Das Prinzip Bandname

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Da saßen wir also. Jonas hatte den Raum aufgetrieben, ein alter Kindergarten, der nächstes Jahr abgerissen würde. Bis dahin durften wir rein, sagte die Gemeinde. Stefan hatte seinem Bruder den Verstärker abgeschwatzt und stimmte die Gitarre. Ich robbte rund ums wackelige Flohmarkt-Schlagzeug und hatte nagelneuen Sticks. Es war still in dem Ex-Kindergarten wie wahrscheinlich niemals zuvor. Keiner musste etwas sagen. Wir wussten auch so, dass das Größte direkt vor uns lag. Eine eigene Band. Alles was von jetzt an hier passieren würde, war Legende. Das Einzige was noch fehlte, war ein Name. Ohne einen Bandname fängt keine Band an zu proben. Ohne einen Namen fehlte gewissermaßen das konstituierende Element. Selbst wenn man eine Punkband würde (was uns durchaus im Bereich des Möglichen schien) musste man sich vorher ordnungsgemäß taufen. Nachdem jeder von uns an diesem Nachmittag im alten Kindergarten einmal sein Instrument probehalber misshandelt hatte, saßen wir im Kreis und dachten uns einen Namen aus. Um Bandnamen wird deshalb immer so ein Gewese macht, weil es viel mehr Spaß macht, sich welche auszudenken und gegen die anderen zu verteidigen, als sich zum Beispiel stattdessen um den ersten Song zu kümmern. Das kann warten, das Namedropping nicht. Viele Bands sind deshalb schon vor dem ersten Lied an dem Streit über den Bandnamen zerbrochen. Gute Bandnamen sind ähnlich komplex und schwer zu finden, wie Kindernamen. Teilweise überschneiden sich die Anforderungen bei beiden Suchen (sollte man gut laut schreien können / sollte es nicht schon geben)

Die hoffnungsvolle Band "Dynamics" im Jugendzentrum Gauting. Andererseits geht es beim Bandnamen natürlich und anders als beim Kind um maximale Absonderlichkeit und Superoriginalität, deswegen macht das Brainstorming solche Freude. Es ist schon mal alles, was die Musik vielleicht nie schaffen wird, es ist rumspinnen, lachen und träumen. Alles was werden soll, kann der Bandname wenigstens andeuten. Es fängt allerdings immer damit an, dass einer (meistens der Bassist) einen spießigen Bandnamen-Bandnamen vorschlägt, etwas wie „The Kamikazes“ „The Dead Poets“ oder „My Pig Whistles“. Gedanke dahinter: Es sollte schon so seriös klingen, dass man notfalls auch bei Jahreshauptversammlungen von DAX-Unternehmen damit aufspielen könnte. In sehr unsicheren Anfangsphasen oder wenn der rechte Bandgeist fehlt, halten diese Namen bis zu den ersten Schulkonzerten, in richtig abgelegener Provinz auch bis zur ersten Platte. Unsere erste Namensphase mit der Kindergarten-Band endete dergestalt in dem hervorragenden und auch noch englischen Ausdruck „United Assbombs“. Das schien uns unangepasst, gefährlich, obszön, aber auch kosmopolitisch und nicht zu verkopft. Wir probten einige Wochen als UA (Abkürzbarkeit ist ja auch sehr wichtig!) und als sich die ersten Erfolge nicht so recht einstellen wollten, gab es einen an Schuldzuweisungen und großen Worten nicht gerade armen ersten Bandkrisenabend, an dem die vereinigten Arschbomben über Bord gingen. In der zweiten Phase der allgemeinen Bandnamensfindung werden für gewöhnlich Filme und andere popkulturelle Erzeugnisse, die man für ebenbürtig toll hält wie die zu erwartende Superband, auf ihre Inspirationstauglichkeit abgeklopft, gerne auch mit einer großen Ironiebrille auf der Nase. Da schwirren dann Dingen wie „Nastassja Kinski bei mir daheim “ (Typischer Satz mit dem das abgelehnt wird: „Ist schon gut, ist aber ein besserer Albumtitel als ein Bandname. Das erste Album heißt dann so.“) oder „The Hotzenplotzens“ durch die Kombüse. Diese klassische zweite Phase führte bei unserer Band, inzwischen war es Sommer geworden und der Kindergarten stand immer noch, zu dem Namen „Krösa Maja“. Das schien uns gut zu dem – mit einigem Wohlwollen so zu nennenden - sonnigen Indierock zu passen, dem wir uns nun in großer Geste zugewandt hatten. Der Name war retro, kam bei Frauen sicher gut an und außerdem war er so höllisch ironisch, dass es knackte. Das einzige was aber bald knackte und zwar final war Stefans Verstärker, so dass die Freude über den neuen Bandnamen bald ganz andere Diskussionen nach sich zog, in denen unter anderem die Wörter „Bandkasse“ und „Akustik-Platte“ fielen. Immerhin klopften uns die Schulkameraden bei „Krösa Maja“ anerkennend auf die Schulter und fanden das „irgendwie so krank“. Das ging uns runter wie Öl. In der dritten Phase der klassischen Bandtaufung, kommt man einem guten Name am nächsten. Das ist die Zeit in der sich die Kreativität in der Band an die richtigen Stellen verteilt hat und man sich gemeinsam den Kopf auch schon mal so richtig schön frei gespielt hat. In diese Phase fiel unsere dritte Umbenennung, die ja immer auch mit ein wenig neuem Personal oder mindestens einer stilistischen Variation einhergeht. Schließlich wirft man den alten Bandnamen, auf dem man sich ja nicht gerade mit wenig Mühe und auf jeden Fall mit viel Gejohle geeinigt hat, nicht einfach so weg. Stattdessen sortierten wir „United Assbombs“ und „Krösa Maja“ als frühere Projekte ein, die wir auch fortan weiter in unserer Musikerbiographie herumtrugen und –zeigten. "Hast du schon in vielen Bands gespielt?“ „Ja, so drei bis vier, das erste war eher so ein Punkding, hat aber Spaß gemacht. Dann so ein klassischer Gitarrensound, so britpopmäßig und jetzt bei meinem aktuellen Projekt machen wir so Elektro-Postrock-Zeug, wir haben da einen ziemlich genialen Gitarristen....“ Drei Bands sind also genaugenommen oft nur drei Bandnamen. In der letzten Phase waren bei uns im alten Kindergarten plötzlich seltsame Instrumente aufgetaucht, Kinderkeyboards und Tamburine und ich hatte mir von meinem letzten Geld fürs Schlagzeug eine beknackte Cowbell gekauft, von der ich mir unendlich stimmungsvolle Akzente versprach. Weil wir außerdem kurzzeitig noch eine Sängerin (bzw. eben das einzige Mädchen, vor dem wir uns nicht genierten, wenn wir uns hammermäßig verspielten) verpflichtet hatten, stand wieder eine Namensänderung an. Außerdem das erste richtige Konzert vor der Tür. Irgendwie wollten wir das Weibliche, das uns mittlerweile zu melancholischen, deutsch-textenden Gitarrenpoppern gemacht hatte mit unserem Namen ausdrücken. Die Ironie sollte ein bisschen zurückgefahren werden, dafür durften gerne Referenzen an die 80er dabei sein, wegen unseren Kinderkeyboards. Wir nannten uns also „Super, Gaby“. Vor allem das Komma war sehr wichtig. Bis der Kindergarten endgültig abgerissen wurde, blieben uns zehn Monate, danach verstreute sich die Band zwischen Zivistelle in Hamburg und Studium in Passau. In diesen zehn Monaten als „Super, Gaby“ haben wir es natürlich gehabt, das Größte: Eine okaye Band mit wenigstens tollem Namen.

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