Das große Abrissparty-ABC

Vom phänomenalen Missverständnis aller Abrisspartys ("Aber... das ist doch gar keine Abrissparty") bis Z wie "Zerstörungswut" - hier erfährst du alles übers richtige Ausrasten bei der letzten Party in einem alten Gebäude.
charlotte-haunhorst

"Aber... das ist gar keine Abrissparty !"
Hysterisch ausgesprochener Satz, der an diesem Abend noch sehr oft fallen wird. Oft verbunden mit Tränen, wenn die erste Person trotzdem zum Wand einschlagen ansetzt. Bei den meisten Abrisspartys handelt es sich nämlich um ein phänomenales Missverständnis: Eigentlich zieht nur jemand um, was die Gäste zum Anlass nehmen, die Wand einzuschlagen. Man darf ja sonst so selten ausrasten. Der Gastgeber bleibt bei all dem der Leidtragende -  am Ende hat er leider weder Fenster noch Geschirr mehr.



Bushaltestellen-Bekanntschaft, die
Phänomen, das in der Umgebung von Abrisspartys besonders häufig auftritt. Grund: Die Informationen über Ort und Location sind meist spärlich, die Angereisten oft ortsunkundig. Sie werden also gehäuft nach dem Weg fragen müssen. Weißt du nix von der Party, solltest du dringend zwei Dinge tun: Möglichst selbstbewusst das Codewort verlangen und dann mitgehen. Weißt du von der Party und hegst Sympathie für den Veranstalter: abwimmeln! Je loser sie mit dem Gastgeber bekannt sind, desto eher werden sie zu Xenoglossie, Unfall oder Wand einschlagen neigen.

Codewort, das
Weil eine Abrissparty nie eine professionell organisierte Party ist, gibt es natürlich auch keine Türsteher. Damit man sich trotzdem ein exklusives Gefühl geben kann, hat sich irgendwer ein albernes Codewort wie „Ding, dong, die Hexe ist tot“ ausgedacht, das alle an der Tür aufsagen müssen. Wer es nicht kennt, darf  trotzdem rein.

Drinnen Rauchen
Ist natürlich erlaubt. Auch unter der Dusche, wenn’s jemand schafft.



Edding, der
Wird zu später Stunde von einem meist gut angetrunkenen Partygast hervorgezogen, der in die Runde brüllt „jetzt taggen wir“. Am Ende des Abends sind dann alle Wände mit Smileys, Liebesschwüren oder einem besoffenen „wir wahren hier“ verziert. Weint der Gastgeber am nächsten Tag das legendäre Aber das ist doch keine Abrissparty -Geweine kann sich natürlich keiner mehr daran erinnern, „Egal wie dicht du bist, Goethe war Dichter“ an die Wand geschmiert zu haben.

Ferantwortlicher
Wie der Verantwortliche, nur viel, viel betrunkener.

Gedenkstein, der
Abriss bedeutet auch Abschied. Dementsprechend ist die Party auch Anlass, um sentimental zu werden. Das Ganze gipfelt darin, dass irgendjemand auf die Idee kommt, den beim Wand einschlagen entstandenen Schutt mit nach Hause zu nehmen – „zur Erinnerung“.



Handy, das
Das wichtigste Kommunikationsmittel an diesem Abend. Da die Party entweder illegal ist oder man nur mit Codewort reinkommt, rufen einen andauernd verzweifelte Menschen an, die fragen „Wo genau ist das jetzt?“. Da es über die genaue Adresse der Location auch nur Gerüchte gibt, hängt jemand also den ganzen Abend am Telefon und navigiert Fremde durch die halbe Stadt, die es am Ende aber trotzdem nicht finden.

Illegal
Der Reiz an jeder Abrissparty. Meist gehört das Gebäude keinem der Anwesenden, man zerstört also Fremdeigentum. Oder aber, das Gebäude wird gar nicht abgerissen und in irgendeiner Facebook-Gulliparty-Gruppe hat jemand den Ort für eine Pseudo-Spontansause vorgeschlagen. Es ist somit relativ wahrscheinlich, dass an diesem Abend noch die Ordnungshüter auftauchen werden und du unauffällig verschwinden solltest.



"Jaja, wir regeln das schon!"
Standardsatz, wenn die Ordnungshüter auftauchen, meist ausgesprochen von einem...

Klugscheißer, der
Person, die eigentlich nichts mit der Party zu tun hat, aber mal ein Semester Jura studiert hat und deshalb die Polizei gerne noch über ihre Rechte belehrt ("Sie dürfen die Anlage gar nicht mitnehmen" oder "Weisen Sie sich erst mal aus"). Mit gestiegenem Alkoholpegel gibt er sich auch gerne als Anwalt des Veranstalters aus.

Lokus, der
Ort, an dem du dich bei einer Abrissfeier auf keinen Fall aufhalten solltest. Zum einen, weil dieses Gebäude eh den Bach runtergehen wird, dementsprechend hat hier auch seit Wochen niemand mehr geputzt. Zum anderen, weil, wenn dies keine Abrissparty ist, der Gastgeber oder die Gastgeberin sich hier weinend verkriechen wird. Wenn du mit ihm/ihr Freundschaft schließt, wirst du später ziemlich sicher als Zeuge für den ganzen Vandalismus rangezogen und musst vielleicht auch noch einen Meineid leisten, weil du verschweigst, dass du eigentlich den Computer aus dem Fenster geschmissen hast.

Mist, der Alkohol ist leer
Die mangelnde Organisation der Party macht sich spätestens bei der Alkoholbeschaffung bemerkbar. An das gestreute Motto „Jeder bringt was mit“ hat sich natürlich niemand gehalten und somit sitzen alle kurz vor Mitternacht auf dem Trocknen oder begnügen sich mit ekeligen Mischungen wie „Wodka-Leitungswasser“. Am Ende kommt jemand auf die Idee, noch zwei Sixpacks von der Tanke zu holen, die dann aber leider vom Gepäckträger fallen und einen Großteil der Gruppe dazu bewegen, frustriert in eine Kneipe umzuziehen.



Nachbarn, die
Vereinzelte Bewohner der umringenden Häuser, die mit großer Wahrscheinlichkeit kurz vor Mitternacht...

Ordnungshüter, die
...rufen werden. Wenn diese kommen, bloß nicht auf die Klugscheißer hören, sondern lieber die Anweisungen der Polizei befolgen und ruhig das Gebäude räumen. Geht's härter zur Sache, am besten nochmal das Lexikon des guten Lebens zum Thema "Wie verhalte ich mich während einer Polizeikontrolle?" lesen.



Polnischer
Abrisspartys sind immer, unbedingt und ausnahmslos mit einem Polnischen zu verlassen. Niemals: Den Gastgeber zum Abschied innig umarmen. Er wird sich nach dieser herzlichen Geste an dein (und nur dein) Gesicht erinnern und zack: bist du der Verantwortliche für alles, was von A-Z passiert ist. Das willst du nicht.

Quarkspeise
Wird es auf dieser Party nicht geben. Oder hattest du ernsthaft erwartet, wenn schon kein Alkohol gestellt wird, gibt es zumindest was zu Essen?

Rebellion, die
Der eigentliche Grund, warum Abrisspartys trotz nachweislich wenig aufregenden Ereignissen immer noch einen verschwörerisch-gefährlichen Ruf haben: Hier geht man nicht topgestylt in einen frischgewischten Club und bezahlt zehn Euro für einen Gin-Tonic. Hier ist es dreckig und chaotisch, die Gäste sind eine kleine verschworene Gemeinschaft. Irgendein Klugscheißer wird im Verlauf des Abends sagen, hier könnte man noch "authentisch" feiern und wenn alle sich darüber lustig machen: So ein bisschen nach Rock 'n' Roll fühlt es sich halt doch an, mit dem Vorschlaghammer eine Wand einzuschlagen.



Sentimental werden
Die viel zu warmen Dachgeschosszimmer waren auf einmal „doch auch ganz kuschlig“, den Schimmel in der Wand „hätte man ja auch mit mehr Lüften bekämpfen können.“ Irgendwann wird jemand auf dieser Party anfangen zu weinen und (fiktive?) Erinnerungen an die gute alte Zeit beschwören. Am besten dieser Person einen Gedenkstein schenken. Oder sie ignorieren.



Trinkspiele, die
Das Gute an echten Abrisspartys: Wenn keine Möbel mehr drin sind, hat man jede Menge Platz für Trinkspiele wie "Flunkyball". Und nach dem vierten Wodka-Wasser wird es ehrlich gesagt auch egal, wenn noch Möbel vorhanden sind.

Unfall, der
Passiert zumeist bei Trinkspielen oder beim Wand einschlagen und bezieht sich meistens auf den Fuß: Entweder, jemandem fällt ein Stein drauf, er knickt um oder tritt in Glasscherben. Heroisch wird dann meistens trotzdem weitergetrunken, weil niemand einen Arzt rufen will - das könnte ja zu einem Party ist vorbei führen.

Verantwortlichen, die
Wird im Nebel dieser Nacht niemand finden.



Wand einschlagen
Es soll ja nicht umsonst "Abrissparty" heißen: Irgendjemand hat sicher ein kleines bis großes Hämmerchen dabei, mit dem dann ein paar Minuten auf einer Wand rumgehackt wird. Einfach nur, damit man sich an diesem Abend auch mal produktiv fühlt - die Vorarbeit freut ja auch sicher das Abrissunternehmen.



Xenoglossie, die
Laut Duden das unbewusste Reden in einer unbekannten Sprache. Gelegentlich beobachtetes Phänomen nach Trinkspielen, zu vielen Wodka-Wasser oder - noch seltener - einem Unfall.

Yolo
Saudämlicher Tag, den auch irgendein Trottel mit Edding an die Wand geschmiert hat, weil ihm gerade nichts Besseres einfiel.

Zähne
Werden an diesem Abend in Mitleidenschaft gezogen, weil keiner daran gedacht hat, einen Flaschenöffner zu organisieren. Aber natürlich erst, nachdem diverse Pfosten und Pfeiler bereits zackige Rände aufweisen, weil jeder an ihnen sein Bier aufgehauen hat.

Text: charlotte-haunhorst - Illustration: Katharina Bitzl

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