Das letzte Lied

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Es ist beinahe das größte Lob, das man einem Song machen kann und jeder, der sich mit Musikhören die Zeit vertreibt, hat schon mal darüber nachgedacht: Das Lied, das auf der eigenen Beerdigung gespielt werden soll. Während man sich über andere Begleiterscheinungen des letzten Ganges noch weniger Gedanken macht (Welcher Sarg? Welcher Friedhof? etc.), scheint die Musikwahl nicht früh genug bedacht werden zu können – jedenfalls hat sich das junge Berliner Label Get Physical professionell dieser Frage angenommen und nun einen Sampler namens „Final Song #1“ (VÖ: 06.02.) aufgelegt. Darauf sind die letzten Lieder zu hören, die sich empfindsame Musiker wie DJ Hell, Coldcut oder Gilles Peterson testamentarisch wünschen würden. Eine interessante Tracklist: Der französische DJ und Produzent Laurent Garnier würde zum Beispiel auf Radioheads eher unscheinbares „Sit down Stand up“ zurückgreifen, der irische Komponist David Holmes fährt mit den Beach Boys in die Grube und DJ Hell verbreitet unter der Trauergemeinde mit „Golden Brown“ von den Stranglers sicher gute Laune.

Generell überwiegen auf dieser Sammlung aber schon die Moll-Klänge und nachdenkliche Schmachtbögen. Stellt man selber Überlegungen zum finalen Soundtrack an, geht der erste Reflex auch in diese Richtung: Schön traurig soll es sein, schließlich war’s das jetzt, mit dem Ich und man will deswegen schon, dass den Hinterbliebenen noch ordentlich flau wird, um die Buletten. Andererseits, wie eitel, wie pathetisch darf man dabei sein? Setzt man sich, wenn man den großen Trauermarsch oder "Bitter Sweet Symphony" aussucht, nicht ein wenig geschmacklos auf ein zu wuchtiges Musikbett – und hinterlässt einen schlechten letzten Eindruck? Muss auch im Tod noch Zurückhaltung gewahrt werden oder darf man sich einmal wenigstens so glorios überhöhen und mit Beethoven und "Final Countdown" absteppen? Da scheint einem das Prinzip „Lieblingslied“ brauchbarer. Schließlich erzählt es noch mal vom Charakter und Wesen des Verstorbenen, lässt vielleicht manchen der Anwesenden an gemeinsam verlebte Momente denken und kommt damit einer Trauerrede ziemlich nahe. Es müsste aber, denkt man weiter, dann streng genommen schon ein Medley sein, schließlich hat kaum einer sein Leben lang das gleiche Lieblingslied und wer könnte sagen, ob man lieber ein aktuelles oder eines aus der frühen Hörensperiode auswählen soll? Sollen die Leute im Jahr 2053 wirklich noch zu Molokos „The Time Is Now“ rund ums Grab wippen? Oder würden die erbschleichenden Kinder- und Enkelkinder nicht dann erst recht denken, dass man doch schon wirklich ganz schön senil war? Andererseits erfüllen Lieblingslieder oft nicht die gebotene Besinnlichkeit - bei aller Natürlichkeit des Vergehens, möchte man doch nicht, dass die anderen über das fröhliche Lied ganz den eigentlichen Anlass aus den Augen verlieren. Oder dass man den eigenen Tod gar mit einem zu leichtgewichtigen Liedchen schmückt, als hätte man sein Dasein als 20-jähriges Blumenmädchen beendet. Ist man nicht eher sauer, dass man abtreten musste? Ein wütender Punksong vielleicht das beste Vermächtnis, eine Hardcore-Liveaufnahme bei der dem Pfarrer die Kapuze platzt, ist das nicht der ehrlichste Schlussakkord, ein Aufschrei gegen die Gemeinheit des Todes? Der bleibt davon freilich ungerührt, während sich die Lebenden in ihrer Grabesstimmung vielleicht vor allem gestört fühlen. Ein weiterer Ansatz könnte sein, das letzte Lied als letzte Botschaft an die Hinterbliebenen zu betrachten. Man müsste sich also dabei mehr mit dem Inhalt beschäftigen, als man es für gewöhnlich tut. Da gibt es erstmal eine Menge Lieder, die genau den traurigen Anlass thematisieren, also etwa „Hallelujah“ von Jeff Buckley, das abgeschmackte „Knockin’ on Heavens Door“ oder auch „An Ending“ von Brian Eno, das es als Favorit von Coldcut auch auf die „Final Song“-Platte geschafft hat. Andere Songs bilden schon im Titel brauchbare Metaphern „Do You Realize“ von den Flaming Lips etwa, oder das schon sehr traurige „Seasons in the Sun“ böten sich hier an.

Aber sind diese Todesballaden individuell genug für so ein individuelles Erlebnis wie den eigenen Tod? Ein zu diesem Zweck vorgefertigtes Popstück zu nehmen - ist das nicht, wie zum Kuscheln Kuschelrock zu hören? Bis zuletzt sich an Massenware bedienen? Sollte es da nicht lieber etwas sein, das mit ganz anderen Hintergrund geschrieben, erst bei der Beerdigung seinen größten Zauber verbreitet und sich allen Anwesenden für immer ins Hirn brennt? Will man sich überhaupt mit Musik, mit der man gar nichts zu tun hat, verabschieden? Ich meine, warum soll Jeff Buckley, den ich überhaupt nicht kenne, mein letztes Wort haben? Dann doch vielleicht selber singen, beziehungsweise je nach Begabung etwas flöten oder ein Gedicht verlesen lassen. Warum hat sich das eigentlich nicht eingebürgert, eine letzte öffentliche Botschaft? So etwa:„Tante Mizzi, deine Mohnknödel lagen immer schwer im Magen…“ Wie auch immer man sich letztlich entscheidet – ob es der richtige Song an der richtigen Stelle war, wird man nicht erfahren. Was wäre das Lied für deine Beerdigung? Verrate es uns in den Kommentaren. Auf den nächsten Seiten haben Mitarbeiter der jetzt.de-Redaktion ihre Final Songs aufgeschrieben.


Radiohead - "How To Dissappear Completely"

Warum versuchen manche Menschen auf Trauerfeiern so aufgesetzt fröhlich zu sein? „Er hätte es bestimmt so gewollt“, heißt es dann oft. Nein, das hätte ich nicht! Nur nichts zwanghaft Fröhliches! Deshalb: "How To Disappear Completely“ von Radiohead. Denn nichts klingt so schön traurig wie Thom Yorkes endgültiges „I’m not here“. – Ja! So hätte ich es gewollt. andreas-glas


Pink Floyd - "Shine On You Crazy Diamond"

Auf keinen Fall bedeutungsschwangere und todtraurig. Die Tatsache, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr unter den Lebenden weile, sollte zur emotionalen Aufgewühltheit/ tiefen Schmerz/Verzweiflung völlig ausreichen. Der Dramaturgie mit pathetischen Lyriks noch ein Sahnehäubchen aufsetzen? Das wird hoffentlich nicht benötigt und hält doch sonst auch keiner mehr aus. Deshalb: etwas Ruhiges zum Augen schließen, erinnern und sich von der Musik wegtragen lassen – ohne dass ein Songwriter dír Gedanken aufzwingt. natalie-berner


Johnny Cash - "Hurt"

Ich bin kein Freund des bescheidenen Abgangs, nur Familienkreis und "in aller Stille" und dann schups in die Grube, das mag ich nicht. Wer sich den Nachmittag für meine Beerdigung frei nehmen kann, soll das auch tun - ich geh schließlich auch zu allen, die vor mir runter müssen. Meine Beerdigung soll auch nicht künstlich lustig sein, ich will die ganze Packung Pathos: Ich hab nix gegen feuchte Augen und schwarze Kleidung und deshalb drücke ich im Voraus gleich feste den Gefühle-Button und wünsche mir „Hurt“ als letzten Song. Und bin mal gespannt, ob ich Johnny in dem Moment, in dem die Trauergemeinde lauscht, schon die Hand gebe. peter-wagner


Mehrere Möglichkeiten. Wenn ich dabei wäre, quasi meinen letzten Atemzug tun würde: Charlie Rich - "Feel Like Going Home"

Wenn ich nicht dabei wäre, aber gerne hätte, dass alle weinen: George Jones - "He Stopped Loving Her Today", der traurigste Song, der jemals geschrieben wurde.

Wenn alle lachen sollen, dann würde ich für meinen Grabstein David St. Hubbins Idee klauen und darauf schreiben lassen: "Here lies Christina Waechter ... and why not?" Dazu passend müsste dann der Hit der fiktionalen Band Spinal Tap - "Big Bottoms" aus dem großartigen Film "This is Spinal Tap" gespielt werden.

christina-waechter


Mozart - Ave Verum

Nach langem Hin-und-Her-Überlegen fällt die Entscheidung dann doch auf etwas Klassisches. So eine Beerdigung ist schließlich etwas Feierliches. philipp-mattheis


Zweierlei. Einerseits habe ich mir schon sehr, sehr lange immer wieder geschworen, das letztes Lied müsste unbedingt und ohne Widerrede dieses hier sein: Lou Reed - "Perfect Day"

Andererseits bin ich mir bewusst, damit nicht gerade den Originalitätsbonus abzuschießen. Außerdem tendiere ich bisweilen eher dazu, den eigenen Tod als etwas Nebensächliches zu behandeln, deswegen möchte ich, ganz nach Tageslaune, auch manchmal nur ein nettes Liedchen wie dieses hier: Gorky's Zygotic Mynci - Spanish Dance Troup

Danach geht es eben weiter. Für die anderen. max-scharnigg

Text: max-scharnigg - Illustration: katharina-bitzl

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