jetzt.de: Wie bist du seinerzeit zum Tischfußball gekommen? Lilly Andres: Als ich noch klein war, hat mein Vater mal einen Kickertisch angeschleppt, aber das hat mir überhaupt keinen Spaß gemacht. In einem Jugendzentrum brauchten Freunde von mir dann mal einen vierten Mitspieler und ich habe mich noch mal widerwillig überreden lassen. Von da an hat es mich gepackt – heute ist es mein Lebensmittelpunkt.

Im deutschsprachigen Raum gibt es für Tischfußball auch noch andere Namen wie Krökeln, Wuzzeln oder Töggelen. Was würdest du jemandem entgegnen, der dich Wuzzel-Weltmeisterin nennt? Das ist bisher noch nicht passiert, aber ich würde auf jeden Fall sofort merken, dass derjenige aus Österreich kommt. Töggelen wiederum sagt man in der Schweiz, krökeln wird im Raum Hannover gesagt. Untereinander reden wir meistens von Kickern. Nur wenn es offiziell wird, sagen wir Tischfußball. Worin liegt für dich die Faszination am Kickern? In der Nähe zum Gegner. Weil man sich am Tisch direkt gegenübersteht, bekommt man hautnah jede Gefühlsregung mit – von sich selbst, aber auch von seinem Gegenüber. Man macht Fehler, leidet, ärgert sich und bereut - im nächsten Moment ist man stolz, zufrieden, glücklich und freut sich. Es bauen sich permanent Spannungen auf, man durchlebt eine absolute Achterbahnfahrt der Gefühle. Kickern ist eine sehr emotionale Sportart. Welche Eigenschaften sind deiner Meinung nach essentiell, um ein guter Tischfußballer zu werden? Das Allerwichtigste ist Ehrgeiz. Wer keinen Siegeswillen hat, wird niemals erfolgreich spielen. Sicherlich gehören auch noch andere Dinge dazu wie mentale Stärke, gute Nerven, Konzentrationsfähigkeit, Fingerspitzengefühl, Reaktionsvermögen, Augenkoordination – aber das kann man sich alles antrainieren. Ehrgeiz hingegen wird dir in die Wiege gelegt. Du gehörst zur Tischkicker-Elite in Deutschland, leben kann man davon jedoch nicht. Ist es nicht manchmal frustrierend, damit kaum etwas verdienen zu können? Natürlich – gerade wenn man an den normalen Fußball denkt. Aber ich habe eine Leidenschaft für den Sport entwickelt, die mir wichtiger ist als alles Geld der Welt. Am Anfang habe ich viele schlechte Nebenjobs gemacht, damit ich mit dem verdienten Geld zu den Turnieren fahren konnte, denn bei einer Festanstellung wäre ich nicht flexibel genug gewesen. Aber ich habe das auf mich genommen, weil Kickern mich glücklich macht. Vor ein paar Monaten habe ich jedoch die Firma Kivent gegründet, mit der wir professionelle Tischfußballgeräte verkaufen, vermieten und Events wie Kickerturniere ausrichten. Ich habe also endlich einen Weg gefunden, meine Leidenschaft zum Beruf machen und davon leben zu können – das hat auch meinen Vater ungemein beruhigt. Kann man dich dort auch als Showtischfußballerin buchen? Natürlich. Meistens gebe ich bei solchen Events erst einen kleinen Workshop, bei dem ich kurz Techniken und Spielzüge erkläre, und danach können sie eben auch mal gegen die Weltmeisterin spielen. Wenn die Leute dann ein Tor geschossen haben, gehen sie eigentlich schon glücklich nach Hause. Tischfußball hat ein unglaublich hohes Spaßpotenzial, weil im Prinzip jeder Kickern kennt und auch kann. Es gehört wirklich nicht viel dazu, die Leute mit Tischfußball zu begeistern. Ist es auch schon mal vorgekommen, dass jemand gegen dich gewonnen hat? Ja. Aber nur, weil die Preise weg mussten. Das heißt, du hast absichtlich verloren. Genau. Wenn ein Veranstalter möchte, dass jemand auch mal gegen mich gewinnt, dann gewinnt eben auch mal jemand gegen mich. Du hast eben gesagt, dass Tischfußball ein Sport für jedermann ist, dennoch wird er vorwiegend von Männern gespielt. Woran liegt das? Das ist schwer zu sagen. Vielleicht ist bei Männern der Spieltrieb größer. Dieses Verlangen, sich mit anderen messen zu wollen. Die meisten Leute fangen außerdem in der Kneipe mit Kickern an, und auch da ist der Männeranteil größer. Viele Frauen werden zudem oft belächelt, weil Frauen in Männerköpfen nicht kickern können. Wenn ein Mann sich mal dumm anstellt, wird sicherlich auch darüber gelacht, aber bei einer Frau ist es gleich wieder typisch. Körpergröße, Körpervolumen, Kraft – das alles spielt jedoch keine Rolle. Es kommt nur auf Technik und Geschwindigkeit an, und das kann man alles trainieren. Hast du den Eindruck, dass Jungs gegen dich doppelt motiviert sind, weil sie auf keinen Fall gegen ein Mädchen verlieren wollen? Ja, ein Großteil der Männer tut sich nach wie vor schwer damit, gegen eine Frau zu verlieren. Tischkickern ist für viele Leute eben eine Männerdomäne. Vor kurzem wurde auf einer Messe in Düsseldorf das Männermobil vorgestellt – ein Wohnmobil, das alle männlichen Klischees bedient und auch einen Kickertisch besitzt. Dort konnten die Leute gegen mich spielen und das Gelächter war natürlich jedes Mal groß, wenn sich zwei gestandene Männer vor dem Männermobil von einem kleinen Mädchen am Kickertisch den Arsch haben versohlen lassen. Nervt es dich denn, dass du ständig mit diesen veralteten Rollenbildern konfrontiert wirst? Ach, in bin mit mir selbst eigentlich ziemlich im Reinen. Ich weiß, was ich als Frau wert bin. Und wenn mir einer mal einen Spruch drückt, kriegt er eben einen zurück. Wer so etwas ernst meint, den kann ich sowieso nicht ernst nehmen. So sieht Kickern in der Damen-Profiklasse aus: Kickern hat oft noch dieses ranzige Kneipenimage. Geht ihr irgendwie dagegen an? Wir versuchen es, aber was in den Köpfen erst einmal drin ist, bekommt man nur schwer wieder heraus. Auch mein Vater dachte früher immer, dass ich bloß mit alten Kerlen in verrauchten Kneipen rumhänge und es hat eine ganze Zeit gedauert, bis er Kickern als ernstzunehmenden Sport begriffen hat. Dennoch ist die Kneipe nach wie vor wichtig, weil sie für viele Leute den ersten Kontaktpunkt zum Tischfußball darstellt. Kannst du dich selbst in Berlin denn überhaupt noch in Kneipen trauen und unbedarft kickern? Das ginge sicherlich schon, aber die meisten Leute sind nicht sonderlich erfreut, wenn sie herausfinden, dass sie gerade gegen die Weltmeisterin verloren haben und vorgeführt wurden. Deshalb habe ich es sein lassen, in Kneipen zu kickern. Denn das macht mir keinen Spaß und den anderen auch nicht. Was kann man denn tun, um Tischfussball als ernstzunehmende Sportart zu etablieren? Das Internationale Olympische Komitee war zumindest schon vor Ort, um sich ein Bild zu machen. Was dabei herausgekommen ist, weiß ich jedoch nicht.