Das Prinzip Abimotto

Einen Namen für etwas Neues zu finden, das mehreren gehört ist schwer. Wenn das Neue ein Mensch ist, gibt es zwei, die sich streiten, wenn das Neue eine Band ist, sind es vier bis sieben und wenn das Neue ein Abijahrgang ist, dann hat entweder keiner eine Idee oder alle 78 Teilnehmer der K13 eine eigene.
fabian-fuchs

Die Anforderung Weil man zum Zeitpunkt des Abiturs ja nicht nur in seiner schlausten, sondern auch lustigsten Geistesverfassung überhaupt ist, muss das Abimotto (beim Bandnamen ähnlich, beim Kindsnamen eher nicht) tonnenweise Witz und Originalität enthalten, darüber hinaus exklusiv, themenbezogen, zeithistorisch einzuordnen und dennoch knapp und markant sein. Trotz hoher Originalitäts-Ansprüche sind aber auch immer gewisse überlieferte Standards gesetzt. Das Wort ABI sollte irgendwie hineingewoben sein, außerdem gleicht sich der Satzbau in den allermeisten Fällen dem Muster: „AbiturXY- wir sind stark originell“ an. Also Abi-Wortspiel plus erläuternder bzw. erheiternder Zusatz. Bei all diesen Erfordernissen ist es kein Wunder, dass in den ersten drei Sitzungen, die Kollegstufensprecher und die Kreativabteilung des Kunst-LK einberufen haben, nichts rauskommt, das über: „(Tr)abi05 – wir fallen gleich auseinander“ hinauskommt.

Wortspiele und andere Überlegungen Kein Wort des deutschen Sprachgebrauchs dürfte auf seine Tauglichkeit zum Wortspiel besser abgeklopft sein als „Abi“. Das führt gelegentlich dazu, dass einfach sämtliche Redewendungen in denen ein b vorkommt zum Abi –Wortspiel gefoltert werden: „Sorge dich nicht, Abi!“, oder so.

Regelrechter Dauerbrenner sind „Alles in Abi“ / „Abi n die Ferien“ / "Ich (h)abi fertig", die die Versammlung solange in andächtige Begeisterung versetzen bis doch einer anmerkt, dass ebenjenes Motto bereits im Jahrgang der älteren Schwester Verwendung gefunden hätte.

Bei der eifrigen Suche nach einem neuen Wortwuschel gerät gelegentlich der Sinn des Slogans außer Sichtweite („Abi hier leben, nein danke!“) und es bedarf dann der Intervention des väterlichen Kollegstufenbetreuers, um die ventilierende Wortspiel-Versammlung auf den richtigen Pfad zu bringen: „Nehmt doch ‚Abitur ergo sum’ oder ‚Mens sana in der Sauna’ ! Ach nee, da kommt ja kein Abi vor“.

Die Zielfindung Sich auf ein Abimotto einigen zu müssen, bereitet besser auf das Berufsleben vor als sieben Jahre evangelischer Religionsunterricht. Die Gräben zwischen den Cliquen werden noch mal vergrößert, die kreativen Ausreißer (Vorschlag: „Abi Ghraib 06 - wir entkommen dem Knast“) müssen eingefangen und die destruktiven Störbengel (Vorschlag: „Ab(i)kacken 07 – Scheiße im Anzug!") aussortiert werden. Wie im späteren Leben kämpfen wenige gegen die Masse um zu verlieren und wie im späteren Leben wird die beste Idee zugunsten der fast besten ausgetauscht. Generell gewinnen Vorschläge mit massenpopulärer Konnotation („Abi007 – rührend durchgeschüttelt“) leichter, als solche mit eigenem Witz ("Abitour 09 – alle aussteigen, bitte!") Übrig bleibt ein Konsens, bei dem auch der Oma am Abiball nicht das Verständnis verlustig geht und über das auch der Mathe-LK lachen kann.

Die Strahlkraft Davon abgesehen, dass der Lokalteil bei seinem alljährlichen Abitur-Aufmacher (Überschrift: Viermal „sehr gut“ im Landkreis – Gilchinger sind die Besten) das jeweilige Motto überliefert, der T-Shirtdrucker den Schülerzeitungs-Font nicht auf die schwarzen Poloshirts kriegt und die Abizeitung das Motto mangels Anzeige groß auf den Heftrücken druckt, erfüllt es keinen weiteren Zweck. Allerhöchstens erinnert man sich beim fünfjährigen Klassentreffen in trunkener Runde daran und erörtert erwachsen, wie es dazu kommen konnte, bzw. wie man es zulassen konnte, dass „die“ oder „der“ das auswählt.

Die Illustrationen zeigen die aktuellen Abimotti von sechs Münchner Gymnasien, gemalt von katharina-bitzl.

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