Das ist meine perfekte Partynacht

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*** Sarah, 26, befreit ihre Haarsträhne

Ein guter Freitagabend beginnt damit, dass ich den Wasserhahn aufdrehe und kurz darauf in eine Wanne voll heißem, schaumgefülltem Wasser eintauche. Nachdem das komplette Pflegeprogramm abgeschlossen ist, würde ich – im besten Fall voll und ganz zufrieden mit meinem Spiegelbild –, als neuer Mensch aus meiner Wohnung kommen. Hätte ich dann auch noch genug Geld, würde ich mich mit guten Leuten, die ich ohnehin viel zu selten sehe, zum Essen, Trinken, Lachen und Reden treffen. Wenn es danach in eine Bar (oder zwei oder drei) gehen soll, komme ich gerne mit. Oder auch zum Tanzen. Wichtig ist, dass man nicht auf die Uhr guckt. Einige Stunden (oder Drinks) später, kann es sein, dass ich denke: Oh, gutaussehender Typ! Eine Haarsträhne wird im Bruchteil einer Sekunde fachmännisch hinterm Ohr befreit und fällt genau so wie sie es sollte. Gut, genau da bleibt sie vermutlich auch nur einen viel zu kurzen Moment liegen, aber das reicht vielleicht, um einen gut kalkuliert-unschuldigen Blick von unter den Wimpern rüber zu werfen. Klar, wenn der dann tatsächlich rüberkommen würde, müsste ich natürlich meine beste „Da-hast-Du-aber-was-missverstanden“-Nummer bieten. Alle Frauen sind Biester. Wenn ich bei Tagesanbruch die Wohnungstür erreiche und mich sehnsüchtig auf mein Bett freue, muss ich mich fragen, ob eine solche Nacht im ernüchternden Tageslicht noch immer eine perfekte Nacht ist. Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich insgesamt mehr davon, nach der Badewanne einen guten Film zu sehen oder gute Musik zu hören und dann – die einzige Nacht in der Woche – zwölf Stunden am Stück zu schlafen. *** Hauke, 26, wird zum Egozocker

Das Licht aus, die Augen geschlossen, das Schnarchen des Kollegen auf beiden Trommelfellen und den Boden im Rücken. Der Luftmatratze geht zum dritten Mal in zwei Stunden die Puste aus. Egal, es war der beste Abend seit langem. Dafür hatte ich Osnabrück gen Hamburg verlassen, denn je größer die Stadt, desto größer die Möglichkeiten, speziellen Vorstellungen gerecht zu werden. Meine Vorstellung war einfach: Tanzen. In einem Club ohne großen Schnickschnack. Mit Musik wie aus meinem Plattenschrank, Funk und so. Mit der Bierflasche vor dem Club. Die Security guckt auf den Ausweis, nicht auf die Schuhe. Endlich drin, und das soll auch so bleiben, bis hier Schluss ist. Heute bin ich Egozocker. Nur die Mucke und ich. Der Bewegungsdrang steigt bereits an der Kasse, ich erkenne einen Track nur an der Baseline und bitte die Kassiererin, die Schlagzahl zu erhöhen, um den womöglich musikalischen Höhepunkt des Abends nicht zu verpassen. Musik ist alles. Fünf Stunden lang. New York Mitte der 90er, ich bin mittendrin. Um 5.30 Uhr geht das Licht an. Erschöpft und glücklich. Dieser Abend war etwas Besonderes. Abgerundet durch eine Heimfahrt mit der U-Bahn oberhalb des durch Morgensonne gefärbten Hamburger Hafens. Könnte es einen perfekteren Abschluss geben? Da kann er noch so laut schnarchen.


*** Rosa, 23, wird sehr wild und sehr laut

Es soll die ultimative Mottoparty werden: „Prinzessin!“ Alle kleiden sich in rosa, mit Tüll, Perlenketten, goldenen Löckchen und Krönchen. Genau mein Ding. Ich freue mich auf einen unterhaltsamen Abend und habe riesige Lust auf Tanzen, viele Leute zu treffen und ein bisschen mit Männern zu flirten, auch wenn ich in Begleitung meines festen Freundes sein werde. Schon der Weg zur Party wird in meinem Outfit zum Abenteuer - durch Berlin-Neukölln wie eine echte Paris Hilton! Schließlich tauche ich in eine andere Welt ein, mit viel Geklimper, ausschließlich rosa und weißem Kram und auch vielen männlichen, etwas unansehnlichen Prinzessinnen, die ihre Hände nicht von ihren ausgestopften Brüsten lassen können. Die Party ist sehr wild, sehr voll, sehr laut, sehr toll! Lange sitze ich in der Küche, wo sich mir immer neue Gesprächspartner bieten, mit denen ich anstoßen und über die vielen Verkleidungen lachen kann. Dann endlich wird getanzt. Ich mische mich unter die Leute und genieße es. Flirten will ich jetzt allerdings nicht mehr. Es ist irritierend und auch ein bisschen eklig, mit Männern zu reden, die sich permanent selbst befummeln. So merke ich wieder einmal: Mein Freund ist der Beste. Ich schenke ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Aber irgendwann sind auch Prinzessinnen müde. Als es hell wird, trete ich erschöpft, aber glücklich, meinen Heimweg an. Ein gelungener und mal ganz anderer Abend, denke ich mir und setze meine Krone ab. *** Lars, 23, spieltEs ist eine warme Sommernacht in der Mitte des Jahrzehnts, das sich jetzt, wo ich das aufschreibe, seinem Ende zuneigt. Insekten fliegen durch die stickige Luft und führen surrende Tänzchen auf, bis wir sie mit der Scrabble-Spielanleitung verscheuchen. Wir selbst tanzen nicht und gehen auch später nicht noch wohin, wo man tanzen kann, weil wir das noch nie gemacht haben. Dafür haben Nadjas Eltern den Bach im Garten angeschaltet, bevor sie weggegangen sind, und jetzt plätschert er vor sich hin wie unsere Ferien: leise, majestätisch und unspektakulär. Tagsüber war es zu heiß, aber jetzt kann man es aushalten. Im Licht der Gartenlampe sitzen sechs Schatten auf der Terrasse: Nadja, die beiden Christians, Christina, Maren und ich. Gemeinsam haben wir eigentlich nicht so viel, aber das sagt natürlich keiner. Wieso auch, wir sind schließlich Freunde. Vielleicht sogar so etwas wie eine Gang, nur ohne Gangabzeichen und Drive-by-shootings. Obwohl einer der beiden Christians eben auf dem Weg hierhin wieder aus dem Auto heraus Leuten am Straßenrand etwas zugerufen hat. Wir sagen ihm, dass er peinlich ist, aber wir müssen trotzdem lachen. Jetzt lachen wir, weil der andere Christian einen schlechten Witz gemacht hat. Dann macht jeder den gleichen Witz so lange, bis keiner mehr lacht, und dann noch so lange, bis wieder jemand lacht. Nadja nennt das die Witzparabel. Die Witzparabel ist die Dramaturgie unserer Partynacht: Es gibt kein Vorglühen, Feiern, Afterhour. Es gibt Lachen über einen Witz, Nicht-mehr-Lachen über einen Witz und Wieder-Lachen über einen Witz. Es gibt auch keine Drogen, nicht mal Alkohol oder Zigaretten. Trotzdem ist uns schlecht, von zu viel Ginger Ale und Erdnussflips. Und vor allem aber gibt es keinen Löffel. Das ist der Witz, den Christian eben gemacht hat, weil wir beim letzten Videoabend „Matrix“ gesehen haben. Der Witz ist schlecht, aber schön. Wir sind auch schlecht, aber schön. Es ist gleich zwei, ich bin noch längst nicht müde. Vielleicht schreiben wir ja später noch eine Klappgeschichte oder gucken, was noch im Fernsehen kommt. Bis Nadjas Eltern zurückkommen und den Bach ausschalten.


*** Xifan, 21, tanztMeine Toleranzschwelle gegenüber den Begleiterscheinungen des Nachtlebens ist mit der Zeit ziemlich gesunken. Ich mag Exzess-Situationen, nur mag ich die meisten Dinge, die sie mit sich bringen, nicht mehr so gerne. Weder kann ich größere Menschenansammlungen leiden, noch das, was sie in solchen Konstellationen zu tun pflegen: schwitzen, sich gegenseitig anwanzen, dümmliche Lachsalven abfeuern. Wenn ich richtig betrunken bin, packe ich mein Handy aus und möchte von jemandem hören, dass er mich liebt. Das Einzige, wofür es sich wirklich lohnt auszugehen ist Musik, sind diese seltenen Augenblicke, in denen die richtige Melodie zum richtigen Takt einen alles um sich rum vergessen lässt. Was der stärkste Drink nicht vermag, kann ein gut gemischter Übergang oder ein zum passenden Zeitpunkt reingeknallter Bass - er versetzt mich in den höchsten aller möglichen Partyzustände. Ein Feierutopia in meinem Kopf, das sich aus mehreren Komponenten zusammensetzt: der Überzeugung, all die Mittanzenden um mich rum seien mit mir seelenverwandt (obwohl sich keiner für mich interessiert), dem Glauben, dass der DJ mich versteht und nur für mich spielt (denken alle anderen auch) und dem Gefühl vom absoluten Einklang mit dem eigenen Körper (man kann sich ja selbst beim Tanzen nicht zusehen). Das klingt albern und nicht mehr ganz zurechnungsfähig, und das ist es auch. Trotzdem bin ich beim Weggehen selten so entspannt, fühle mich so aufgehoben wie auf der Tanzfläche. Wenn sich in mir dann eine Leere, ein großes, wohliges Nichts ausbreitet, ich nicht mehr denken kann, denken will, bin ich frei. Das ist der Moment, in dem ich nie wieder nach Hause gehen will. *** Sven, 24, ist leichtfüßig

Mein Wochenende ist ritualisiert. Abweichungen gibt es kaum. Freitags gehe ich aus Prinzip nicht zur Uni, also sitzen wir mit Bierchen am See, zocken Fußball, und ich höre mich um. Privatparty in Friedrichshain, Pokerrunde in Tiergarten, Clubaction – wie immer also. Überzeugt mich alles nicht so richtig, aber bloß nichts verpassen! Scheißgroße Stadt heißt eben auch scheißviele Möglichkeiten, heißt noch höhere Erwartungen. Am besten zuerst in eine Bar, schön voll, nicht zu viele Typen, bloß keine Touristen. Die gute Mitte zwischen Stylo-Szene-Raumschiff und ranziger Alki-Kaschemme, bitte. Die Party danach sollte ausreichend Getränke, gute Musik und, na ja, vergessen wir die ersten beiden Punkte - hübsche Frauen bereithalten. Unverklemmte und gesprächsbereite Frauen natürlich. Dann lass ich mich auch gerne mal in irgendeinen Indie-Schuppen oder Elektrobunker mitschleppen. Das mit dem Vorglühen wird Zuhause erledigt, nur die Zeit spielt nicht mehr mit. Also keine Bar, gleich zur Party. Da angekommen ist alles ziemlich voll, zu voll. Nach einer halben Stunde lösen die Bullen alles auf – na klar. Man schließt sich dem Pulk an und landet in irgendeinem Park. Die Partymiezen von eben sind weg, zum Indie-Schuppen vermutlich. Doch das ist mir nun auch egal, denn ich höre, wie die da drüben mit ihren Gitarren abgehen. Kein Lagerfeuer-Mist, sondern echt guter Bossa, Funk und Blues. Genau das richtige jetzt. Hier werde ich alt. Ein paar Stunden später habe ich noch die Rhythmen im Ohr und tänzele leichtfüßig nach Hause. Keine Mädchen, keine Gespräche, kein Abtanzen – keine Erwartung erfüllt. Gut so, denke ich, und schlafe zufrieden ein.

Text: jetzt-Redaktion - und Erik Brandt-Höge (vier Protokolle); Fotos: privat, photocase.de/MrHank und yvonnes_photos

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