Das Kanzlerduell

Screenshot vom Kanzlerduell bei Super RTL Angela Merkel ist dem zweiten Fernseh-Duell mit dem Kanzler erfolgreich aus dem Weg gegangen – denkt sie, denn tatsächlich wird es schon seit Wochen ausgetragen - jede Nacht auf Super RTL.
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Illustration: Julia Schubert

Screenshot vom Kanzlerduell bei Super RTL Angela Merkel ist dem zweiten Fernseh-Duell mit dem Kanzler erfolgreich aus dem Weg gegangen – denkt sie, denn tatsächlich wird es schon seit Wochen ausgetragen - jede Nacht auf Super RTL. Während die echten Wahlkämpfer ihre Kandidaten fit machen für das Duell, stehen im Fernsehen ein Computer-Gerd und eine Computer-Angela ohne Hälse und Beine auf einer virtuellen Bühne und lesen mit ihren Computerstimmen die Kurzmitteilungen der Zuschauer vor. Zum Vorzugspreis von 99 Cent für 160 Zeichen. Währenddessen leuchten in einem Dachgeschoß in der Münchner Innenstadt elf Bildschirme. Einer der Computer spielt Musik von den Killers, the Streets und den Sportfreunden Stiller, die Fernseher sind stummgeschaltet. Mit den anderen Rechnern wird das Kanzlerduell gesteuert. Franzi, 33 Jahre alt, schiebt diesen Monat 14 Nachtschichten, in denen sie die ankommenden SMS der Zuschauer aussortiert. „Wir müssen die Auflagen des Senders einhalten: Super RTL ist ja ein Jugendsender, auch nachts. Deswegen werden alle Anzüglichkeiten gelöscht, außerdem illegale und extremistische Inhalte. Nachrichten, die offensichtlich von Minderjährigen kommen, fliegen genauso raus, wie Telefonnummern, Beleidigungen oder Nachnamen.“ Die Möglichkeit, den beiden Spitzenkandidaten politische Statements in den Mund zu legen, wird allerdings kaum genutzt, auch wenn die Produktionsfirma in ihrer Pressemitteilung davon träumt, dass die „Zuschauer die Politik selbst in die Hand nehmen, damit brutto nicht wieder mit netto verwechselt wird“. Die Realität holt Gerd und Angie aber schnell ein. Anstatt politische Phrasen zu dreschen, werden sie zum Sprachrohr der betrunkenen Diskoheimkehrer. Ein Singspiel mit verteilten Rollen: Angela: „Bitte Patrick Hasi! Verlass micht nicht! Wir wollten uns doch verloben? Ich liebe dich! Natalie“ Gerd schlägt mit dem Kopf auf sein Rednerpult. Er erwidert: „Hi Sabrina, Jetz warn wir heut in Ölbrunn und du wolltest mi net mal sehn. Bin ech a bissl enttäuscht von dir. Und dabei hätt ich mich fast in dich verliebt.“ Angela lacht sich kaputt. Franzi schüttelt den Kopf: „Das ist nur mittellustig, was die so schreiben, aber meistens geht es nicht über Flasche-Bier-Scherze und Politik-ist-scheiße-Kommentare hinaus. Man kann aber auch nicht mehr erwarten um die Uhrzeit.“ Zur gleichen nächtlichen Zeit, zwischen Bauch-Weg-Gürteln, Sexy Sport Clips und Bob Ross, läuft die Big-Brother-Endlosschleife auf Tele 5, und die ist gar nicht so weit weg vom Kanzlerduell. Auf der Fernbedienung ein paar Klicks nach oben – und in dem Gebäude in der Münchner Innenstadt: gleich nebenan. Das Treiben der Container-Insassen ist nicht weiter spektakulär, ein Testbild oder die Wetterkamera auf dem Großen Arber wären vermutlich ähnlich spannend, allerdings wird auch hier über den Fernseher per SMS gechattet. Und wieder werden die Kurzmitteilungen durch Menschenhand kontrolliert. Dafür sitzt ein junger Mann, genannt „Slash“, vor seinem Bildschirmen und filtert. Und filtert. Und filtert. Findet er nichts Anstößiges, dürfen die Premium-Nachrichten für 1,99 Euro in den sogenannten „Crawl“, ein Laufband unter dem Big Brother-Bild. Die Regeln sind hier weniger streng als im Kanzlerduell: „Sex ist kein Problem, nur Illegales und Nachrichten von Kindern fliegen raus.“ Während also im Big-Brother-Dorf die Damen den Schweinestall ausmisten, läuft unten durchs Bild: „sind hier auch total versaute girls für m23? Nur versaute girls!“ Gefolgt von einer Telefonnummer. Meint er die Schweine? Die Antwort ist auf dem Bildschirm zu finden: „Hier ist die Steffi aus Borstendorf. Hast du lusst zum simsen?“ „Slash“ ist müde, er arbeitet erst 100 Nachrichten ab, dann döst er ein wenig vor sich hin, bis der Computer sie Stück für Stück auf den TV-Bildschirm geschickt hat. Er gesteht: „Mich schockt nichts mehr, ich sehe es schon fast nicht mehr. Am Anfang ist es mir auf die Psyche gegangen, aber man stumpft einfach ab“. Das TV-Duell zwischen dem Kanzler und der Kandidatin wird am 4. September ausgestrahlt, auf fast allen Sendern außer Super RTL und Tele 5. Wer es bis dahin nicht aushält, kann ja nachts zwischen 3 und 4 Uhr auf Super RTL schalten. Und das Niveau mit einer politischen SMS etwas heben – kostet ja nur 99 Cent. Oder Bob Ross kucken. Dabei schläft es sich wenigstens besser.

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