Das Herbergs-ABC

Im Jahr 2006 herrscht vorsichtiger Optimismus in Deutschland.
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Illustration: Julia Schubert

Im Jahr 2006 herrscht vorsichtiger Optimismus in Deutschland. Das liegt selbstverständlich auch an der näherrückenden Fußball-WM, während derer sich das Land seinen Gästen von der besten Seite zeigen will. Hierfür wurde die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ ins Leben gerufen. Im Rahmen eines bundesweiten Wettbewerbs wurden „365 Orte im Land der Ideen“ gekürt, die nun der nationalen und internationalen Öffentlichkeit Tag für Tag vorgestellt werden. Neben der Verbesserung der nationalen Befindlichkeit will das Projekt zeigen, welche großartigen Errungenschaften die Welt Deutschland verdankt. Dazu gehören neben dem Farbfernsehen oder den Gummibärchen auch die Jugendherberge. Deren Gründung geht auf den 26.Januar 1909 zurück, als der Altenaer Volksschullehrer Richard Schirmmann auf einem Ausflug mit seiner Klasse von einem Gewitter überrascht wurde. Ortsansässige Bauern weigerten sich die durchweichten Pennäler aufzunehmen, erst ein Dorflehrer erbarmte sich und stellte seine Schule als Übernachtungsstätte zur Verfügung. Die Idee der Jugendherberge war geboren und breitete sich schnell aus, es gibt bereits mehr als 4000 weltweit. Heute wird die Idee der Jugendherberge auf der Website vorgestellt, für jetzt.de Grund genug, mit einem kurzen Herbergs-ABC an vergangene Übernachtungsmomente zu erinnern. A wie Alkoholverbot Der Hauptgrund, warum man Jugendherbergen noch nie so wirklich cool fand. Die Einschränkungen im Getränkeangebot, siehe ->Pfefferminztee, führten vor allem während der Klassenfahrt in der Mittelstufe zu ersten Kontakten mit den Gedanken des Schmuggelns. Die beliebteste, weil einfachste Methode bestand im Um- bzw. Einfüllen alkoholischer Mischgetränke in den unverdächtigen Tetrapak. B wie Bettwäsche Bis heute ein großes Rätsel: Der Jugendherbergsschlafsack und seine korrekte Benutzung. Ist aber auch nicht weiter wichtig, da er im Zuge des allgemeinen Hygienewahns abgeschafft und durch kochgewaschene, in Plastikfolie eingeschweißte Bettwäsche-Sets ersetzt wurde. C wie Christlich Im jugendherberglichen Speisesaal ist mindestens ein, aus Buchenholz gefertigtes, Kruzifix zu finden. In katholischen Bundesländern gibt es vorsorglich noch mal eines über dem ->Stockbett. D wie DJH Die Abkürzung des Deutschen Jugendherbergsverbands. In Detmold verortet, koordiniert der gemeinnützige Verein die Aktivitäten der 600 Jugendherbergen in Deutschland und ist Ansprechpartner für die Mitgliedschaft. Deutschland ist das Geburtsland der Jugendherbergsidee, der DJH die größte Dachorganisation weltweit. E wie Ehrenamt Die Einbindung von mehr als 2000 ehrenamtlichen Mitarbeitern macht die Jugendherbergen zum „Teil einer breiten, pluralistisch geprägten Gesellschaft, in der sich der Gedanke des Gemeinwohls widerspiegelt und entsprechend gefördert wird.“ Das ist zumindest der Broschüre "Alleinstellungsmerkmale des DJH" zu entnehmen. F wie Familie Viele Jugendherbergen bieten auch ein besonderes Programm für junge Familien an. Die Lindauer Dependance hat für Kinder ab acht Jahren beispielsweise die „Faszination Didjeridu mit der Musi-Maus“ im Angebot. G wie Gitarren Lieblingslärminstrument aller Jugendherbergsmusikanten. Kann zu erheblicher Störung der ->Nachtruhe führen. H wie Hausordnung Die Grundpfeiler der Hausordnung sind vor allem das ->Alkoholverbot und die ->Nachtruhe. Desweiteren ist „besonders bei der Benutzung von elektronischen Medien Rücksicht auf andere Gäste zu nehmen.“ Bei Verletzung der Hausordnung kann der ->Vater, Herbergs- ein Hausverbot aussprechen. I wie Image Bereits seit etwa 100 Jahren auf dem Markt, sind auch Jugendherbergen zunehmend den Gesetzen der freien Marktwirtschaft ausgesetzt. Man sieht sich als „moderner, gemeinnützig ausgerichteter Anbieter von pädagogisch wertvollen Übernachtungsdienstleistungen.“ J wie Jugend Jugendherbergen sind in erster Linie ein Angebot für junge Menschen. Deshalb werden Erwachsene ab dem 27. Lebensjahr nachrangig aufgenommen und zur besseren Unterscheidung als „Einzelreisende 27 plus“ bezeichnet. In Ausnahmefällen kann aber nach Rücksprache mit der Geschäftsstelle des ->DJH eine Sondergenehmigung beantragt werden. K wie Küchendienst Manche Herbergseltern, siehe ->Vater, Herbergs-, bestehen auf der Teilnahme der Gäste am Abwasch. Der Gedanke an die Gemeinschaft tröstet auch nicht über den Ekel hinweg, den man beim Beseitigen fremder Essensreste empfindet. L wie Lunchpaket Gegen ein geringes Entgelt bekommt der Übernachtende eine in Akkordarbeit zusammengestellte Verpflegung für den Tag. Anfang der neunziger Jahre hieß das dann auf einmal Lunchpaket. Die in Frischhaltefolie schwitzende Mettwurstsemmel ist aber immer noch fester Bestandteil der Komposition. M wie Mitgliedschaft Voraussetzung um überhaupt in einer Jugendherberge übernachten zu dürfen. Es gibt 4000 Jugendherbergen weltweit, davon 600 in Deutschland. Beitreten kann jeder bis 26 Jahre für 12 € im Jahr. N wie Nachtruhe Generell ist um 22 Uhr Zapfenstreich. Kennt irgendwer jemanden, der sich daran hält? O wie Ohropax Bei schnarchenden Zimmergenossen im Schlafsaal definitiv ein empfehlenswerter „Luxus für die Ohren“, wie der Hersteller wirbt. P wie Pfefferminztee Meistens dünn, kalt und der Kariesteufel wegen ungezuckert. Q wie Quedlinburg Auch hier gibt es eine Jugendherberge. Übernachtungsmöglichkeit mit Harz-Charme, das Besichtigungshighlight: Das Holzwurmmuseum. R wie Rucksack Überlebensnotwendiges Utensil. Am besten einen mit vielen geheimen Taschen, wegen des ->Alkoholverbots. S wie Stockbett Wer unten schläft hat`s zwar schneller zum Klo, muss aber auch das Bettnässer-Risiko tragen. T wie Tischtennisplatte Meist stark verrottet. Beliebter Austragungsort männlicher Pubertätskämpfe. U wie Übernachtung Gar nicht mal so billig. Die Preise variieren um die 20€ ohne Verpflegung, siehe ->Lunchpaket. V wie Vater, Herbergs- Brachiale Gewalt mit unüberhörbarer Stimme, gerne im Unterhemd. Wahlweise auch Aussteiger mit Bart und ->Gitarre, Kumbaya-singend. W wie Waschraum Empfehlenswertes Utensil: Badelatschen. Fußpilz ist einfach kein schönes Mitbringsel. XX wie Mädchen-Zimmer Während Jungs glauben, wir machen Kissenschlachten im durchsichtigen Negligé, nutzen wir diese Gelegenheit um heimlich unsere Trinkfestigkeit mit Fruchtsekt für das nächste Klassenfest zu trainieren. Und nein: wir kämmen uns dabei weder gegenseitig die Haare, noch lackieren wir unsere Fingernägel. XY wie Jungs-Zimmer Durch das leise Gekichere am anderen Ende des Flurs und der Vorstellung von, in durchsichtigen Negligés durchgeführten, Kissenschlachten fühlen wir uns zunehmend verunsichert. Der eingeschmuggelte Apfelkorn tut ein Übriges. Später verzweifeln wir am Sicherheitsschloss der Fenster und fangen deshalb im Laufe des Abends an, im Zimmer zu rauchen. Ach ja, mindestens einer kotzt. Y wie YMCA (der Tanz) Die Ausführung ist vor allem bei geglücktem Umgehen des Alkoholverbots angezeigt. Waldorfschüler sind hier klar im Vorteil. Allen anderen bleibt nur Zuhause noch mal schnell die Tanzschritte zu üben. Outfit-Tipps kann man sich bei Ola Salo von The Ark holen. Z wie Zivildienst Für Mädchen gilt: Schnell den süßen Zivi ausfindig machen und nett anlächeln – das garantiert den Zentralschlüssel für nächtliche Ausflüge. Für Jungs gilt: Schnell den coolen Zivi ausfindig machen und ihn zum Gebrauch der mitgebrachten Wasserpfeife einladen – das garantiert den Zentralschlüssel für nächtliche Ausflüge. Zusammenstellung: michele-loetzner und michael-moorstedt Illustration: dirk-schmidt

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