellen in Maßkrügen von der Wiesn heim. Weil aber so der Alkoholkonsum nicht sinkt, soll die Steuer bald wieder erhöht werden. Gerüchten zufolge gibt es dann auch Bier nur noch im Alko. Die Reeder freuen sich.

Der Schiffsmotor läuft die ganze Nacht, auch wenn das Schiff gar nicht fährt Ab halb elf steht Minna auf der Bühne des kleinen Tanzclubs an Bord. Die Plakate auf den Schiffsfluren, auf denen seit der Abfahrt Kinder ihre Eltern anbetteln, doch endlich Eurostücke in die Spielautomaten zu schmeißen, kündigen sie als Minna Sirkiä & Solaris an. Minna ist Anfang Zwanzig und singt Soul und Schlager aus den Siebzigern. An der Theke gibt es die Bier-Jägermeister-Kombination für sechs Euro. Ein tolles Schnäppchen für finnische Verhältnisse, trotzdem geht Lonkku besser. Noch eine Abkürzung und entsprechend beliebt: Lonkku ist kurz für lonkero, das finnische Wort für Long Drink und eine dünne Mischung aus Gin und Grapefruitsaft. Wir bestellen eine Runde und finden einen freien Tisch. Der Laden ist voll, die Diskolichter funkeln. Minna füllt die Tanzfläche, ihr Keyboarder sieht aus wie Giorgio Moroder und die von mir bisher bespöttelten Senioren tanzen mit erstaunlicher Ausdauer Lied um Lied. Pause machen sie nur, um Lonkku oder Bier zu holen. Dann tanzen sie weiter. Rosella ist eine Partyfähre – wir sind nur zu jung für die Feier. Udo Jürgens auf Finnisch Gegen Mitternacht macht die Fähre an Tallinns Hafenmole fest, den Rest der Nacht ankert sie, während es an Bord weitergeht. Mittlerweile ist es in der Disko leerer geworden, ein Sturzbetrunkener, der eben noch Minna zugejubelt hatte, schlägt der Länge nach auf die Tanzfläche, rappelt sich wieder auf und torkelt Richtung Spielautomaten. Alkohol-Slapstick. Auf einem Sessel vergräbt sich ein nicht mehr ganz taufrisches Pärchen in seiner neu oder wieder gefundenen Lust. Nebenan, in der Karaoke-Bar, ist die Stimmung noch nicht mal auf dem Höhepunkt. Die Sängerinnen und Sänger steigern sich von Lied zu Lied und wenn sich niemand aufdrängt, greift sich der Barkeeper das Mikrofon. Zwei Mal muss er einspringen, ansonsten finden sich genügend Freiwillige, um langsame, traurige Lieder mit Tangomelodie vorzutragen. Als einziger ausländischer Interpret steht Udo Jürgens zur Wahl. Eine füllige Seniorin singt sein „Warum nur, warum“ auf Finnisch. Nach jedem Song gibt es lauten Beifall, der nächste Titel ist dann noch trauriger. „Finnen haben traurige Seelen“, sagt Andy nach dem letzten Bier. Um halb drei steigen wir in den Fahrstuhl Richtung Kabine. Neben dem 1979-Schild verspricht ein anderes eine Sauna auf unserem Deck. Ein bisschen fühlen wir uns nach Mittsommer, suchen, aber finden sie nicht. An der Information erfahren wir: Die Sauna ist vor Jahren stillgelegt worden. Wir zwängen uns in die Sechsquadratmeterzelle. Der Schiffsmotor läuft die ganze Nacht. Morgens um sieben quälen wir uns von Bord. In der Schlange vor der Passkontrolle sehe ich die Gesichter von der Tanzfläche und aus der Karaokepinte. Die alten Finnen wirken fit. Sie freuen sich auf die Rückfahrt. christoph-becker

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